„Was der Nüchterne im Kopf hat, trägt der Betrunkene auf der Zunge“

… besagt ein altes jüdisches Sprichwort.

Ein Mann steht vor seinem Restaurant und raucht eine Zigarette. Ein Passant ärgert sich über eine Menora, die er im Schaufenster des Lokals entdeckt.
Zwischen den beiden Männern entwickelt sich ein Streit, welcher nicht nur die Berliner Gesellschaft ärgert. Das Ereignis wurde gefilmt und von hunderttausenden in den Social Media-Kanälen gesehen.

Der Verdacht liegt nahe, dass der 60-jährige Mann, der gestern Nachmittag in Schöneberg vor einem israelischen Restaurant die übelsten antisemitischen Hasstiraden von sich gab, betrunken war.

Unabhängig davon, wieviel Promille der Mann im Blut gehabt haben mag, zeugen die Äußerungen von tiefliegenden Ressentiments, die er nicht nur der womöglichen Laune eines Rauschmittels zu verdanken hat.

Wild gestikulierend beschimpft er den Lokalbesitzer und behauptet, jüdische Menschen seien heimatlos, nirgendwo zu Hause, und bei Juden ginge es nur ums Geld. Neben einer Flut von weiteren Hasstiraden warnt er: „Ihr werdet alle in den Gaskammern landen“.

Was wie der Einzelfall eines „Spinners“ anmutet, ist nur die Spitze des Eisbergs. Nach Prof. Dr. Dr. h.c. Monika Schwarz-Friesel ist der antisemitische Bodensatz in der Bevölkerung trotz Holocaust und Auschwitzerfahrung in Deutschland immer noch sehr hoch.
Über „Die Sprache der Judenfeindschaft“ zu reden, sei leider kein heiteres Thema, denn dieses Phänomen führe unweigerlich in die Abgründe der Geschichte und beleuchte die Schattenseite der abendländischen Kultur. Judenfeindlicher Sprachgebrauch zeige nicht nur wie Sprache den menschlichen Geist präge und lenke, er zeige auch, wie Sprache Realitäten erzeugt.
Die Betrachtung, so die Kognitionswissenschaftlerin Schwarz-Friesel, gäbe Einblick in die destruktiv wirkenden Aspekte des kollektiven Bewusstseins, zeige den Epochen überdauernden Einfluss des kommunikativen Gedächtnisses auf den menschlichen Geist.

Unabhängig davon, ob hier Alkohol die Zunge gelockert hat, steht der vorliegende Fall exemplarisch für den in Teilen der Gesellschaft tiefsitzenden Antisemitismus, der sich heute noch für viele Juden alltäglich zeigt.

(21.12.2017)

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