Das Lachen der „einsamen Wölfe“: Rechtsterroristische Täter, Antisemitismus, Weiblichkeitsabwehr

1. Gemeinschaft in der Isolation

Der 22. Juli 2020 markiert den neunten Jahrestag der Terroranschläge in der norwegischen Stadt Oslo sowie auf der Insel Utøya. Das Leben von 77 Menschen fiel dem rechtsextremen Attentäter Anders Behring Breivik zum Opfer.

Fünf Jahre später, am 22. Juli 2016, ermordete der Attentäter von München neun Menschen, verletzte fünf weitere und tötete sich kurz vor seiner Verhaftung selbst. Nach eigenen Angaben sah er sich in der Tradition von Breivik, den er als Vorbild verehrte und das Datum seines Anschlags daher mit Bedacht wählte.

Am 22. Juli 2020, sitzt der Attentäter von Halle am zweiten Prozesstag auf der Anklagebank des Landgerichts Magdeburg. Am 9. Oktober 2019, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, wollte er alle anwesenden Jüdinnen und Juden in der Synagoge im Paulusviertel ermorden, da er hinter ihnen die Verantwortlichen für die intendierte Vernichtung der „weißen Rasse“ ausfindig gemacht glaubte. Nachdem er die Eingangstür auch mit Waffengewalt nicht öffnen und das Gebäude nicht betreten konnte, erschoss er zwei Menschen.

Alle drei Täter kämpften einen ähnlichen, wenn nicht sogar den gleichen Kampf: sie sahen sich als soldatische Einzelkämpfer einer welterklärenden Ideologie, die sich gegen eine vermeintliche „Überfremdung“ der eigenen „Kultur“ durch Migration, gegen alles Weibliche oder als „verweiblicht“ wahrgenommene, alles Progressive, alles Abstrakte, alles Moderne richtet. Hinter all diesen Erscheinungen gibt es in letzter Instanz allerdings einen Feind, der das vermeintliche Leid geschickt orchestriere: das Judentum, dem in verschwörerischer Manier nachgesagt wird, für alles, was als schlecht wahrgenommen wird, in böser Absicht verantwortlich zu sein. Dagegen wollten sie sich zur Wehr setzen, sahen sich nach eigenen Angaben dazu gezwungen, wollten und wollen durch ihre Taten und ihre Gerichtsprozesse ihre Ideologie verbreiten, zur Nachahmung auffordern.

Alle drei Täter sind Männer. Und alle drei sind häufig als „Einzeltäter“ beschrieben worden. Als einsame Wölfe, „Lone Wolfs“. Diese Begriffe sind recht unscharf, streng genommen nicht adäquat, könnten dazu verleiten, die Täter als ausgestoßene, bemitleidenswerte Kreaturen romantisch zu verklären. Richtig ist aber auch, dass rechtsextreme Attentäter häufig isoliert auftreten und sich nicht mit anderen Personen zusammentun oder organisieren. Rechtsterrorismus hat aber verschiedene Organisationsformen: häufig agieren AttentäterInnen auch weitestgehend autonom, werden dabei aber von Einzelpersonen oder Netzwerkstrukturen unterstützt, wie im Fall des NSU.

Breivik und die Attentäter von Halle und München waren sozial isoliert und pflegten kaum Sozialkontakte. Sie hatten keine MitwisserInnen, weihten offenbar niemanden in ihre Pläne ein. Dennoch sind sie selbstverständlich nicht ideologisch isoliert, sondern haben sich ausgiebig mit falschem Wissen eingedeckt. Wissen, dass sie in sozialen Netzwerken, im Web 2.0, in geschlossenen und anonymen rechtsextremen Chatgruppen und Foren erworben haben. Daher besteht zwischen den vermeintlich einsamen Wölfen (und anderen) durchaus eine gemeinschaftliche Kontinuität.

2. Triumphierende Selbstinszenierung im Lachen

„Der Killer lächelt, lacht und tobt sich aus“, schreibt Klaus Theweleit in seinem Buch „Das Lachen der Täter“ am Beispiel Breivik. Und: „Der Killer triumphiert. Später im Prozess labt er sich an der Hilflosigkeit seiner Diagnostiker, wie er sich an der Hilflosigkeit der Opfer labte.“ Und auch der Attentäter von Halle wirkte vor Gericht, als würde er sich selbst feiern, seinen eigenen Triumph auf der Bühne des Gerichtssaals zur Schau stellen. An den ersten beiden Prozesstagen war auffällig, dass er häufig kurz lachte, fast frech wirkte, belustigt-empört darüber, dass die Richterin seine Beweggründe nicht nachvollziehen konnte. Wie die Jüdische Allgemeine berichtet, verfolgte er am zweiten Prozesstag die Sichtung des Tatvideos „anfangs mit einem breiten Grinsen im Gesicht“.

Das Lachen der Täter – es ist ein Triumph über die eigene Krise, die immer auch eine Krise der Männlichkeit ist.

Adorno und Horkheimer, darauf weist Theweleit hin, bezeichnen in der Dialektik der Aufklärung das Lachen als „Zeichen der Gewalt“, als „Ausbruch blinder, verstockter Natur“. Sigmund Freud wiederum erkannte das Lachen als ersten Ausdruck einer vollkommenen Entspanntheit eines gesättigten Säuglings, der sich in einem Zustand von Erfüllung und Glück wähnt. Und die „heutige Forschung“, so Theweleit vermutlich in Bezug auf Erkenntnisse der Evolutionsbiologie, deute das Lachen eher als Relikt des „[Zähne-]Fletschen[s], das üblicherweise dem Biss vorausgeht“. Möglicherweise sind all diese Aspekte relevant für „das Lachen der Täter“.

Zur historischen Analyse von Gewalt und Faschismus eignet sich Theweleits Werk nur bedingt, wie Uli Krug in der Zeitschrift Jungle World im Dezember 2019 anlässlich der Neuauflage von Theweleits monumentalen „Männerphantasien“ treffend feststellte: „Wofür das Buch so dankbar aufgenommen wurde […], als neuartige Faschismusanalyse nämlich, darin aber versagt es. Denn warum der »soldatische Mann« deutscher Bauart Konzentrationslager baute, sein alliiertes Pendant sie aber befreite, bleibt völlig offen“.

Das ist natürlich völlig richtig. Es ist dennoch vor dem Hintergrund des 22. Juli und dem andauernden Prozess des Attentäters von Halle in Magdeburg möglicherweise gewinnbringend, Theweleits Theorien zu rekapitulieren um zu verstehen, wie eine gekränkte Männlichkeit in eine soldatische umschlagen kann, die die Lustabwehr der sozialen Isolation durch Lust am Töten ersetzt, die zum triumphalen Lachen des „Wolfes“ führt, der sich als Beschützer des „Rudels“ gegen unsichtbare Feinde wähnt und damit grandios-narzisstisch selbstüberschätzt.

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