Auswertung des Qudstag-Marsches 2018

Euch Teilnehmer, also alle von euch, nennen sie übrigens Israel-Hasser. Was ja im Grunde auch stimmt.  (Jürgen Grassmann bei der Abschlusskundgebung des Qudstag-Marsches)

Berlin, 14. Juni 2018

Die vorliegende Auswertung des Qudstag-Marsches am 9. Juni 2018 wurde durch die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS), das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. (JFDA) und Research and Documentation (Re Doc) erstellt. Die Übersetzungen der Schriftzüge in Arabisch und Farsi, sowie die Einordnung der rezitierten Koran-Suren wurde von dem Islam-Experten Samuel Schidem vorgenommen.

Am diesjährigen Qudstag-Marsch vom Adenauerplatz bis zum Wittenbergplatz in Berlin, der unter dem Motto „Für ein freies Palästina und ein gleichberechtigtes Zusammenleben aller Religionsgemeinschaften!“ stattfand, nahmen nach eigenen Zählungen ca. 1200 Personen teil. Die Teilnehmenden-Zahl verdoppelte sich im Vergleich zum Vorjahr beinahe (650) und erreichte erstmals das Niveau von 2014, als es vor dem Hintergrund der militärischen Auseinandersetzung zwischen Israel und islamistischen Terrororganisationen im Gaza-Streifen zu einem zusätzlichen Mobilisierungseffekt kam. Bekannt sind organisierte Anfahrten mit Bussen aus Hamburg, von wo aus 150 Personen anreisten, Köln, Hannover, Bochum (über Dortmund), Kassel, Münster, Bottrop und Delmenhorst. Die gestiegene Teilnehmendenzahl kann mit der religiösen Ansprache mehrerer schiitischer Geistlicher erklärt werden.

 

Die Kommunikation nach Innen: religiöse Anrufungen durch IGS-Führung vor und während des Qudstag-Marsches

Ein Tag vor der Demonstration wurde auf einem dem islamistischen Online-Forum „Muslim-Markt“ nahestehendem Blog die Teilnahme von Ajatollah Reza Ramezani, dem Leiter des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) und somit dem höchstrangigen Vertreter der Islamischen Republik Iran in Europa angekündigt. Seine Freitagspredigt im IZH widmete Ramezani dem „Leid in Palästina“ und begründete darin die religiöse Bedeutung des Qudstages für die schiitischen Gemeinschaften. Darin unterstellte er Israel seit Jahrzehnten einen „systematischen Mord an Kindern“ zu betreiben. Entgegen der Ankündigung beteiligte sich Ramezani selbst nicht an der Demonstration in Berlin.

Auch im Zentrum der Islamischen Kultur Frankfurt e.V., auch bekannt unter dem Namen „Islamisches Zentrum Frankfurt“ (IZF), wurde am 8. Juni unter Leitung von Sheikh Mahmood Khalilzadeh, dem Vorsitzenden der Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS) zentral auf die Bedeutung der „heiligen Stadt Qods“ rekurriert.

Entsprechend nahmen am Aufmarsch in Berlin mehr hochrangige schiitische Geistliche teil als in den Vorjahren. Neben Seyed Mousavi, dem stellvertretenden Leiter des IZH, beteiligte sich erneut Hamidreza Torabi, Leiter der Islamischen Akademie Deutschland (IAD) und Sprecher des IZH sowie Muhammad Mohsen, Vorstandsmitglied der IGS und Dozent der IAD. Ebenfalls in der ersten Reihe lief Sheikh Hassan Shahrour, jener Imam der Neuköllner Al-Mustafa-Moschee, der in der Vergangenheit durch die Glorifizierung eines getöteten Terroristen der libanesischen Hizbollah aufgefallen war.

Wie in den letzten Jahren rezitierte Hassan Sadeghi, am Auftaktort und bei der Abschlusskundgebung mehrere Koransuren. Sadeghi trat in der Vergangenheit mehrfach bei Veranstaltungen im IZH und der IGS auf und wird dort als „Koranmeister aus Deutschland“ bzw. „weltbekannter Rezitator“ beschrieben. Die Funktion der Koran-Rezitationen bezog sich auch in diesem Jahr unmittelbar auf das Demonstrationsgeschehen.

Während am Auftaktort mit der al Baqara-Sure die Anreise und Teilnahme während des Fastenmonat Ramadan legitimiert wurde, kann die Rezitation des ersten Verses der Al-Isra-Sure als religiöse Verpflichtung, die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem zu verteidigen, interpretiert werden. Im Rahmen der Abschlusskundgebung wählte Sadeghi hingegen eine Kombination der Suren Al-Imran und Al-Nasr, die deutlich als Aufrufe zum bewaffneten Kampf gegen die Ungläubigen im Kontext der schiitischen Interpretation gegen Israel und die USA verstanden werden können. Ähnlich wie die Koran-Rezitationen wiesen mehrere Stirn- und Armbänder sowie Halstücher der Teilnehmenden direkte Bezüge zur Kampfbereitschaft sowie der Gehorsamkeit gegenüber dem iranischen Revolutionsführer bzw. religiösen Figuren auf (Abb. 1&2). Der iranische Staatssender I.R.I.B (Islamic Republic of Iran Broadcasting) berichtete vor Ort über die Demonstration und führte Interviews mit Teilnehmenden. Der Sender ist direkt dem iranischen Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei unterstellt, unterliegt der staatlichen Zensur und verbreitet regelmäßig antiamerikanische, antiisraelische und antisemitische Propaganda.

Die Kommunikation nach Außen: die „#niewieder“-Kampagne der Quds-AG

Generell war der Qudstag-Marsch auch in diesem Jahr deutlich von dem Versuch geprägt, im Rahmen der Veranstaltung Debatten der deutschen Mehrheitsgesellschaft aufzugreifen. So wurde auf durch die Veranstalter ausgegebenen Schildern, in Redebeiträgen und in initiierten Sprechchören die Parole „Nie wieder“ ausgegeben (Abb. 4). Auch der Hashtag, der die Demonstration begleiten sollte, lautete „#niewieder“. Die Forderung des „Nie wieder“ – in unterschiedlichen Fassungen bezogen sowohl auf Krieg als auch Faschismus und die Schoa – kann als eine Grundformel für die Erinnerungspolitik und das Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland betrachtet werden. Dieser Kontext ist den Organisatoren des Qudstag-Marsches sehr wohl bewusst, wie die Erläuterung des Slogans im Redebeitrag von Ruhollah Abolhassani aus dem Umfeld des IZF im Rahmen der Demonstration zeigt:

„‚Nie wieder‘ soll darauf hindeuten, dass wir nie wieder Ereignisse, wie sie in Deutschland einmal passiert sind, jemals in der Welt auch unterstützen. Aktuell werden Verbrechen, Menschenrechtsverbrechen werden von Israel ausgeführt und wir als Deutsche haben die Verpflichtung uns dagegen zu stellen und nicht mitzumachen, indem wir schweigen oder gar Israel unterstützen.“

Indem die Politik Israels mit der Schoa und den deutschen Massenverbrechen parallelisiert werden, findet nicht nur eine antisemitische Täter-Opfer-Umkehr und eine Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen statt. Durch die „#niewieder“-Kampagne des Qudstag-Marsches soll außerdem zugleich sowohl eine Anschlussfähigkeit zum antifaschistischen Selbstverständnis der Bundesrepublik als auch zum deutschen Schuldabwehr-Antisemitismus hergestellt werden. Sie ist somit Ausdruck einer Kommunikationsstrategie, die trotz der vielfältigen religiösen Bezüge bei der Mobilisierung und innerhalb der Demonstration zugleich stark auf die nicht-muslimische Öffentlichkeit gerichtet ist und insbesondere diese ansprechen soll. So wurden in der Demonstration mehrere Deutschlandfahnen mitgeführt und der Organisator Jürgen Grassmann rief in seiner Rede dazu auf, nur deutsche Parolen zu rufen: „Wir leben nun mal in Deutschland und wir wollen die deutsche Bevölkerung erreichen. Wir wissen sowieso Bescheid.“ Auf den von den Organisatoren ausgegebenen „#niewieder“-Schildern verbindet der Schriftzug folgerichtig die deutsche mit der palästinensischen Fahne. Den Versuch, verstärkt in der (auch linken) deutschen Öffentlichkeit verbreitete Stereotype und Topoi aufzugreifen, verdeutlichen Parolen wie „Nie Wieder Apartheid“, „Nie Wieder Rassismus“, „70 Jahre Unterdrückung – nie wieder, nie wieder“ oder „Staatsterror – nie wieder, nie wieder“.

Die Strategie, sich auch über das Motto „Nie wieder“ hinaus auf Debatten der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu beziehen, lässt sich auch an weiteren Sprechchören und mitgeführten Schildern erkennen. So wurde eine angebliche Rolle Deutschlands im Nahostkonflikt thematisiert, wonach Deutschland „Normen und Werte“ vergesse und „Milliardenschwere Waffengeschenke“ an Israel liefere. Demzufolge wurde an die Mehrheitsgesellschaft appelliert: „Steuerzahler, eure Steuern werden missbraucht!“ Gefordert wurde in einer Parole ein „Schluss mit Verbeugen und Händekuss“. Wie hier wurden auch mit dem Sprechchor „Deutschland, Deutschland sei nicht feige, tanz nicht wieder nach der Pfeife“ antisemitische Verschwörungsmythen angedeutet. Gleichzeitig setzte die letztere Parole die Politik Israels mit dem Nationalsozialismus gleich und rief ein aus deutscher Geschichte resultierendes Verantwortungsbewusstsein an.

Auf einem Schild hieß es mit Anspielung auf das antisemitische Gedicht des Literaturnobelpreisträgers: „Günther [sic] Grass hat gesagt, was gesagt werden musste“. Von den zahlreichen Schildern, die Topoi eines Schuldabwehr-Antisemitismus verwendeten, kann eines aufgrund seiner Deutlichkeit als exemplarisch angesehen werden: „Keine ewige Schuld der Deutschen! Unsere Generation trägt keine Schuld!“ (Abb. 5) Auch das sogenannte Widerstandsrecht, das im Grundgesetz Art. 20 Abs. 4 festgehalten ist, wurde als Legitimation für den Widerstand gegen Zionist_innen herangezogen. Auf einem Schild hieß es unmittelbar nach der Zitation des Absatzes, der Deutschen das Recht auf Widerstand gegen Feinde der demokratischen Ordnung einräumt, sollte keine andere Abhilfe möglich sein: „Zionisten unterwandern die demokratische [sic] Strukturen! Zionisten gefährden die Demokratie!“ (Abb.  6)

Plakativer Antisemitismus auf Schildern und in Parolen

Das letztgenannte Schild griff einen Verschwörungsmythos auf, der schon seit einigen Jahren im Rahmen des Qudstag-Marsches und von der Quds-AG verbreitet wird. Schon 2014 veröffentlichte die Quds-AG einen Text, worin es heißt: „Das mächtige Netzwerk zionistischer Lobbys in verschiedenen Ländern und besonders in Deutschland mischt sich in die Politik ein, bestimmt zum Teil den Kurs der Außenpolitik, hat den größten Besitzanteil an den Massenmedien, beeinflußt die öffentliche Meinung mehr als die Parteien, agiert aber quasi geheim.“ Die daraus resultierende Forderung, im Offenen als Parteien zu agieren, wurde auf einem Schild benannt: „ZIONISTEN handeln gegen das Grundgesetz! ZIONISTEN sollen eigene Parteien gründen! Transparenz der ZIONISTEN!!“ Vom Lautsprecherwagen wurde zudem behauptet, dass „ihnen die ganzen Medien gehören“.

Auch in Bezug auf die US-Politik wurde eine Lenkung durch die „Zionisten“ behauptet. So hielt auf einem Schild eine blutige Israel-Flagge den US-Präsidenten Donald Trump als Marionette in den Seilen. Auf einem anderen Schild war es ein Davidstern, der einen zum Tod stilisierten „Uncle Sam“ lenkte (Abb. 8). An anderer Stelle wurde Muhammad Ali mit „the United States is the stronghold of Zionism“ zitiert.

Der Kritik an solchem und anderem Antisemitismus wurde mit weiteren Verschwörungsmythen begegnet. Mehrmals wurde vom Lautsprecherwagen die Parole „Judenhass ist die Masche, unser Geld – ihre Tasche“ angestimmt; einmal mit der Anmerkung, man wolle damit zeigen, dass man nicht antisemitisch sei. Engagement gegen Antisemitismus wird damit als Betrug dargestellt, zudem diene der Antisemitismus-Vorwurf als Maulkorb: Schon im Ankündigungsposter, das einige Teilnehmer_innen auch trugen, wird einem propalästinensischen Aktivisten von einer israelischen und einer amerikanischen Hand mit einem Streifen mit der Aufschrift „ANTISEMITISM“ der Mund zugeklebt. Diese Bildsprache griffen ca. sechs Frauen auf, die in Arztkitteln bekleidet und Poster der bei den Protesten an der Grenze von Gaza ums Leben gekommenen Krankenschwester Razan al-Najjar trugen und sie zu einer Märtyrerin stilisierten. Einige hatten ihren Mund mit Kreppband mit der Aufschrift „Antisemitism“ zugeklebt (Abb. 12).

Offener als im vergangenen Jahr wurde in vielen Parolen, die sowohl von den Teilnehmenden als auch von Lautsprecherwagen angestimmt wurden, die Vernichtung Israels gefordert. Skandiert wurde „Nieder mit Israel“, „Israel you will fall“, „Komm Berlin, komm Berlin, Israel muss sich verziehen“ und „From the river to the sea, Palestine will be free“. Mehrere präsentierte Wunschkarten des Gebiets zeigten ein Palästina entsprechend der letztgenannten Parole: anstelle, statt neben einem jüdischen Staat. Auf Schildern wurde Israel als „Apartheid“ und „die Ursache des Nah-Ost-Konflikts“ delegitimiert und mehrmals als „die größte Bedrohung für den Weltfrieden“ dämonisiert. Die zahlreichen Boykottaufrufe auf Transparenten, Aufklebern und Schildern, die schon aus den vergangenen Quds-Demonstrationen bekannt waren, wurden vom Lautsprecherwagen mit „Gebt nicht auf, boykottiert / Fangt jetzt an jetzt von hier“ aufgegriffen.

Antisemitismus vom Lautsprecherwagen

Wie schon in den vergangenen Jahren sprachen beim Qudstag-Marsch Jürgen Grassmann, Sprecher der ausrichtenden Quds-AG, sowie der ehemalige Journalist und Gründer einer Kleinpartei Christoph Hörstel. Im Vorfeld der Versammlung veröffentlichte Grassmann zwei Videos, wobei er insbesondere im zweiten, am 1. Juni veröffentlichten Video zahlreiche Topoi und Motive des Weltverschwörungs-Antisemitismus auf Zionismus bzw. Zionist_innen bezog. In seinen beiden Redebeiträgen am Qudstag (bei der Auftakt- und der Schlusskundgebung) knüpfte er an diese Verschwörungsmythen an, die gleichzeitig auch dazu dienten, ein individuelles und gemeinschaftliches Selbstbild zu zeichnen, wonach die Demonstrierenden die Wahrheit und Gerechtigkeit an ihrer Seite haben, jedoch einem übermächtigen Gegner entgegenstünden, der jenseits geltender Regeln agiere:

„Wir werden mit eurer Unterstützung gegen diese ungeheuerlichen Verleumdungen rechtlich vorgehen, auch wenn in diesem Land Anwälte, die Prozesse gegen Zionisten führen, diskriminiert und von manchen Kanzleien rausgeschmissen werden! So ist es nun mal. Denkt nur nicht, dass wir hier in Freiheit und im Rechtsstaat leben. Das alles wird außer Kraft gesetzt, sobald es sich um Israel handelt. Das ist die Wahrheit! Ihr könnt gegen Merkel und Co. reden, aber Israel, das ist wie eine heilige Kuh. Pfui!“

Wie im zweiten Mobilisierungsvideo für die Veranstaltung ist die Umwegkommunikation anhand der vielen Bezüge zu antisemitischen Motiven jenseits des israelbezogenen Antisemitismus recht durchschaubar, wenn Grassmann z. B. von den „Rothschilds“ spricht, denen die „Argumente ausgegangen“ seien. Am deutlichsten betrifft dies Grassmanns Äußerungen zu Medien, die er als „gekaufte[…] Medien“ oder „zionistische[…] Medien“, die „billige[…] Propaganda“ verbreiten würden, bezeichnete, womit er klassisch antisemitische Mythen einer von Jüdinnen_Juden kontrollierten Presse reproduzierte. Einen kritischen Artikel über die Demonstration diskutierte Grassmann umfassend und bezeichnete den Autor des Artikels als „Mediensöldner der Zionisten“, der „viele Lügen und falsche Anschuldigungen aufgelistet“ habe, was im Übrigen auch sonst die Vorgehensweise der Zionist_innen sei. Die Zeitung, in der der Artikel erschien, den Tagesspiegel, bezeichnete er als „zionistisches Blatt Nr. 1“, wobei es in dieser Hinsicht keinerlei Unterschiede zur Berliner Morgenpost und restlicher Presse gebe.

Zwar räumte Grassmann einzelne Inhalte des Artikels ein: „Euch Teilnehmer, also alle von euch, nennen sie übrigens ‚Israel-Hasser‘ – was ja im Grunde auch stimmt.“ Doch wäre es ihm zufolge „eine bösartige und absurde Anschuldigung“, die Teilnehmer_innen der Demonstration „ als Antisemiten zu bezeichnen“. Antisemitische Vorfälle auf vergangenen Qudstag-Märschen spielte er herunter, trotz gegenteiliger Beweislage: „Der Tagesspiegel behauptet, dass bei unserer Demo früher Plakate getragen wurden mit Inhalten wie ‚Rabbi trinkt Kinderblut, tote Kinder landen bei McDonalds‘ – nie gehört! Aber die haben es behauptet.“

Als Ziel, auf welches der Qudstag-Marsch hinarbeite, benannte Grassmann sehr offen die Beendigung der Existenz des Staates Israel: „Aber dass wir das Existenzrecht eines zionistischen Unrechtsregimes nicht akzeptieren, ist einleuchtend.“

Christoph Hörstel schilderte sein Wunschszenario der Abschaffung des von ihm als Massenmörder dämonisierten Israels, wonach „alle Palästinenser […] nach Hause nach Palästina zurück[kehren]“ und eine Abstimmung folge: „Und das war es dann mit Israel.“ Diese Entwicklung sei unausweichlich: „Wir machen uns keine Sorgen, alhamdulillah. Denn Israel hat seinen höchsten Punkt gesehen. Von jetzt an geht es bergab mit Israel. […] Und wie es früher war, werden Muslime Palästina beherrschen, hoffentlich, und dann wird Ruhe sein mit der Unterdrückung.“ Seine Rede beendete Hörstel mit „Allahu Akbar!“

Vorfälle im Zuge des Qudstag-Marsches

Entgegen dem angestrebten Bild der Veranstalter eines friedlichen Marsches herrschte bei der Demonstration und in ihrem Umfeld ein aggressives Klima. Dies wurde auch in mehreren Vorfällen deutlich, die RIAS von Betroffenen im Anschluss an die Demonstration gemeldet wurden. Diese ergaben sich allesamt aus Situationen, in denen Teilnehmer_innen und Sympathisant_innen des Quds-Marsches mit Gegendemonstrierenden konfrontiert waren.

An der Ecke Sächsische Straße / Lietzenburger Straße kam es zu mehreren Vorfällen. So wurde zunächst eine Person mit einer Israelfahne beim Verlassen einer Tankstelle von drei Teilnehmenden des Aufmarschs gejagt. Kurze Zeit später flog ein Pflasterstein aus dem hinteren Teil des Aufmarsches in Richtung einer Gruppe von Gegendemonstrant_innen, die an derselben Kreuzung standen. Im Anschluss daran versuchte eine Gruppe von zehn bis zwölf Teilnehmenden durch die Polizeiabsperrung in Richtung der Gegendemonstrant_innen durchzubrechen.

Auf Höhe des Olivaer Platzes zeigte ein Teilnehmer der Demonstration in Richtung von Gegendemonstranten mehrere Sekunden lang den Hitlergruß (Abb. 9). Ein Beobachter fotografierte die Szene und machte die Polizei auf den Mann aufmerksam. Am Ende der Demonstration wurde der Mann von der Polizei aufgegriffen. Wegen beiden Vorfällen ermittelt die Polizei.

Kurzzeitig wurde von einem Teilnehmenden eine Hizbollah-Fahne vor der ersten Reihe der Demonstration gezeigt (Abb. 10). Die Person wurde später von der Polizei abgeführt. Während des Aufmarsches wurden Porträts des Anführers der Hizbollah, Hassan Nasrallah, sowie des iranischen „Obersten Führers“ Chamenei und des Generals der Quds-Einheiten der Iranischen Revolutionsgarden Qassem Soleimani gezeigt (Abb. 7). Ein Vertreter der Demokratischen Komitees Palästinas e.V. trug während des gesamten Aufmarsches ein Pullover mit dem Logo der Terrororganisation P.F.L.P. (Abb. 11).

Ein Teilnehmer der Gegenproteste berichtete RIAS von einer antisemitischen Anfeindung auf dem Nachhauseweg. Der Betroffene hatte zwei kleine Israel-Fahnen bei sich, als eine Frau, die der Betroffene aufgrund ihres Kopftuches als Muslima identifizierte, kurz vor dem Aussteigen zu ihm „Scheiß Juden“ sagte. Von den zahlreichen anderen Fahrgästen gab es hierauf keine Reaktion.

Fazit

Deutlicher als zuvor konnten in diesem Jahr die unterschiedlichen Kommunikationsstrategien und Ziele der Organisator_innen sichtbar gemacht und analysiert werden. Während die Einbindung religiöser schiitischer Autoritäten vor allem nach Innen auf die schiitischen Gemeinden und auf die Mobilisierung von Teilnehmenden aus der ganzen Bundesrepublik abzielt, verfolgt die erstmals vorgestellte „Nie wieder“-Kampagne vor allem die Anschlussfähigkeit an Debatten der nicht-schiitischen Mehrheitsgesellschaft.

Die veranstaltende Quds-AG versteht den Aufmarsch vor allem als Mittel der Öffentlichkeitsarbeit, was sich in der regelmäßigen Präsenz der extra eingeflogenen Rabbiner der anti-zionistischen „Neturei Karta“ Sekte, aber auch in den disziplinierenden und autoritären Anweisungen an die Teilnehmenden ausdrückt. Grassmann beschreibt Teilnehmende seiner Demonstration als „nicht besonders hoch-gebildeten Brüder“, die sich vor allem durch ihre Emotionen leiten lassen. Die PR-strategischen Bemühungen der Quds-AG können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Zuge des Aufmarsches nicht nur die Vernichtung Israels propagiert, antisemitische Terrororganisationen glorifiziert und ihren religiösen Führerfiguren Gehorsamkeit geschworen wurden, sondern auch in mehreren Situationen Gewalt und Gewaltandrohungen von Teilnehmenden gegen Gegendemonstrant_innen angewendet wurden.

Download PDF: Auswertung des Qudstag-Marsches 2018

Anhang

Abbildung 1: Armband mit der Aufschrift „Ich gehorche – Du Khameini“ – symbolische Gehorsamkeit gegenüber dem Revolutionsführer.

Abbildung 2: Teilnehmer mit Stirnbändern mit Aufschriften „labaik“ („zu Diensten“) und „Shahid“ (Märtyrertum und Gehorsamkeit bis in den Tod).

Abbildung 3: Die Symbolik auf dem T-Shirt eines Redners kann mit der Hizbollah assoziiert werden: die Zeder steht für Libanon und die Wurzel für Palästina; die Hand umschließt Palästina und Libanon und ist Ausdruck für den Gebiets- und Herrschaftsanspruch der Hizbollah in der Region. Die Palästina-Karte auf dem blutbeschmierten Pullover des zweiten Herren im Bild umfasst das gesamte Gebiet vom Mittelmeer zum Jordan.

Abbildung 4: Demonstrierende mit „#niewieder“-Schildern

Abbildung 5: Anknüpfungsversuche an einen erinnerungsabwehrenden Impuls innerhalb der Mehrheitsgesellschaft.

Abbildung 6: Verschwörungsmythologische Schilder („Zionisten unterwandern die demokratische [sic] Strukturen!“, „ZIONISTEN handeln gegen das Grundgesetz!“)

Abbildung 7: Anführer der Hizbollah, Hassan Nasrallah, iranischer „Oberster Führer“ Ali Chamenei und General der Quds-Einheiten der Iranischen Revolutionsgarden Qassem Soleimani. Darunter auf dem Schild ein von einer blutiger Israelfahne gelenkter Trump.

Abbildung 8: Darstellung eines Davidsterns, der „Uncle Sam“ als Marionette lenkt, auf einem Schild.

Abbildung 9: Ein Qudstag-Marsch-Teilnehmer zeigt den Gegendemonstrierenden einen „Deutschen Gruß“.

Abbildung 10: Ein Teilnehmer präsentiert eine Hizbollah-Fahne.

Abbildung 11: Ein Teilnehmer in einem Pullover der terroristischen Organisation P.F.L.P.

Abbildung 12: Gruppe von Teilnehmenden die eine getötete palästinensische Krankenschwester als Märtyrerin stilisieren. Das handschriftliche Poster in der Mitte setzt die nationalsozialistischen Verbrechen mit dem Agieren Israels gleich.

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