Islambild der Neuen Rechten (Interview mit Matheus Hagedorny)

Trotz rassistischer Rhetorik gegenüber muslimischen Menschen gibt es immer wieder Beschwichtigungen des Islams von neurechten Vordenkern. Welche Widersprüche gibt es in der Szene? Matheus Hagedorny ist Bildungsreferent beim Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V., studierte Philosophie, Neuere Geschichte sowie Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bonn, war Dozent am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin und zuletzt Scholar-in-Residence des Institute for the Study of Global Antisemitism and Policy (ISGAP) an der Universität Oxford. Für die Wochenzeitung Jungle World schrieb er über die „rechtsintellektuelle“ Szene.

Britta Rybicki: Oftmals wird die Neue Rechte mit der AfD gleichgesetzt. Warum stimmt das nicht?
Hagedorny: Die Faustregel ist, dass die AfD nicht die Neue Rechte ist, aber sehr wohl Neue Rechte in der AfD sind. Sie hat bedeutenden Einfluss auf Entscheidungen im Bund und besonders in ostdeutschen Landesverbänden. Björn Höcke fühlt sich dort zu Hause. Das Milieu der Neuen Rechten ist kleiner und viel älter als die AfD. Es ist den späten 1960er Jahren entstanden. Entscheidende Impulse kommen aus Frankreich. Der Publizist Alain de Benoist spielt hier zum Beispiel eine wichtige Rolle, der mit anderen Neofaschisten versuchte, eine Reform der extremen Rechten in Frankreich voranzutreiben. In den Siebzigern ist der Ansatz über Studierende und Publizisten aus dem NPD-Spektrum nach Deutschland gelangt.

Britta Rybicki: Welche Strategie hat die Neue Rechte?
Hagedorny: Mit der sogenannten ‚Metapolitik‘ versucht man nicht durch Wahlen oder Parteien groß zu werden, sondern füttert zunächst den vorpolitischen Raum wie Schulen, Universitäten und den Kultursektor mit Elementen der rechten Ideologie. Dazu dienen eine Reihe von Verlagen, Zeitschriften und Schulungen. Dort werden Begriffe gebildet und Weltanschauungen geprägt, die irgendwann im realpolitischen Raum Fuß fassen sollen. Der Einfluss der Szene auf die AfD ist ein Ergebnis dieser Arbeit.

Britta Rybicki: Kannst du ihre Weltanschauung beschreiben?
Hagedorny: Zunächst ist es eine Ideologie der Ungleichheit. Kurz: Menschen werden als ungleich wahrgenommen. Was für sich betrachtet erstmal unproblematisch ist. Die Neue Rechte geht allerdings von fest gefügten Großgruppen aus, die kulturell nicht kompatibel seien und sich nicht vermischen dürften. Mit dem Konzept ‚Ethnopluralismus‘ verabschiedet man sich vordergründig von rassistischer Hierarchie. Jede Kultur soll an ihrem Platz gleichwertig sein. Im Ergebnis ist das die Idee weltweiter Apartheid. Dazu gehört auch rassistische Rhetorik gegenüber Asylsuchenden und seit einiger Zeit auch Propaganda gegen ‚Islamisierung‘. Schließlich versteht sich die Szene als radikal antiliberal. Es geht um die Ablehnung von universellen Werten der Aufklärung, des Prinzips individueller Freiheit und jeder Form von Weltgesellschaft. Das verdichtet sich immer wieder zu einer antisemitischen Weltanschauung.

Britta Rybicki: In der Neuen Rechten gibt es zwei Unterströmungen. Welche sind das?
Hagedorny: Zum einen der Kreis um die neurechte Denkfabrik Institut für Staatspolitik, der auch oft mit Götz Kubitschek verbunden wird. Dort ist man mittlerweile aktionsorientiert und militant aufgestellt. Dieser Kreis hat zum Beispiel die Identitäre Bewegung gefördert und versucht, den Kampf auf die Straße zu verlagern. Man will eher eine völkische Bewegung als die Partei AfD stärken. Zum anderen das Milieu um die Wochenzeitung Junge Freiheit. Der geht es vor allem um den Kampf um den Staat. Sie legt außerdem großen Wert darauf, sich als verfassungstreue Plattform zu inszenieren, die am herkömmlichen Diskurs teilnimmt. Wenn sie Politik macht, dann vor allem über die AfD.

Britta Rybicki: Die Neue Rechte ist islamfeindlich, trotzdem gibt es immer wieder Beschwichtigungen von neurechten Vordenkern. Du sprichst deshalb von einer relativen Islamfeindlichkeit. Was bedeutet das?
Hagedorny: Wenn ich von relativer Islamfeindlichkeit spreche, möchte ich den Rassismus oder Diskriminierung gegen muslimische Menschen nicht relativieren. Natürlich hat die rechte Hetze gegen Einwanderung auch eine direkte gewaltsame Auswirkung auf Muslime. Die Neue Rechte nimmt Muslime und den Islam aber nur bedingt als Feinde wahr. Alain de Benoist zum Beispiel sieht im Bau eines Supermarktes eine größere Bedrohung für die europäische Identität als im Bau einer Moschee.

Britta Rybicki: Und wie interpretiert man demnach Aussagen von Björn Höcke, dass „am Bosporus mit den drei großen M – Mohammed, Muezzin und Minarett – Schluss ist“?
Hagedorny: Das Interessante daran ist, dass das eben kein Angriff auf den Islam in der Türkei ist. Höcke will damit ausdrücken, dass es eine Grenze für den Islam und seine Ausbreitung gibt: den Bosporus. Was außerhalb von Europa passiert – völlig egal wie repressiv der Islam auch ist – spielt für Höcke keine Rolle. Nicht umsonst betont er in der gleichen Rede, kein Feind des Islams zu sein. In einer anderen Ansprache sagt er: „Der Islam ist nicht mein Feind, unser größter Feind ist die ‚Dekadenz‘. Mit relativer Islamfeindlichkeit meine ich also, dass Anhänger des Islams von der Neuen Rechten nicht als Feind wahrgenommen werden, weil ihnen ihre Ideologie unsympathisch ist, sondern wenn der Islam sich aus ihrer Sicht am falschen Platz befindet. Das entspricht dem ‚Ethnopluralismus‘, also dem Konzept der globalen Apartheid.

Britta Rybicki: Wie ist also das Verhältnis der Neuen Rechten zum Islam
Hagedorny: Dass man in Deutschland den Islam als eher positive politische Kraft ansieht, ist nicht neu und deswegen auch nichts, was die Neue Rechte erfunden hat. Während des Ersten Weltkriegs war das Deutsche Kaiserreich mit dem Osmanischen Reich verbündet und versprach sich viel davon, den Dschihad als Mittel für die Destabilisierung der Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien im Nahen Osten und Nordafrika einzusetzen. Im Zweiten Weltkrieg gab es auch von deutscher Seite große Anstrengungen, muslimische Würdenträger und einfache Soldaten in die Kriegsführung von Hitlerdeutschland einzubinden. Das war durchaus erfolgreich. Muslimische Einheiten in der Wehrmacht und Waffen-SS zeugen davon. Das alles ist in der Neuen Rechten nicht vergessen.

Britta Rybicki: Also trennt die Szene in Islamfragen zwischen Außen- und Innenpolitik?
Hagedorny: Genau. Muslimische Einwanderung wird in der Szene weitgehend abgelehnt, weil sie ethnische Uneinheitlichkeit schaffen könnte. Eine orthodox-reaktionäre Islamauslegung wird begrüßt, um Vermischung zu verhindern. Außenpolitisch gilt nach wie vor, dass viele Neue Rechte Islamisten für ihre antiimperialistische Haltung schätzen. Der neurechte Vordenker Karlheinz Weißmann sagte einmal sogar, dass der Islam eine überlegene, weil geschlossenere Ordnung verkörpere. Durch zu viele Säkularisierungsprozesse sei die deutsche Bevölkerung nicht mehr geschlossen, soldatisch, gemeinschaftlich und gehorsam genug und so entwickelten sich verhängnisvolle Liberalisierungstendenzen, mit anderen Worten: Dekadenz. Solche Ambivalenzen im neurechten Islamverständnis führen letztlich dazu, dass der Islam zuweilen attraktiver als das eigene völkische Identitäts-Angebot erscheint. Der brandenburgische AfD-Politiker Arthur Wagner ist übrigens vor einigen Monaten zum Islam konvertiert. Er will jetzt ‚Brücken‘ zwischen Muslimen und Rechten bauen. Für viele Neue Rechte wird der Islam zu einer Art Ansporn, etwas Analoges für den europäischen Raum zu schaffen.

Zuerst veröffentlicht in: akduell am 15.10.2018

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