Samuel Salzborn über Antisemitismusprävention

„Um Antisemitismus wirkungsvoll zu bekämpfen, müssen Menschen lernen, die unerträglichen Widersprüche der Moderne auszuhalten“

Im Gespräch mit Samuel Salzborn über Antisemitismusprävention

Das Verhältnis von Forschung und (politischer) Bildungsarbeit ist eine der zentralen Fragen unserer Arbeit als Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus. Theorie und Wissenschaft müssen erstmal in sich nicht den Anspruch haben, direkt in eine Praxis übersetzbar zu sein. Sie stellen zunächst einen Versuch der Erkenntnis dar. Nichtsdestotrotz sind wir als Verein, der versucht qua Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit über Antisemitismus aufzuklären und dagegen vorzugehen, verpflichtet uns mit dieser Frage zu beschäftigen. Eine sinnvolle praktische Arbeit kann sich nicht nur aus sich selbst heraus weiterentwickeln und reflektieren, sondern muss immer an aktuelle Forschungsergebnisse zum Gegenstand rückgebunden sein. Das gilt insbesondere bei einem so komplexen und dynamischen Phänomen wie Antisemitismus. Deshalb sprechen wir heute mit Samuel Salzborn, einer der renommiertesten Antisemitismusforscher im deutschsprachigen Raum und Professor für Politikwissenschaft. Das folgende Interview soll einen Versuch der Vermittlung zwischen antisemitismuskritischer Wissenschaft und aufklärerischer Bildungsarbeit darstellen.

Lassen sich die Erkenntnisse aus Ihrer Forschung in einem bestimmten Antisemitismusbegriff verdichten? Mit welcher Definition arbeiten Sie?
An den Unis wird man oft darauf getrimmt, „Definitionen“ zu benötigen. Aus Sicht einer kritischen Sozialwissenschaft ist das durchaus problematisch, weil etwas definieren heißt, ein Phänomen ruhig zu stellen: und das kann man mit sozialen und politischen Phänomenen nicht, sprich: der Gegenstand als solcher verweigert sich eigentlich einer Definition. Warum es gehen sollte, ist die Entwicklung von Begriffsverständnissen, die sich historisch wandeln und die immer interessenbezogen sind, also umkämpft, auch und gerade wissenschaftlich.
Mit Blick auf einen kritischen Antisemitismusbegriff, der möglichst viele Perspektiven integriert und dabei hinreichend abstrakt bleibt, würde ich sagen, dass Antisemitismus letztlich die Unfähigkeit und Unwilligkeit ist, abstrakt zu denken und konkret zu fühlen. Der Antisemitismus vertauscht beides, das Denken soll konkret, das Fühlen aber abstrakt sein, wobei die nicht ertragene Ambivalenz der Moderne auf das projiziert wird, was der/die Antisemit/in für jüdisch hält.

Wie situieren Sie den Antisemitismus im Kontext des Begriffs der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ und anderer Diskriminierungsformen wie Rassismus, Antiziganismus, …?
Es ist ein analytischer Fehler, Antisemitismus als Vorurteil zu begreifen und ihn damit unter anderen Formen von Diskriminierung zu subsumieren. Der Antisemitismus ist ein Weltbild, das sich kognitiv und emotional zusammensetzt und das Denken und Fühlen der Antisemit(inn)en erfasst und zur Grundlage dafür wird, letztlich die gesamte Welt nach antisemitischen Prämissen zu deuten. Als Ressentiment ist er mehr oder weniger aufklärungsresistent, er wird geglaubt, nicht obwohl, sondern weil er falsch ist. Als, wie Sartre sagte, Weltanschauung und Leidenschaft stellt er den zentralen anti-aufklärerischen Entwurf der Moderne dar, der zahlreiche andere Ressentiments und Vorurteile strukturiert.

Ihre Habilitationsschrift „Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne“ stellt einen Versuch der Integration theoretischer Arbeiten und empirischer Studien dar. Was sind typische Probleme der empirischen Antisemitismusforschung und wie sollte sich das Verhältnis von Theorie und Empirie gestalten?
Die sozialwissenschaftliche (quantitative) Einstellungsforschung zu Antisemitismus ist insgesamt weitgehend theorieresistent. Die meisten empirischen Studien haben die theoretischen Debatten der letzten Jahrzehnte komplett verschlafen und wenn sie sie zur Kenntnis nehmen, dann gerät das schnell wieder in Vergessenheit. Ein Beispiel: Werner Bergmann hat vor einigen Jahren versucht, die theoretische Erkenntnis, dass Antisemit/innen bei Umfragen kognitiv erfassen, welche Items Antisemitismus messen sollen und deshalb, aus Gründen sog. sozialer Erwünschtheit, ihre reale Zustimmung verbergen, in empirische Forschung umzusetzen. Das war ein extrem sinnvoller Impuls, der auch theoretisch weiter diskutiert wurde – empirisch aber seither völlig in Vergessenheit geraten ist, was auch zeigt, dass die Einstellungsforschung auch historisch (selbst mit Blick auf ihre eigene Geschichte) deutlich unterkomplex agiert. Ein anderes Beispiel: Wir wissen heute, dass wesentliche Dimensionen von Antisemitismus sich über den kommunikativen Umweg des Israelhasses äußern – manche empirische Studien fragen diese Dimension nicht einmal ab und kommen dann, oh Wunder, zu der aberwitzigen und falschen Erkenntnis, es gebe weniger Antisemitismus, einfach nur, weil man den, den es tatsächlich gibt, gar nicht erst in den Umfragen ermittelt.
Auf einen Gedanken gebracht: es wäre schön, wenn die empirische Einstellungsforschung zumindest bereit wäre einzusehen, dass das, was sie erhebt, nur sinnvoll ist, wenn es sich auf gesellschaftstheoretische Erkenntnisse bezieht – da dies nur selten der Fall ist, ist der mittelfristige Wert der Umfrageforschung mit Blick auf Antisemitismus leider auch sehr limitiert.

Wie lassen sich diese Überlegungen um den praktischen Faktor der politischen Bildungsarbeit erweitern? Welche Grundsätze für eine solche Arbeit lassen sich aus grundlegenden Erkenntnissen der Antisemitismusforschung ableiten?
Die Einsicht, dass zahlreiche pädagogische Konzepte mit Blick auf Antisemitismus versagt haben, ist ja durchaus in der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit vorhanden – etwas misslich ist, dass die Erziehungswissenschaft selbst nur wenig dazu beiträgt, dieses Dilemma zu beheben und insofern die pädagogische Praxis oft auf sich allein gestellt ist. Da ich kein Erziehungswissenschaftler bin, kann ich an dieser Stelle nur sagen, wie die Struktur von Bildungskonzepten aussehen könnte – wie man sie umsetzt, müssen diejenigen, die in dem Feld kompetent sind, überlegen. Zwei Faktoren sind aber unerlässlich:
1. die Unhintergehbarkeit der Aufklärung: Antisemitismus darf niemals verhandelbar sein, man darf ihn in keinem Kontext entschuldigen oder relativieren, wie dies bisweilen beim Umgang mit islamischem Antisemitismus passiert. Gegen antisemitische Mythen muss man nach wie vor die historischen und politischen Fakten setzen, denn es geht am Ende darum, dass es nicht beliebige Positionen in einem ebenfalls beliebigen Diskurs sind, die nebeneinanderstehen können, sondern darum, dass Antisemitismus unwahr ist.
2. die Notwendigkeit für die gesamte Bildungsarbeit, antisemitismuskritisch zu sein: Um Antisemitismus wirkungsvoll zu bekämpfen, müssen Menschen lernen, die unerträglichen Widersprüche der Moderne auszuhalten – so paradox das klingt. Wenn es gelingt, dass Menschen dazu in die Lage versetzt sind, abstrakt (und konkret) zu denken und konkret (und abstrakt) zu fühlen, dann laufen antisemitische Weltbilder und ihre affektiven Aufladungen ins Leere und Antisemitismus kann bekämpft werden, noch lange bevor überhaupt über Antisemitismus gesprochen werden muss. Das aber lernt man nur als Ansatz, der die gesamte Bildungsarbeit, schulisch wie außerschulisch und mit Blick auf alle Fächer, erfasst.

Wo liegen die Grenzen der Antisemitismusprävention?
Antisemitismusprävention muss vor Augen haben, mit welcher Zielgruppe sie es zu tun hat. Die Erkenntnisse der Psychoanalyse zeigen, dass die Entwicklung des Menschen in unterschiedlichen Phasen abläuft, geprägt durch unterschiedlich einflussreiche Sozialisationsagenturen, aber auch, dass mit zunehmendem Alter die grundsätzliche Bereitschaft zur Revision von Grundüberzeugungen abnimmt, weil die Charakterstruktur auf der Individualebene weitgehend gefestigt ist. Während man also bei Kindern und Jugendlichen prinzipiell relativ gute Chancen mit Bildungs- und Präventionsarbeit hat, wird das mit zunehmendem Alter immer ungünstiger – man kennt das aus der Erfahrung, dass an Angeboten der Erwachsenenbildung oft nur diejenigen teilnehmen, die entweder selbst schon sehr gut informiert sind oder diejenigen, die in keiner Weise mit den Ansätzen des Bildungsangebots übereinstimmen und die nur aus rein provokativen Gründen teilnehmen. Da das antisemitische Weltbild sich im Laufe des Lebens, wird es nicht erschüttert, weiter festigt und irgendwann geschlossen ist, kann man aus gesellschaftstheoretischer Perspektive insofern nur sagen: bei geschlossenen antisemitischen Weltbildern ist Pädagogik nutzlos, hier liegt die Kompetenz bei Polizei und Staatsanwaltschaft; so lange aber, wie ein antisemitisches Weltbild nicht geschlossen ist, muss man versuchen, es zu erschüttern und zu revidieren. Die Crux dabei ist fraglos: man weiß vorher nie (außer bei z.B. Neonazis) so genau, ob man es mit einem geschlossen antisemitischen Weltbild zu tun hat oder ob es noch revisionsfähig ist.

Was sind die spezifischen aktuellen Herausforderungen, denen eine demokratische Bildungsarbeit heute gerecht werden muss?
Mein Eindruck ist, dass es im Bereich der Bildungsarbeit viele Akteurinnen und Akteure gibt, die durchaus kompetent sind und darüber hinaus in der Lage, innovative Konzepte zu entwickeln, zu erproben und auch wieder zu revidieren. Das eigentliche Drama ist, dass die Universitäten, gerade im sozialwissenschaftlichen Bereich, sich nach und nach aus diesem zentralen Aufgabenfeld verabschiedet haben und dass man mit Blick auf zum Beispiel die Politikwissenschaft und mehr noch die Erziehungswissenschaft ziemlich allein gelassen wird, wenn es um flankierende Forschung zu Antisemitismusprävention geht.
Ich denke insofern wäre eine wichtiger Schritt für die Antisemitismusprävention, von den einschlägigen Fächern an den Universitäten (wieder) sehr offensiv einzufordern, sich nicht aus der Verantwortung zu stehlen und nicht in langweilige und gesellschaftlich irrelevante Detailfragen abzugleiten, sondern im kategorialen Anspruch von politischer Bildung auch wissenschaftliche Verantwortung zu übernehmen: das muss aber an jeder Uni mühsam eingefordert werden und es bedarf eines großen politischen Umdenkens. Wie desaströs die Lage ist, kann man daran sehen, wie viele politikwissenschaftliche Professuren an deutschen Universitäten es für Antisemitismus- oder Rechtsextremismusforschung gibt: keine einzige.

Welche Rolle kann Geschichte und die deutsche Vergangenheit in solcher Arbeit einnehmen?
Mein Eindruck ist, dass die historische Forschung zum Antisemitismus umfangreich und reflektiert erfolgt, dass aber ein Vermittlungsleck besteht, weil sich gerade sozialwissenschaftliche Fächer immer mehr von einem Verständnis historischer Entwicklung verabschieden: War die Zeitgeschichte einmal ein Forschungsfeld, das sich Politik- und Geschichtswissenschaft geteilt haben, läuft man heute in der Politikwissenschaft schon fast Gefahr als hoffnungslos antiquiert zu erscheinen, wenn man die jeweils vorletzte Bundestagswahl untersucht. Wer die historischen Grundlagen von Politik aber, egal ob vorsätzlich oder nicht, ausblendet, wird auch mit Blick auf die Gegenwart analytisch irrelevant. Und da setzt das Vermittlungsleck an: Wer die Vergangenheit nicht kennt und insofern auch nicht dazu in der Lage ist, Entwicklungslinien in ihrer Kontinuität und Diskontinuität zu kontextualisieren, landet am Ende bei einer theoriefernen Einstellungsforschung, die sich letztlich selbst überflüssig macht, weil sie nur noch Empörung, aber kein Wissen generiert.
Anders gesagt und konkreter auf den Antisemitismus bezogen: es gibt keine Form von Antisemitismus in der Gegenwart, die nicht eine Nachgeschichte des NS-Vernichtungsantisemitismus wäre. Jede antisemitische Äußerung der Gegenwart nimmt – bewusst oder unbewusst – Referenz auf die deutsche Massenvernichtung der Juden, und zwar aus objektiven Gründen, die völlig unabhängig von subjektiven Intentionen vorliegen.

Was wäre Ihr Anspruch an eine „Erziehung nach Auschwitz“ – vom (Forschungs-)Standpunkt im Jahr 2017?
Wir sind heute genauso weit von einer wirklichen „Erziehung zur Mündigkeit“ entfernt, wie sie Adorno verstanden hat, wie vor mehreren Jahrzehnten. Die Gründe dafür sind aber heute völlig andere: während heute die historische Aufklärung relativ weit fortgeschritten ist und es auch zumindest grundsätzlich die politische Vorstellung im offiziellen Kontext gibt, dass Antisemitismus nicht Bestandteil bundesdeutscher Politik sein darf, sieht es in den Familiengeschichten ganz anders aus: Die Verdrängung wird immer massiver, die Frage nach der persönlichen Involviertheit der eigenen Groß- oder mittlerweile sogar Urgroßeltern wird immer mehr abgewehrt, was im psychologischen Sinne die aggressiven Affekte weiter stärkt. Es ist unerträglich, wie viele der heute 40-, 50- oder 60-Jährigen sich damit eingerichtet haben, dass ihre eigenen Großeltern keinerlei Bezüge zum NS-Antisemitismus gehabt hätten und damit ihre eigenen Familiengeschichten schleichend zu Widerstandsgeschichten umlügen (ohne sie jemals wirklich ergründet zu haben), weil sie den potenziellen Widerspruch, dass ihre Oma zugleich nett zu ihnen persönlich und trotzdem eine NS-Täterin gewesen sein kann, nicht zu ertragen bereit sind. Und so geben sie die Last der Nichtaufarbeitung der Vergangenheit an ihre Kinder und Enkel weiter. Solange aber diese Fragen innerfamiliär nicht gestellt und damit der Widerspruch nicht ausgehalten wird, also so lange nicht jede/r einzelne der Frage nachgeht, welche konkrete Rolle die eigene Familie im NS gespielt hat, so lange wird eine wirkliche „Erziehung zur Mündigkeit“ immer nur bei einer Minderheit verfangen.

(20.7.2017)
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Photo: Joachim F. Tornau

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