Wie wahnhaft ist der Verschwörungswahn? Zur Pathologisierung Attila Hildmanns in den sozialen Netzwerken

Attila Hildmann hat erneut vor dem Alten Museum Berlin eine Kundgebung abgehalten. Beobachter:innen und Kommentator:innen in den sozialen Netzwerken fragen sich schon seit Längerem: Ist er ein gefährlicher Demagoge oder ein nicht ernstzunehmender „Spinner“, der in Behandlung gehört?

Am Samstag, 20.06.2020, sprach Hildmann erneut auf den Treppenstufen des Alten Museums in Berlin, das ihm eine opulente Kulisse bot. Hildmann bediente in seiner knapp eineinhalbstündigen Ansprache verschiedene Ideologeme eines post-Shoa-Antisemitismus, nach denen „die Zionisten“ hinter der Weltbank, hinter der Gates-Foundation, hinter dem Programm ID 2020 stehen. Mit seiner Bemerkung über die „eingeredete“ Schuld der Deutschen am Weltkrieg und den Konzentrationslagern sowie z.B. durch seine telegram-Kommentare über die vermeintliche Finanzierung des Holocausts durch „die Zionisten“, wurden die rechtsextremen und antisemitischen Tendenzen in seiner Welterklärung deutlich. Sein Publikum wusste seine Codes zu verstehen: auf seinen Ruf „Es heißt ‚Nationalist‘ und ‚Sozialist‘“ rief ein Teilnehmer der Kundgebung deutlich „‘Zionist‘“ – eine Anspielung auf eine verbreitete Denkfigur, nach der die Abkürzung „Nazi“ in Wirklichkeit für „Nationale Zionisten“ stehe. Für seine Äußerung, dass er, falls er einmal im Gefängnis landen werde, er dort „Mein Kampf 2.0“ schreiben würde, erntete Hildmann Lacher – und kommentierte dies damit, dass man mit seinen Initialen [A.H.] solche „Späßchen“ machen dürfe.

Auf die Berichterstattung des JFDA über diese Kundgebung folgten Kommentare in den sozialen Medien, in denen Attila Hildmann als „Psychopath“, als „wahnsinnig“ beschrieben wurde. Er gehöre eigentlich in „Behandlung“, Beachtung schenken sollte man ihm daher nicht. Durch die Verbreitung seiner „verrückten“ Thesen würde ihm nur unnötige Aufmerksamkeit beschert, dabei sei er offenbar psychisch „gestört“.

Derartige Pathologisierungen antisemitischer, rechtsextremer und antidemokratischer Ideologien sind wiederkehrend auch in anderen Kontexten zu beobachten. Es wäre allerdings ein Trugschluss, solche Ideologien nur als Ausdruck einer Psychopathologie zu begreifen und damit zu verharmlosen. Denn auch wenn es analytische und semantische Parallelen zu bestimmten Formen psychischer und psychiatrischer Störungsbilder gibt, fallen sie nicht unterschiedslos ineinander.

Hildmanns öffentliche Radikalisierung der vergangenen Wochen hat sich sehr schnell vollzogen. Das hat viele Beobachter:innen dazu veranlasst, von einer plötzlich einsetzenden psychiatrischen Störung als Ursache hierfür auszugehen. Grundsätzlich: eine solche Schlussfolgerung wird nur eine von qualifiziertem diagnostischen Personal erstellte Untersuchung untermauern können – und auch das ist schon schwierig genug.

Knapp 65.000 Personen folgen Hildmanns öffentlichem Telegram-Kanal. Viele „Schaulustige“ werden sicherlich dabei sein. Allerdings zeigen die Ergebnisse der von ihm geteilten Umfragen, dass es offenbar eine Art „Mehrheitsmeinung“ zu bestimmten Themen gibt. Ein eindrückliches Beispiel ist seine Umfrage zur „Finanzierung des Holocaust“, bei der 5% der Teilnehmenden für „die Japaner“, 8% für „die Araber“ und ganze 87% für „die Zionisten“ als Finanziers stimmten (Stand 23.06.2020: 5843 abgegebene Stimmen). Weitere Antwortoptionen wurden nicht vorgegeben.

Wenn man Hildmann unterstellt, „verrückt“ zu sein und ihm daher keine Aufmerksamkeit zu schenken sei, werden die von ihm vertretenen Inhalte pathologisiert und seine Aussagen lediglich als Ausdruck einer psychischen Störung gewertet. Durch diese Pathologisierung und die einseitige Fokussierung auf die Person Hildmann wird aber das eigentliche Problem externalisiert und aus dem Fokus genommen: Auch Attila Hildmann ist Teil eines komplexeren gesellschaftlichen Zusammenhangs, den es zu untersuchen und zu kritisieren gilt – unabhängig von der psychischen Integrität all derjenigen, die diese und ähnliche Gedanken teilen.

Seit kurzem wird gegen Hildmann durch den Staatsschutz des Landes Brandenburg ermittelt.

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