Fachveranstaltung: „Bürgerschaftliche Integration und politische Teilhabe von Schutzsuchenden“ (07.12.2017)

Am Donnerstag, den 07.12.2017 fand in Kooperation mit der Berliner Landeszentrale für Politische Bildung, die zweite HaGer-Fachveranstaltung unter dem Titel „Bürgerschaftliche Integration und politische Teilhabe von Schutzsuchenden“ statt.

Nach einleitenden Worten von Thomas Gill, Leiter der Berliner Landeszentrale für politische Bildung, und Carl Chung, Koordinator Politische Bildung des JFDA, führte Frau Dr. Aumüller, Fachbereichsleiterin CJD Berlin-Brandenburg, mit einem anregenden Impulsvortrag in die Thematik ein. Unter der Fragestellung „Normen- und Werteorientierung als Grundlage bürgerschaftlicher Integration und politischer Teilhabe?“ benannte Frau Dr. Aumüller folgende mögliche Formen politischer Teilhabe von Flüchtlingen:

1) Bewohnerbeiräte in den Gemeinschaftsunterkünften von Flüchtlingen, die eine Form der Selbstorganisation darstellen. Aktuell leben in Berlin ca. 50.000 Flüchtlinge in solchen Unterkünften,

2) ehrenamtliches Engagement von Flüchtlingen, so z.B. Flüchtlinge als Unterstützer_innen von anderen Flüchtlingen,

3) Teilnahme an Demonstrationen und Protesten, bei denen Flüchtlinge u.a. ihre politischen und sozialen Anliegen bekunden und

4) Engagement in Ausländer- bzw. Migrantenbeiräten auf kommunaler Ebene.

Frau Aumüller zufolge sind allerdings insbesondere in den zuletzt genannten Gremien auf kommunaler Ebene erfahrungsgemäß nur wenige bis keine Flüchtlinge anzutreffen. Zusätzlich führten von Flüchtlingen organisierte Proteste häufig lediglich zu Einzellösungen ohne nachhaltige Beteiligungsformen. In Bezug auf Normen- und Werteorientierung forderte Frau Aumüller eine stetige Reflexion, da Wertevorstellungen auch in Europa einem steten Wandel unterliegen und unter anderem durch diverse gesellschaftliche Milieus geprägt sind. In diesem Zusammenhang machte die Referentin darauf aufmerksam, dass nicht abschließend geklärt sei, ob Flüchtlinge aufgrund der Zugehörigkeit zu anderen Glaubensgemeinschaften oder anderen Kulturkreisen auch nach anderen Wertevorstellungen leben. Man müsse auch bedenken, dass Diskurse über Werte voraussetzungsvoll sind, da beispielsweise bestimmte Sprachkenntnisse für einen solchen Dialog nötig seien.

Diskussion

Durch die anschließende Podiumsdiskussion leitete als Moderator JFDA-Mitarbeiter Tobias Rosin. Katarina Niewiedzial, Integrationsbeauftragte des Bezirks Pankow, betonte die Bedeutung von Partizipation für die Integration und beschrieb ihre Funktion als „Türöffnerin“ für die Teilhabe von Flüchtlingen und betonte zugleich die Bedeutung von problemorientierter Beteiligungsförderung in Richtung nachhaltiger Beteiligungsstrukturen. Sie kritisierte, dass gesellschaftliche und kommunale Strukturen nicht immer offen für Flüchtlinge seien und wies darauf hin, dass bestehende Beteiligungsstrukturen den Flüchtlingen teils nicht bekannt seien. Meike Nandico von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie sprach als Expertin über die sogenannten Willkommensklassen. Frau Nandico, die selbst als Lehrerin gearbeitet hat, stellte die Schule als Ort der Beteiligungsmöglichkeiten heraus und betonte die wichtige Rolle der Elternarbeit und die nicht zu unterschätzenden Sprachbarrieren. Dr. Mehmet Alpbek, Bundesgeschäftsführer der Föderation Türkischer Elternvereine, unterstrich, dass Flüchtlinge in ihrer Situation richtig abgeholt werden müssten, indem Sprachunterricht und Wissensvermittlung getrennt würden.

Nach Gelingens-Faktoren für eine erfolgreiche Integration und Teilhabe von Flüchtlingen gefragt, nannte Frau Aumüller ganz besonders die Niedrigschwelligkeit von Angeboten. Auch dürfe die Sprache keine Hürde für die Vermittlung kognitiver Inhalte sein.

Einen Perspektivwechsel stellte das Interview mit Yasser Seidawi, Flüchtling aus Syrien und Honorarmitarbeiter im Projekt HaGer, dar. Co-Moderator Max Bursche fragte ihn nach seiner persönlichen Fluchtbiografie und seinen Erfahrungen im Teilhabeprozess in Deutschland. Herr Seidawi verweigerte in Syrien den Militärdienst und musste deshalb das Land verlassen. In Deutschland, so Herr Seidawi, fühlten sich viele Flüchtlinge als „Fremde“, nicht nur als „Neue“. Er selbst habe durch mehrere Zufälle Kontakte knüpfen und so schließlich auch die Gemeinschaftsunterkunft verlassen können, was ihn letztendlich in die Lage versetzte, sich aktiv für andere Flüchtlinge engagieren zu können und Zugang zu Studium und einer Honorarstelle beim JFDA zu erhalten.

In der abschließenden Diskussion mit dem Publikum berichtete ein Teilnehmer, dass in seinem Herkunftsland Syrien in den Schulen Antisemitismus legitimiert und gefördert werde und fragte, was denn in Deutschland dagegen unternommen werde. Levi Salomon, Geschäftsführer des JFDA, reagierte und sagte, die Antwort darauf könne nur Bildung und Aufklärung sein.

Ausblick

Zum Abschluss nahm Tabea Adler, Projektleiterin des startenden Projekts „Ke’ezrach*Wie ein Mitbürger“, die aufgekommenen Standpunkte und Anregungen zur Stärkung der bürgerschaftlichen Partizipation auf, die in die Umsetzung des niedrigschwelligen Bildungsprojekts einfließen werden. Gespeist aus den Erfahrungen des Projekts HaGer steht u.a. die Förderung von Beteiligungskompetenzen durch die Verinnerlichung von freiheitlich-demokratischen Werten und Normen, Rechten und Pflichten im Fokus.

Zusammenfassend lässt sich schlussfolgern, dass Integration ein wechselseitiger Prozess sein muss. Einerseits ist Initiative seitens der Flüchtlinge notwendig, so z.B. durch den Erwerb der deutschen Sprache. Andererseits ist politische Teilhabe nicht voraussetzungslos und noch häufig von Zufällen abhängig, weshalb die Offenheit der Mehrheitsgesellschaft und eine unterstützende Orientierung durch Bildungsangebote nötig sind. Die Asyl- und Schutzsuchenden müssen durch niedrigschwellige Angebote in ihren Beteiligungskompetenzen gestärkt werden, indem Möglichkeiten und Räume geschaffen werden, sich auf Augenhöhe über gemeinsame Wertvorstellungen zu verständigen.

 

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