„Berlin hat ein Antisemitismusproblem“ (Borgmanns Blick)

„Berlin hat ein Antisemitismusproblem“

Wirklich?

Ja, das sagt der Berliner Justizsenator.

Aber davon bekommt man doch gar nichts mit!

Stimmt. Vom Antisemitismus in dieser Stadt bekommt man gar nichts mit. Wirklich. Es sei denn, man ist Jude. Und da man den Menschen ihr Judentum nicht ansieht, fragt man sich natürlich, woran denn die Antisemiten Juden erkennen, die sie bedrohen, einschüchtern oder gegen die sie gar Gewalt anwenden.

Sehen Sie: Die Diskriminierung von Juden hat etwas mit Sichtbarkeit zu tun. Ein kleiner Davidstern an der Halskette, eine Kippa als Kopfbedeckung, ein seltsamer Hut, ein paar weiße Kordeln, die unter einer schwarzen Weste hervorlugen. Sie sagen, solche Juden gibt es ja kaum. Richtig. Die meisten Juden in Berlin tragen keine Zeichen, die sie als Juden erkennbar machen. Einige reden vielleicht Hebräisch in der Öffentlichkeit und machen dadurch auf sich aufmerksam. Aber auch das sind nur ganz wenige.

Gerade deshalb erscheint die Vielzahl antisemitischer Vorfälle in Berlin so ungeheuerlich, so ungeheuerlich hoch: 368 Personen waren 2018 in Berlin von antisemitischen Vorfällen unmittelbar betroffen. Über 73 Prozent mehr als im Vorjahr. Mehr als die Hälfte der Betroffenen waren Juden oder wurden von Antisemiten als solche angesehen. Die übrigen waren Menschen, die durch Symbole oder ihr Verhalten offen ihre Solidarität mit dem Judentum oder mit Israel zum Ausdruck brachten. Nimmt man die Zahl der Angriffe, Bedrohungen, die Fälle von verletzendem Verhalten, gezielte Sachbeschädigungen und die Zahl antisemitischer Massenzuschriften zusammen, wurden im Jahre 2018 insgesamt 1083 antisemitische Vorfälle registriert.

Dies berichtet jetzt RIAS, die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Berlin. Dort melden sich diejenigen Personen oder Institutionen, die von solchen Anfeindungen betroffen sind. 2018 wurden 14 Prozent mehr Vorfälle als im Vorjahr registriert.

Wie war das noch? „Berlin hat ein Antisemitismusproblem.“ So ist es. Doch damit dieses Problem für alle sichtbar gemacht wird, braucht es Einrichtungen wie diese.

Gut, dass es sie gibt.

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