Neonazistischer Aufmarsch des „III. Weg“ am 30. Jahrestag der Deutschen Einheit in Berlin

Vor 30 Jahren vereinigte sich die DDR mit der westdeutschen BRD zur neuer Bundesrepublik Deutschland. Die anschließenden 1990er Jahre waren insbesondere in den neuen Bundesländern geprägt durch rechten Terror, denen viele Menschen zum Opfer gefallen waren. Einer dieser Orte, an dem es besonders häufig zu neonazistischer Gewalt kam, ist der Berliner Bezirk Lichtenberg. Auch heute noch ist der Bezirk bekannt für seine rechtsextremen Strukturen. Folglich suchte die extrem rechte Kleinstpartei „Der III. Weg“ den Stadtteil Hohenschönhausen im Bezirk Lichtenberg aus, um hier am 3. Oktober 2020, dem Jahrestag der Deutschen Einheit, ihren ersten größeren Aufmarsch dieses Jahr durchzuführen.

Der Aufmarsch des „III. Weg“ in Berlin war der Ersatz für den wegen der Corona-Pandemie abgesagten Aufmarsch in Erfurt am 1. Mai diesen Jahres. Traditionell sind die 1. Mai-Demonstrationen am „Tag der Arbeit“ die größten Aufmärsche der Kaderpartei und fanden in den vergangenen Jahren fast ausschließlich in Sachsen und Thüringen statt. Hier leben auch die meisten Sympathisant:innen und Mitglieder des „III. Weg“. Über 600 Teilnehmende waren hier keine Seltenheit. Doch auch in Berlin und Brandenburg wächst ihr Zuspruch unter Rechtsextremen. Mit Matthias Fischer wohnt im nahegelegenen Angermünde in der Uckermark der stellvertretende Parteivorsitzende. Lichtenberg ist das Hauptbetätigungsgebiet des „III. Weg“ in der Hauptstadt.

Zum Aufmarsch wurde bundesweit unter dem Motto „Ein Volk will Zukunft! Heimat bewahren! Überfremdung stoppen! Kapitalismus zerschlagen!“ mobilisiert. Es beteiligten sich jedoch nur etwa 300 Personen an der Demonstration am 3. Oktober, die ihren Anfangs- und Endpunkt am S-Bahnhof Wartenberg hatte. Eröffnet wurde die Veranstaltung von Tony Gentsch, einen der führenden Köpfe und der bislang einzige Mandatsträger der Partei. Er sitzt für den „III. Weg“ im Plauener Stadtparlament. Schon seine Eröffnungsrede war von revisionistischen und rassistischen Aussagen geprägt. Auch die Corona-Pandemie wurde, wie so oft von der extremen Rechten, in Zweifel gezogen.

Als zweiter Redner trat mit Julian Bender eine weitere Führungsfigur auf. Der Gebietsverbandsleiter West bezeichnete den „Tag der Deutschen Einheit“ lediglich als Teilvereinigung und sah hinter den Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 einen Plan der Regierung, ihre Macht zu festigen. Vizevorsitzender Matthias Fischer stimmte die Menge anschließend auf eine „kraftvolle“ Demonstration durch die „ehemalige Reichshauptstadt“ ein.
Diese war jedoch nicht ohne Einschränkungen möglich. Die Berliner Polizei erteilte den Demonstrationsteilnehmer:innen strenge Auflagen, die die Durchführung des Aufmarsches erheblich einschränkte. So durfte nur eine Trommel geschlagen werden und auch auf die durchgehend einheitliche Kleidung, wie sonst üblich, musste verzichtet werden. Hinzu kamen die Coronaschutzmaßnahmen, die den Teilnehmenden das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes und die Wahrung eines Abstandes von 1,50 Meter auferlegte.

Angereist waren die Teilnehmenden aus dem gesamten Bundesgebiet, aber auch aus Schweden, Dänemark, Griechenland und der Ukraine. Teilnehmer:innen aus Berlin gab es nur sehr wenige. Neben einigen Vertreter:innen des früheren „NW-Berlin“ war unter den Teilnehmenden, laut Berlin Rechtsaußen, auch Ronny B. zu finden. Der frühere Skinhead und BFC-Hooligan war mutmaßlicher Anführer beim Übergriff auf ein Punk-Konzert in der Zionskirche im Oktober 1987.

Trotz der breiten Mobilisierung durfte sich die Anreise für viele Teilnehmende nicht gelohnt haben. Den Neonazis stand eine große Überzahl von Gegendemonstrant:innen gegenüber. Lange im Vorfeld hatten mehrere antifaschistische Bündnisse nach Berlin-Hohenschönhausen mobilisiert, um sich dem „III. Weg“ in den Weg zu stellen. Immer wieder gab es Versuche, die angemeldete Route des Aufmarsches zu blockieren. Die Blockaden führten schließlich dazu, dass der Aufmarsch nach nicht einmal 700 Metern zum Stehen kam und für längere Zeit nicht weiter ziehen konnte. Trotz eines Großaufgebots der Polizei waren die Blockaden nicht zu räumen, sodass die Polizei gezwungen war, die Demonstrant:innen des „III. Weg“ auf einen anderen, deutlich verkürzten Weg zurück zum S-Bahnhof Wartenberg umzuleiten.

Bei einer Zwischenkundgebung sprach der schwedische Rechtsextreme Fredrik Vejdeland der Nordic Resistance Movement von der Stärke des „Blutes“ und dem baldigen Sieg der „nordischen Rasse“. Auch die Parolen und Transparente der Demonstrierenden wiesen auf klare Bezüge zum Nationalsozialismus hin. Mit dem auf zwei Bannern geschriebenen Aufruf „Berlin erwache“, einer Anspielung auf den neonazistischen Slogan „Deutschland, erwache“, und der Forderung nach einem „Deutschen Sozialismus“ glorifizierten die Demonstrierenden den Nationalsozialismus.

Als Abschlussredner der Demonstration des „III. Weg“ trat der bekannte Szene-Anwalt Wolfram Nahrath auf. Der frühere Vorsitzende der 1994 verbotenen Wikingjugend sprach in seiner Rede von der Anerkennung der deutschen Leistungen und den rund 7.000 Jahren zurückliegenden Wurzeln des deutschen Volkes. Mit Zitaten historischer Persönlichkeiten wie Bismarck und Händel stellte er die vermeintliche Überlegenheit der Deutschen heraus. Gleichzeitig lehnte er den „Schuldkult“ um die Verbrechen der Nazis ab und forderte den Zusammenhalt aller europäischen Völker, die sich nicht noch einmal in einen Krieg hineinziehen lassen sollten. Seine ausschweifende Rede traf auf reichlich Zustimmung unter den Neonazis.

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