Rede von Lala Süsskind auf der #unteilbar-Demonstration am 13.10.2018

Redemanuskript von Lala Süsskind auf der #unteilbar – Demonstration am 13.10.2018 in Berlin:

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter für eine offene und freie Gesellschaft.
Ich bin heute bei Euch zu sein, um mit euch für eine demokratische Gesellschaft zu streiten.
Denn ohne Streit, liebe Freundinnen und Freunde, ist eine lebendige Demokratie nicht zu haben. Ohne Streit stirbt unsere freiheitliche Demokratie.
Die jiddische Sprache in Europa ist heute weitgehend verschwunden. Der Nationalsozialismus hat sie fast ausgerottet. Aber die jiddische Sprache hat der Welt ein Wort geschenkt, das ich sehr schätze und das ihr wohl alle kennt: Tacheles.
Wir müssen Tacheles reden, wenn unsere freiheitliche Demokratie angegriffen wird. Und sie wird angegriffen, wenn der Zusammenhang der allgemeinen und unteilbaren Menschenrechte aufgelöst wird. Denn wenn ein Grundrecht für eine Bevölkerungsgruppe in Frage gestellt wird, dann stellt dies das Grundrecht als solches und die Unteilbarkeit der Menschenrechte in Frage.
Wir müssen uns wehren, wenn Rechtsextreme gegen die Vielfalt in unserem Land hetzen. Wir müssen uns vor Menschen jeder Herkunft stellen, vor Schwule und Lesben, vor Sinti und Roma – vor alle, die Tag für Tag aufgrund von Vorurteilen angegriffen und beleidigt werden.
Zu der Vielfalt, die wir gemeinsam verteidigen müssen, gehört auch das jüdisches Leben in Deutschland. Jüdisches Leben in Deutschland heißt für mich, dass ich nicht als Fremde, sondern als Bürgerin wie alle anderen auch in diesem Land leben kann.
Der Antisemitismus vereint sehr verschiedene Feinde und Verächter unserer freiheitlichen Demokratie, auch wenn diese sonst einander Spinnefeind sein mögen.
Deutschland ist vielfältiger geworden und damit auch sein Antisemitismus. Es sind nur heute nicht nur Rechtsextreme, die das jüdische Leben und unsere Demokratie angreifen.
Neben dem Judenhass von Rechts, mit dem Jüdinnen und Juden schon immer leben müssen, kommen heute neue Bedrohungen. Liebe Freundinnen und Freunde, wir müssen uns fragen: wie gehen wir damit um?
Auf diesem Platz, liebe Freundinnen und Freunde, stehen auch Anhängerinnen einer weltweiten Boykottkampagne gegen Israel. Sie wollen, dass die Welt jeden Kontakt zu Israel, zu seiner Wissenschaft, seinem Kulturleben und zu seinen Sportlern beenden. Sie wollen Israel zum Ghetto machen. Wir müssen uns fragen: wie gehen wir damit um?
Ich finde es unerträglich, dass alltäglich Verschwörungsmythen verbreitet werden, die sich letztlich auf antisemitische Gerüchte über „die Juden“ gründen. Heute versteckt sich dieser Hass auf Juden am liebsten im Hass auf den jüdischen Staat Israel. Und er äußert sich nicht zuletzt in der Delegitimierung und Dämonisierung Israels sowie in der Anwendung doppelter Standards an den jüdischen Staat.
Wenn wir wirklich #unteilbar sind, dürfen wir diesen Angriffen auf die größte jüdische Gemeinschaft der Welt nicht dulden. Wir müssen uns wehren gegen das Gift von antisemitischen Gerüchten und Verschwörungswahnsinn!
Tatsächlich werden Juden auch von Menschen beleidigt, bespuckt und angegriffen, die selber von Rechtsextremen beleidigt, bespuckt und angegriffen werden. Ich rede vom Antisemitismus von Muslimen, die von Hasspredigern und antisemitischen Verschwörungstheorien zum Hass angestachelt werden.
Liebe Freundinnen und Freunde, wir wissen, dass die Mehrheit der Muslime mit dieser Gewalt nichts zu tun hat. Und gerade deswegen müssen wir Tacheles gegen muslimischen Antisemitismus reden.
Denn ich möchte in einer Demokratie leben, in der wir der Vielfalt und der Komplexität von Menschenfeindlichkeit ins Auge sehen.
Ich möchte in einer Demokratie leben, in der wir uns auf Augenhöhe Tacheles reden.
Liebe Freundinnen und Freunde, lasst uns niemals aufhören, Tacheles zu reden!
Ich möchte mich euch allen zusammenleben und mit euch streiten. Als Jüdin, als Bürgerin und als Mensch.
Ich danke euch! Schön, dass Ihr alle hier seid!

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