Im Weltbild vereint – Verbindungen von Esoteriker:innen und Rechtsextremen bei den Corona-Protesten

Das verschwörungsideologische Weltbild von Corona-Demonstrant:innen

Das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. (JFDA) beobachtet seit April 2020 die sogenannten Hygienedemos in Berlin, die mittlerweile unter dem Namen „Corona-Demos“ bzw. „Corona-Proteste“ bekannt sind, und ein breit gefächertes Personenspektrum anziehen. Dazu zählen unter anderem Esoteriker:innen und Naturheilkundler:innen, die daran glauben, dass Covid-19 durch Vitamine oder Fruchtsäfte heilbar wäre, völkische Siedler:innen, die Kekse und Ausgaben des Grundgesetzes verteilen, gläubige Christ:innen, die auf den Demos tanzen, Impfgegner:innen und -skeptiker:innen, Antisemit:innen, die den Glauben an eine „jüdische Weltverschwörung“ und angebliche Machenschaften u.a. der Familie Rothschild propagieren, organisierte neonazistische Kameradschaften, AfD-Politiker:innen, Anhänger:innen des QAnon-Verschwörungsmythos, Trump-Unterstützer:innen, sogenannte Reichsbürger:innen, die die Existenz und Souveränität der Bundesrepublik leugnen und einen „Friedensvertrag“ fordern, sowie zahlreiche Menschen, die diffuse Ängste haben und ihre Abneigung gegen die freie Presse, wissenschaftliche Erkenntnisse sowie die Bundesregierung und Kanzlerin Merkel aggressiv nach außen tragen.

Dieses gemischte Personenspektrum wird durch ein irrationales „Verschwörungsweltbild“[1] geeint, das vom Glauben an „dunkle Mächte“ und einflussreiche Eliten geprägt ist, die angeblich im Verdeckten gegen „das Volk“ agieren würden. Das gemeinsame Auftreten von Esoteriker:innen und Rechtsextremen – seien es Neonazis, Akteur:innen der „Neuen Rechten“, AfD-Mitglieder, rechtsextreme YouTuber:innen – ist nicht nur ein Phänomen der „Corona-Proteste“, sondern basiert auf Parallelen in den Weltbildern. Die Konfrontation mit einem Virus wie SARS-CoV-2, welches vielen Menschen als komplex und nicht konkret fassbar erscheint, aber zugleich das alltägliche Leben durch die unternommenen Maßnahmen stark beeinflusst, bildet den Kontext, in dem der Glaube an die Beherrschung der Welt durch geheime Mächte offen ausgelebt werden kann.

Die komplexe Problematik der Covid-19-Pandemie wird nicht rational verstanden, sondern in einer Art personalisiert, in der Personen wie Bill Gates oder der amerikanisch-ungarisch-jüdische Investor George Soros zu „Verschwörern“ werden, die die Pandemie bewusst geplant haben, um von ihr zu profitieren. Abstrakte gesellschaftliche Prozesse werden so psychisch konkret fassbar gemacht, indem Schuldige benannt werden, gegen die sich Wut und Hass richten können. Dieses verschwörungsideologische Weltbild ist bei Neonazis und Rechtsextremen seit jeher vorhanden. Im Zuge der „Corona-Proteste“ hat es eine gefährliche Verbreitung erfahren. Es wird auf den Straßen und in den sozialen Medien offen artikuliert und bei einem Teil der deutschen Bevölkerung salonfähig gemacht, bei dem es bis dahin nur latent vorhanden war bzw. bei dem es in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde. Dazu zählen auch Vertreter:innen der esoterischen Szene, die im Kontext der Corona-Demonstrationen verschwörungsideologische Inhalte propagieren, die nahezu deckungsgleich zu denen von Rechtsextremen sind. Wie kann das sein?

 

Esoterik und Antisemitismus – ein historischer Überblick

Teilnehmende der Coronademonstration am 29.08.2020 in Berlin. Bild: JFDA e.V.

Die Esoterik hat ihre Anfänge im ausgehenden 18. Jahrhundert. Bereits zu dieser Zeit waren Überzeugungen verbreitet, dass geheime Kreise die Absicht hegten, die vorgegebene Ordnung von Kirche und Staat zu untergraben. Schon früh wurden dafür Jüdinnen:Juden verantwortlich gemacht. Diese Entwicklung setzte sich auch im 19. Jahrhundert fort. Hier schickten sich Einzelpersonen wie der Franzose Gabriel Jogand-Pagès alias Léo Taxil an, die Bevölkerung über die angeblichen Pläne einer freimaurerisch-jüdischen Weltverschwörung aufzuklären. Höhepunkt dieser Entwicklung war die Entstehung und Popularisierung der fiktiven „Protokolle der Weisen von Zion“, die bis heute weltweit verbreitet sind und immer wieder von Antisemit:innen herangezogen werden, um einen vermeintlich jüdischen Plan zur Aufteilung und Beherrschung der Welt zu erklären. Ein bekanntes Beispiel aus rechtsesoterischen Kreisen war das Ehepaar Erich und Mathilde Ludendorff. Der ehemalige General Erich Ludendorff, der durch seine Kriegstaktiken im Ersten Weltkrieg hohes Ansehen erlangte, verbreitete seit den 1920er Jahren antisemitische, antifreimaurerische und antikommunistische Verschwörungsmythen, die, trotz der Entfremdung Ludendorffs zu Hitler in späteren Jahren, wegweisend für den Antisemitismus des Nationalsozialismus wurden.

Zur gleichen Zeit etablierte sich in Deutschland die Umweltbewegung, die ihre Ursprünge jedoch noch in der Wilhelminischen Zeit hat. Sie wurde von Ideen der deutschen Romantik und der Heimatbewegung geprägt. Einer ihrer bekanntesten Vertreter ist der Anthroposoph Rudolf Steiner. Wie auch bei der völkischen Bewegung, zu denen es Schnittmengen gab, sahen die frühen Umweltschützer:innen das urbane Gefüge der Stadt und den Kosmopolitismus als Grab der „weißen Rasse“ sowie als Brutstätte des Sozialismus und der verhassten Frauenbewegung. Der Naturschützer und Schriftsteller Hermann Löns, an den heute noch an vielen Orten durch Straßennamen erinnert wird, erklärte beispielsweise, dass Naturschutz gleichbedeutend mit Rassenschutz sei.

Parallel dazu entwickelte sich in Deutschland auch die sogenannte Lebensreform-Bewegung. Diese propagierte gesunde Ernährung, Heilkunde und „Rassenhygiene“, kämpfte gegen Alkohol und Nikotin, predigte Tierschutz, Vegetarismus und „nordische Freikörperkultur“. Zwar war die Bewegung durchaus heterogen, doch gab es in ihr nicht wenige völkisch-antisemitisch gesinnte Gruppierungen. Der Entwurf eines naturverbundenen Lebens der Bewegung sah Siedlungen im ländlichen Raum vor, in denen mit zinsfreiem Geld ein „fairer“ Kleinkapitalismus mit agrarisch-handwerklichen Berufen Wirklichkeit werden sollte.

Aus diesem geistigen Kontext heraus entwickelten die Nationalsozialist:innen in den folgenden Jahren vermeintlichen Umweltschutz, indem sie die Erhaltung der „deutschen Erde“ propagierten. Im nationalsozialistischen Weltbild wurde alles, was dieser schadete, als jüdisch imaginiert. Die Nazis stellten die Industrialisierung in ihrer Propaganda als jüdisches Projekt dar und verbreiteten antisemitische Narrative, nach denen die Großindustrie von Jüdinnen:Juden beherrscht wurde. Gleichzeitig nutzten sie die Produktivkraft der Industrie zur Vorbereitung ihres Vernichtungskrieges und stellten einem angeblich deutschen „schaffenden Kapital“ ein vermeintlich jüdisches „raffendes Kapital“ gegenüber, das sich ausschließlich in der Finanzwelt bewege. Heinrich Himmler, der bekennender Anhänger der Esoterik war, baute als Reichsführer-SS die nationalsozialistische Eliteeinheit nach den Idealen der Lebensreform auf. Die Naturverbundenheit und Körpergesundheit sollten die Grundlage der Ideologie der „Rassenreinheit“ und der Erhaltung von „Scholle, Blut und Boden“ dienen.

 

Gegenwärtige Erscheinungsformen

Diese Vorstellungen und Ideologiefragmente sind in rechtsesoterischen Kreisen und der extremen Rechten bis heute verbreitet. Sie finden ihren Ausdruck z.B. in völkischen Siedler:innen-Projekten in der ganzen Bundesrepublik. Bekannteste Vertreterin in jüngster Zeit ist hier etwa die sogenannte „Anastasia“-Bewegung. Bis heute begründen Neonazis und Reichsbürger:innen ihren Rassismus und Antisemitismus auch mit der pseudo-ökologischen Behauptung, dass Menschen, Pflanzen und Tiere einen angestammten Platz auf der Welt mit einem eigenen Ökosystem hätten. So sei die sogenannte „Überfremdung“ Deutschlands zugleich eine Schädigung der Umwelt und eine Ausweisung aller vermeintlichen Nicht-Deutschen wiederum eine ökologische Entlastung. Diese Vorstellung wurde bereits im 1981 verabschiedeten „Heidelberger Manifest“ vertreten, das u.a. von der verurteilten Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck unterschrieben wurde.

Teilnehmer an einer Coronademonstration am 06.06.2020 in Berlin. Bild: JFDA e.V.

Auch vermeintlich progressive Akteure wie (ehemalige) Mitglieder grüner Parteien und/oder Verbände vertreten eine rechts-esoterische Ideologie oder haben dies in der Vergangenheit getan, wie etwa Reinhard Falter. Dieser schrieb 2002, dass die „religiös bedingte Naturfeindschaft“ zur kulturellen „Tradition des Judentums“ gehöre.[2] Insbesondere die Anthroposophie, die einflussreichste Strömung der Esoterik in Deutschland, spielt bei jüngeren Betrachtungen eine wesentliche Rolle. Sie findet ihren Widerhall heute in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, in Kosmetikprodukten der Marke Weleda, dem Konzept der Waldorfschulen und der GLS-Bank sowie Gruppen wie beispielsweise die „Netzwerk Dreigliederung“, die in Stuttgart bei den Protesten gegen Stuttgart 21 eine Rolle gespielt haben. Obwohl die hier aufgeführten Vertreter:innen einer sich umweltbewusst gebenden Mittelschicht augenscheinlich keine Verbindungen zu eben jenen rechts-esoterischen Kreisen haben, sind bestimmte dieser Marken auch in diesen Milieus beliebt. Weitere Verknüpfungspunkte zur Esoterik finden sich in den Elementen der von Silvio Gesell begründeten „Freiwirtschaft“, die aufgrund ihrer Verurteilung von Geld und Zins an antisemitische Stereotype, wie das der „raffenden“ Juden und „Wucherjuden“ anschlussfähig sind, finden sich in der Globalisierungskritik, wie sie von Organisationen wie Attac oder Bewegungen wie Occupy Wallstreet vertreten wird.

Die Sphären, in denen sich Esoteriker:innen bewegen, sind vielschichtig. Themen wie Umwelt- und Tierschutz, Naturverbundenheit sowie Globalisierungskritik werden traditionell als linke Themen betrachtet, stellen aber eben auch den Kern einer rechten Esoterik dar. bzw. finden sich teilweise auch ganz offen in Wahlprogrammen beispielsweise der NPD wieder. Das macht es so schwierig, ihre Vertreter:innen auf den ersten Blick zu erkennen und zuzuordnen. So ist die Forderung nach einer Abgrenzung von scheinbar nicht-rechten Skeptiker:innen der Corona-Pandemie zu Neonazis und Reichsbürger:innen wenig erfolgsversprechend. Wer sozialdarwinistische Naturgesetze über Menschenrechte stellt und hinter dem Virus und den Gegenmaßnahmen der Regierung “dunkle Mächte” sieht, hat den Pfad eines antihumanistischen und antidemokratischen Wegs bereits beschritten und lässt sich davon nur noch sehr mühsam wieder abbringen.

 

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[1] Den Begriff „Verschwörungsweltbild“ verwendet Samuel Salzborn in einem Interview des Magazins Mitbestimmung (Ausgabe 03/2020) der Hans-Böckler-Stiftung. Online: https://www.boeckler.de/de/magazin-mitbestimmung-2744-antidemokratische-rebellion-24227.htm
[2] Reinhard Falter, „Das Umweltproblem neu formulieren. Ein Versuch jenseits von Naturalismus und Soziologismus“, in: Naturkonservativ heute, 3. Jahrgang 2003, S.25. Zitiert nach Bierl, Peter: „Feindbild Mensch – Ökofaschismus, Esoterik und Biozentrismus und ihre Verbindungslinien“, in: Schuster, Udo (Hrsg.): Rassismus im neuen Gewand. Herausforderungen im Kommunikationszeitalter 4.0. München 2017. S. 217 – 264

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