FAQ zu unserer Arbeit mit Geflüchteten im Projekt KeEzrach

Wie ist KeEzrach entstanden?

Mit der Zunahme von Asylanträgen seit 2015 haben sich Konflikte rund um Migration verschärft. Es gab einen sprunghaften Anstieg von Angriffen gegen Unterkünfte von Flüchtlingen. Gleichzeitig lebten in den Erstaufnahmeeinrichtungen plötzlich Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion auf engstem Raum zusammen. Darunter litten insbesondere Angehörige nationaler, ethnischer und religiöser Minderheiten, Areligiöse und LGBT, die von anderen Flüchtlingen angefeindet und diskriminiert wurden. Nicht zuletzt wurden auch zahlreiche Übergriffe gegen Frauen und Mädchen bekannt.
Wir sind zunehmend auf diese Probleme aufmerksam gemacht worden. Deshalb beschlossen wir, unseren Beitrag zur Bewältigung der zahlreichen Integrationsherausforderungen zu leisten.
Warum beschäftigt sich eine jüdische Organisation mit der Integration von Flüchtlingen?
Wenn Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, angefeindet und diskriminiert werden, dann geht uns das alle an. Gleichzeitig finden sich unter muslimischen und arabischen Flüchtlingen immer wieder antisemitische Ressentiments bis hin zu Gewalt gegen Juden oder als jüdisch wahrgenommene Menschen. Antisemitismus wiederum geht oft mit anderen Formen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit einher und ist somit nicht „nur“ ein Problem für die jüdische Gemeinschaft, sondern für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt. Deshalb verfolgt das Projekt KeEzrach einen übergreifenden Bildungsansatz, der aus jüdischer Perspektive die Demokratieförderung bei Flüchtlingen in den Vordergrund stellt.

Was ist der Ansatz von KeEzrach?

KeEzrach ist ein hebräischer Ausdruck aus dem Buch Levitikus: „Wie ein Mitbürger (KeEzrach) unter euch sei euch der Fremde, der mit euch lebt, und du sollst ihn lieben, dir gleich…“
Genau das zeichnet unseren Ansatz zur Bildungsarbeit aus. Es geht uns darum, die in Deutschland neu Ankommenden als Gleichberechtigte anzuerkennen und sie dabei zu unterstützen, selbstbewusste Mitglieder einer demokratischen Bürger-Gesellschaft zu werden – und zu bleiben.
Die Bildungsarbeit von KeEzrach konzentriert sich deshalb auf die Diskriminierungsmuster, mit denen Geflüchtete konfrontiert sind, sowie auf die diskriminierenden Einstellungen, die sie selbst reproduzieren. Diese Auseinandersetzung mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit kann nur gelingen, wenn man auf Augenhöhe arbeitet und Geflüchtete als Teil dieser Gesellschaft ernstnimmt.
Flüchtlinge haben mit ihrem Aufenthalt in Deutschland die Chance, in einem demokratischen Land zu leben, das ihnen viele Freiheiten bietet. Wir wollen sie unterstützen, diese Möglichkeit zu ergreifen.

Wie will KeEzrach dieses Ziel erreichen?

Wir entwickeln Bildungsformate für Flüchtlinge im Alter von 14 bis 27 Jahren. Und setzen auf eine aktive Mitwirkung. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen setzen sich im Rahmen von Workshops und Ausflügen mit grundlegenden Regeln und Werten in dieser Gesellschaft auseinander. Wir verständigen uns mit ihnen über Gleichberechtigung der Geschlechter, Meinungsfreiheit, Bekenntnisfreiheit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Dabei kommen auch ihre Schwierigkeiten beim Ankommen zur Sprache.
Wir arbeiten niedrigschwellig und legen Wert auf einen hohen Alltagsbezug. Zum Beispiel diskutieren wir mit den Jugendlichen über Filme, die Konflikte zwischen kulturellen Normen und persönlichen Interessen behandeln. Oder wir fahren mit dem Fahrrad historisch und politisch wichtige Orte ab, die Themen wie Gleichberechtigung oder Religionsfreiheit von selbst ins Gespräch bringen. Das aktiviert weit mehr als Frontalunterricht zu Politik und Geschichte.
Dabei unterstützen unsere Arbeit zwei Honorarmitarbeiter, die selbst aus Syrien geflüchtet sind und als Sprach- und Kulturmittler die Angebote mitgestalten.
Außerdem arbeiten wir mit Migrantengruppen zusammen, die wegen ihrer Religion oder nationalen Zugehörigkeit diskriminiert und verfolgt wurden. Denn auch in Deutschland kann sich dies fortsetzen.
Bei unserer Arbeit, die immer von demokratischen Werten ausgeht, suchen wir nach Gemeinsamkeiten zwischen der deutschen Gesellschaft und den Herkunfts-Gesellschaften der Flüchtlinge. Und genauso reden wir über die Unterschiede, die in Deutschland zu Konflikten führen. Das können Diskriminierungen sein, die die jungen Flüchtlinge erleben, Missverständnisse in der Kommunikation, aber auch autoritäre Prägungen und Ressentiments, die junge Flüchtlinge reproduzieren.

Ist das nicht furchtbar pauschalisierend?

In einer funktionierenden Gesellschaft müssen Rechte und Pflichten für alle gelten. Wir würden pauschalisieren, wenn wir zum Beispiel sagen, dass junge Männer aus Ehrenkulturen das Konzept von Gleichberechtigung nicht begreifen könnten. Wir sprechen Menschen nicht als Gefangene einer Prägung an, sondern als Einzelwesen, die Widersprüche und Konflikte bearbeiten können. KeEzrach arbeitet gegen Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Bildungsarbeit auf Augenhöhe heißt, Ressentiments anzusprechen, ganz gleich, woher sie kommen und wogegen sie sich richten. Damit wirken wir populistischer Stimmungsmache gegen Flüchtlinge entgegen.
Ist Antisemitismus unter Flüchtlingen ein besonderes Problem?
Das hängt unter anderem davon ab, aus welchen Gesellschaften die Asylsuchenden kommen. In Syrien z.B. ist die Zerstörung Israels ein klares Staatsziel. Judenfeindlichkeit ist in arabischen Gesellschaften stark verbreitet. Aktuelle Untersuchungen unter syrischen und irakischen Flüchtlingen weisen darauf hin, dass antisemitische Ressentiments die Regel sind. Besonders religiöse und ethnische Minderheiten aus diesen Ländern sind aber relativ offen, diese anerzogene Feindschaft zu hinterfragen. Auch die Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus hinterlässt Spuren.
Durch von Flüchtlingen ausgehende judenfeindliche Angriffe ist die Gesellschaft zu diesem Thema mittlerweile sensibilisiert. Doch lange Zeit hat man dem weit verbreiteten Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland kaum Beachtung geschenkt. Judenhass wurde häufig als Phänomen einer „fremden“ Kultur behandelt und nicht als Problem dieser Gesellschaft ernst genommen. Heute ist die Rede vom „importierten Antisemitismus“. Das passiert, wenn man Migranten nicht als Bürger betrachtet, wenn man „den Fremden“ nicht wie einen Gleichen behandelt. Man sollte den Antisemitismus als etwas verstehen, das uns alle etwas angeht, etwas, das immer ein Problem ist, egal wo, egal von wem. Trotzdem ist es wichtig, pädagogische Konzepte zur Antisemitismusbekämpfung auf bestimmte Zielgruppen abzustimmen. KeEzrach geht hier mit gutem Beispiel voran.

Wer arbeitet für KeEzrach?

Unser Team besteht aus vier festen Mitarbeiter_innen, Männern und Frauen mit und ohne Migrationsgeschichte, die sich um die Entwicklung und Erprobung der Bildungs-Formate kümmern und den Kontakt zu Minderheiten unter den Geflüchteten halten. Wir arbeiten außerdem mit zwei Teamer_innen aus Syrien, die die arabische Sprache beherrschen. Sie sind unsere Peers und dolmetschen. Durch ihre eigene Fluchterfahrung bauen sie Vertrauen zu den zahlenmäßig am stärksten vertretenen muslimischen und arabischen Teilnehmenden auf.
Habt ihr auch Angebote für Sozialarbeiter_innen und/oder Ehrenamtliche?
Sozialarbeiter_innen und Ehrenamtliche werden in den Prozess einbezogen. Als „lernendes Projekt“ stimmen wir unsere Formate im Vorfeld mit ihnen ab und bauen auf ihr Feedback, um unser Angebot laufend zu verbessern. Auch Weiterbildungen für Multiplikator_innen werden von unserem Team angeboten.

Sind die Eltern der Jugendlichen nicht das viel größere „Problem“?

Eltern formen als primäre Vorbilder die Ausübung von Geschlechterrollen, den Umgang mit Gewalt und den Weg zur Selbstbestimmung. Als erwachsene Einwanderer aus autoritär und ehrenkulturell geprägten Gesellschaften nehmen Eltern häufig die Position ein, ihre heranwachsenden Kinder vor den Einflüssen einer fremd erlebten Umgebung schützen zu wollen. Die Jugendlichen können indes durch ihren Schulbesuch und den schnellen Spracherwerb einen leichteren Zugang zum deutschen Alltag entwickeln als ihre Eltern. Das bietet für Jugendliche oft die Chance, sich als Individuum vielfältigerer zu entwickeln als in ihren Herkunftsländern — und birgt auch kulturell oder religiös aufgeladene Konflikte innerhalb der Familie. Insbesondere unbegleitete minderjährige Flüchtlinge haben dahingehend die größten Spielräume, aber auch den geringsten Halt. KeEzrach dient als Plattform, die verschiedenen Formen des Erwachsenwerdens zu diskutieren — auch mit den Eltern.

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