Israel am Pranger

Anti-israelische Leitmotive in der Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ im Jüdischen Museum Berlin

Kritik gab es bislang hauptsächlich unter vorgehaltener Hand. Kaum eine deutsche Zeitung hatte Anstoß an der Ausstellung genommen. Die wenigen Kulturbeiträge sind entweder lobend oder mindestens neutral beeindruckt. Geht man durch die auf 1000 qm verteilten 12 Räume, kann sich der unbedarfte Besucher vom Glanz der 170 Museumsstücke blenden lassen. Schaut man jedoch genauer hin und versteht die Zusammenhänge, so breitet sich zunehmend Befremden aus.

 

Anti-israelische Kampfsymbole

Raum 03 am 14.03.2017

Die Palästinenser-Tücher und Banner sind fünf Monate nach Ausstellungsbeginn verschwunden. Noch vor einigen Wochen waren sie im verdunkelten Raum 03 hoch oben zwischen zahlreichen Kreuzen und Menoras zu sehen. Die Mondsichel, das muslimische Pendant zum religiösen Symbol des Kreuzes (Christentum) und der Menora (Judentum), fand nie den Weg in diesen Raum. Ob sie in der Reinigung sind oder Beschwerden über die merkwürdige Platzierung Früchte getragen haben, bleibt unklar.

Der mit den Nazis kollaborierende Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, transformierte das einstige Bauerntuch zum nationalen Symbol im Kampf gegen Juden und westliche Einflüsse. Durch den PLO-Chef Jassir Arafat avancierte es schließlich zum internationalen Symbol des Kampfes gegen Israel.

 

Die Staatsgründung Israels wird als Blutbad inszeniert

Im Raum 02 wird ein animierter Stadtplan auf einem großen Bildschirmtisch serviert. Bei diesem Exponat geht es um die Entwicklung Jerusalems von der Antike bis heute. Die Legende ordnet jeder Religionsgemeinschaft eine Farbe zu und zeigt die Kolonisation Jerusalems durch Muslime (Grün), Christen (Lila) und Juden (Blau) über die Jahrhunderte. Bei der Darstellung der Staatsgründung Israels 1948 kommt dann plötzlich aus dem Nichts eine rote großflächige Farbe auf, welche die Assoziationen an ein Blutbad weckt. Bemerkenswert ist hieran, dass die Farbe „Rot“ weder in der Legende genannt wird, noch bei der arabischen Eroberung, den Kreuzrittern oder anderen Kriegen vorkommt.

Animierter Stadtplan in Raum 02, Szene bei der Staatsgründung Israels 1948

Ebenso wird die im Jahre 2004 gebaute Sicherheitsmauer um Jerusalem in einer späteren Sequenz in roter Farbe gezeichnet. Aus dem Audio hört man Aussagen wie: „Im Osmanischen Reich blühte Jerusalem zu einem Ort religiöser Toleranz auf“, während die jüdische und spätere israelische Hoheit über Jerusalem nicht positiv bewertet wird. Dabei garantiert der israelische Staat die Rechte aller Gläubigen in ihren heiligen Stätten. Auf dem Tempelberg, an dem sich die zwei zerstörten jüdischen Tempel befanden und laut Bibel auch die Bundeslade mit den zehn Geboten, gilt seit 1967 der von Mosche Dayan entwickelte Status Quo, der nur Muslimen gestattet, auf dem Tempelberg zu beten.

Zur weiteren Konfliktprävention ist inzwischen auch der Zugang für Juden stark reglementiert. Man mag von den Checkpoints halten was man will, sie gelten aufgrund der Sicherheitslage für alle Gruppierungen.

 

Islam wird glorifiziert – Judentum kritisiert

Anti-israelische Narrative durchziehen die gesamte Ausstellung als unterschwelliger roter Faden. In einem großen weißen Saal stehen die Exponate der wichtigsten Heiligenstätten Jerusalems. Im Zentrum befindet sich ein opulentes Modell des Haram al-Sharifs mit dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee, welches die christliche Grabeskirche und die jüdische Klagemauer links und rechts davon optisch weit zurückstehen lässt.

Bemerkenswert ist weniger die Größe des islamischen Exponats, sondern der Umstand, dass es von glorifizierender muslimischer Symbolik umgeben ist. Der Islam wird eingerahmt von Bildern und Titeln wie „Der weise Herrscher“, „Der Prophet“ und „Tradition“ und die angebrachte Videoinstallation erzählt vom Leben eines Muezzins, dessen Beruf seit Jahrhunderten weitervererbt wird.

Vor dem Modell der Westmauer, dem wichtigsten jüdischen Heiligtum, befinden sich hingegen keine positive Narrative – im Gegenteil: Neben Neujahrsgrüßen israelischer Soldaten aus dem Jahr 1967 lernen wir in der Videoinstallation, quasi als Stellvertreter des Judentums, den ultra-orthodoxen Rabbi Schmuel Stern kennen, der die Existenz des Staates Israel aus religiösen Gründen ablehnt.

 

„Rabbi Shmuel Stern, 55, Rabbiner im ultraorthodoxen Viertel mea Shearim. Er ist verheiratet und hat mehr als zehn Kinder und Enkel. Aus religiöser Überzeugung lehnt er den Staat Israel ab.” Die Ablehnung des Staates Israel (siehe Foto) war bis vor kurzem etwa 10 Sekunden eingeblendet, so dass man sie in Ruhe auf sich wirken lassen konnte (und vielleicht sollte). Seit vorletzter Woche ist diese Text-Sequenz auf weniger als eine Sekunde gekürzt worden.

Verständnis für die Intifada

Im wohl problematischsten Raum der Ausstellung ist ein einseitiger Zusammenschnitt aus historischem Filmmaterial zum Thema „Konflikt“ dargestellt.

Hier werden neben geschichtlichen Verzerrungen und Propagandaschnipseln hauptsächlich anti-israelische/zionistische Narrative erzählt, die durch die gewählte Darstellungsweise Verständnis für den israel-feindlichen Terror nahelegen. Man sieht, wie Ariel Sharon den Tempelberg im Jahre 2000 betritt und damit angeblich die zweite Intifada auslöst. Dass diese tatsächlich von der palästinensischen Führung geplant wurde, findet keine Erwähnung.  

Man sieht, wie jüdische Einwanderer ca. 1948 wohlhabend, im Leoparden-Pelzmantel und Anzug gekleidet im gelobten Land ankommen, während arabische Kinder angsterfüllt ins Nirgendwo vertrieben werden. Zwar wird in einer Einblendung darauf aufmerksam gemacht, das Material sei zwangsläufig fragmentiert und oft einseitig, allerdings läuft der Kommentar ins Leere, wenn dadurch der Mythos genährt wird, dass Israel auf den Trümmern einer Invasion aufgebaut wurde.

Dabei verschweigt der Film leider, dass eine Vielzahl dieser Flüchtlinge nach Aufforderung ihrer Anführer geflohen ist, um den anrückenden arabischen Truppen Platz zu machen. „Die arabischen Armeen marschierten in Palästina ein, um die Palästinenser vor der Tyrannei der Zionisten zu beschützen, doch dann ließen sie sie im Stich, zwangen sie, ihre Heimat zu verlassen, und steckten sie in Gefangenenlager, die den Gettos glichen, in denen einst die Juden lebten“, so der PLO-Sprecher Mahmud Abbas („Abu Mazen, 1976“).

 

Statt auszuführen, dass sich Juden seit fast 4000 Jahren in Judäa (dem späteren Palästina) aufgehalten haben, erzählt der Film nur von den jüdischen Einwanderern aus Europa in den 1930er und 1940er Jahren, die den Arabern das Land „weggenommen“ haben. In der vorliegenden Dokumentation tauchen Juden scheinbar aus dem Nichts in Palästina auf, eignen sich Land an, welches sie dann bearbeiten. Unerwähnt bleibt, dass arabische Grundbesitzer mit dem Landverkauf an jüdische Siedler teils horrende Preise erzielten. Diese für nicht wenige Araber einträgliche Einwanderung europäischer Juden führte laut Kommentareinblendung zu „arabischen Aufständen, die von der britischen Armee blutig niedergeschlagen“ wurden. Dass Araber bei diesen „Aufständen“ auch viele Juden umbrachten, wird ebenso wenig thematisiert wie die persönlichen Begegnungen ihres antisemitischen Anführers Al-Husseini mit Adolf Hitler sowie die Sympathie, die der Mufti von Jerusalem Hitlers „Lösung des Weltjudenproblems“ und der Vernichtung der europäischen Juden entgegenbrachte.

 

Der Film entwickelt den gesamten „Konflikt“ überwiegend an einer jüdischen und israelischen Gewaltherrschaft, ohne den Terror auf arabischer Seite in der gleichen Dimension zu thematisieren und ihre Urheber als Terroristen zu bezeichnen.  

Im Gegenteil: Der junge Arafat erscheint als Held und Retter seines Volkes, der keine andere Wahl gehabt habe, als zu den Waffen zu greifen. Es wird mit keinem Wort erwähnt, dass die PLO unter Arafat für zahlreiche Terrorakte verantwortlich war. Jedwede Gewalt, so suggerieren die Bilder, seien notwendige Befreiungsschläge gewesen. Arafat erfährt sogar eine abschließende Würdigung, indem er im Raum Nr. 12 namens „Begraben in Jerusalem“ in einer Reihe mit dem wichtigsten Begründer des modernen Zionismus, Theodor Herzl, steht. In einer Fotogalerie sieht man u. a. Herzls Grab in Jerusalem und daneben eine leere Wandlücke, die durch die gewählte Inszenierung anklagt, dass Arafat lediglich in einem pompösen Mausoleum bestattet liegt, da ihm ein Grab in Jerusalem verwehrt wurde.

Wer am Ende des Films immer noch nicht ganz davon überzeugt ist, dass es sich bei Israel um den alleinigen Aggressor handelt, wird in der letzten Einstellung von der steinernen Sicherheitsmauer, die auf allen Bildschirmen ringsum erscheint, mit allen anderen zusammen eingeschlossen.

 

Die Juden Israels nur als Negativbeispiel

Raum 9 („Fromme Provokateure“): zeigt u. a. als Vertreter jüdischer Gruppierungen Jerusalems die „Neturei Karta“, welche Schilder hochhalten mit Aufschriften wie „Palestine belongs to the Palestinians“ und „Judaism rejects Zionism“

Die Ausstellung macht es sich einfach, die moderne Alltagsrealität Jerusalems anhand der auf diversen Leinwänden laufenden Arte-Dokumentation „24h Jerusalem“ aus dem Jahr 2014 darzustellen. Doch legt man offensichtlich viel Wert darauf, in der gesamten Ausstellung die Konflikte zu betonen, statt das auch vorhandene gewaltlose Leben und das Miteinander von Muslimen und Juden in der Stadt zu zeigen. Die dargestellten Juden erscheinen überwiegend als ultranationalistische oder antizionistische Fanatiker, während die säkulare jüdische Mitte kaum Erwähnung findet.

Die Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ ist in mehrfacher Hinsicht befremdlich. Zum einen, indem sie zur landläufigen Geschichtsverzerrung beiträgt und so ein Narrativ bedient, das man aus antiisraelischen Delegitimierungskampagnen kennt: der Zionismus erscheint als Störfaktor eines harmonischen Nahen Ostens. Zudem wird das Judentum gegen den Zionismus ausgespielt. Die Idee des Zionismus gerinnt in dieser Sicht zum Unheil, das die Juden selbst bezeugen, sei es als antizionistische Kronzeugen oder als abschreckende Beispiele. Die einflussreichen islamistischen Gruppierungen werden als solche hingegen gar nicht benannt. Gewalttaten von arabischer Seite spielen im Design der Ausstellung allenfalls die Rolle von exzessiver Notwehr gegen den Aggressor, Israel.

Wie sich ein „Jüdisches Museum“ eine derart verzerrende Darstellung der israelischen wie palästinensischen Geschichte und Gesellschaft leisten darf, gehört zu den ungelösten Rätseln der öffentlich finanzierten deutschen Kulturlandschaft.

Bild im zentralen Raum Nr. 05, an der Wand vor dem Felsendom

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