Workshop am Max Planck-Gymnasium in Berlin Mitte, Bericht vom 25.11.2016

Der zweite Workshop im Rahmen des Projekts „Vorsicht Verschwörung! Neurechte Bewegungen und ihre Weltanschauungen“ des JFDA fand am 25. November 2016 am Max Planck-Gymnasium in Berlin-Mitte statt. Das Gymnasium feierte nicht nur bereits im Dezember 2014 das zehnte Jubiläum der Auszeichnung als „Schule ohne Rassismus“, sondern widmet sich als „UNESCO-Projektschule“ unter anderem regelmäßig „Fragen der Menschenrechte und (…) der interkulturellen Kompetenz“.

Wie zuletzt nahmen auf Seiten des Projektteams Levi Salomon und Ilker Duyan, sowie Projektkoordinator Florian Eisheuer und die Projektmitarbeiter Max und Michael teil.

Das Team stellte sich erneut im Stil vieler Verschwörungstheorien als Mitglieder eines elitären Kreises politischer und wirtschaftlicher Verschwörer vor, und erzeugte damit erkennbare Irritationen bei den Schülerinnen und Schülern. Dass die dabei vorgetragenen Geschichten jedoch nicht ganz der Realität entsprechen können, bemerkten die letzteren jedoch spätestens als Teamer Ilker Duyan in Anlehnung an die sogenannte Reichsbürgerbewegung erklärte, er sei Teil einer Gruppe von Deutsch-Türken, die demnächst in Mecklenburg-Vorpommern ihren eigenen Staat ausrufen würden. Dem Lachen der Schüler war zu entnehmen, dass an dieser Stelle für sie die Grenze des Plausiblen offenbar überschritten war.

Die Schüler_innen wurden anschließend gebeten, sich selbst entlang einer imaginären Skala im Klassenzimmer aufzustellen. Auf dieser sollten sie sich zwischen den Positionen „Es gibt keine Verschwörungen“ und „Alles ist eine Verschwörung“ selbst einordnen. Auch dieses Mal nahmen viele eine mittlere Position ein, mit wenigen Ausreißern. Ein Schüler, der sich vom Mittelfeld in Richtung „Alles ist eine Verschwörung“ abgesetzt hatte, berichtete davon, dass es beispielsweise in den Vereinigten Staaten Geheimbünde wie die Illuminati gäbe. Auf der anderen Seite begründete ein wenig verschwörungsgläubiger Schüler seine Einschätzung damit, dass praktische Gründe gegen die Existenz großer Verschwörungen sprächen, wie etwa die Unmöglichkeit sie dauerhaft geheim zu halten.

Die Teammitglieder nahmen diese Argumente der Schüler_innen auf und ergänzten sie mit ihren eigenen Ansichten. So gebe es in Politik und Gesellschaft tatsächlich immer wieder geheime Absprachen, wofür Ilker Duyan wirtschaftliche Kartellbildung und Preisabsprachen und Levi Salomon den Molotow-Ribbentropp-Pakt zwischen der Sowjetunion und Nazideutschland als Beispiele nannte. Fraglich sei jedoch immer ob und inwiefern Absprachen oder Verschwörungen effektiv allgemeine gesellschaftliche Prozesse beeinflussen könnten.

Außergewöhnlich stark verlassen sich die sogenannten neurechten Bewegungen auf Verschwörungsideologien, um soziale Veränderungen, mit denen sie nicht zufrieden sind, zu erklären. Zu den Gruppen dieses Spektrums, die den Schüler_innen bereits bekannt waren, zählten die Alternative für Deutschland (AfD), Pegida, sowie die sogenannte Reichsbürgerbewegung. Um den Wissensstand der Schüler_innen zu ergänzen und ihnen gleichzeitig einen Eindruck vom Auftreten einiger dieser Gruppen zu vermitteln, folgte an dieser Stelle die erste Vorführung aus dem einschlägigen Videomaterial des JFDA. Als die Schülerinnen und Schülern daraufhin aufgefordert wurden ihre Eindrücke hinsichtlich des Auftretens der gezeigten Gruppen wiederzugeben, zeigte sich, dass ihnen vor allem diejenigen Szenen im Gedächtnis geblieben waren, in denen Redner_ und Teilnehmer_innen besonders aggressiv und laut auftraten. So fühlten sie sich beispielsweise durch Gestik und Tonfall einiger Redner_innen an andere historische Demagogen erinnert. Teamleiter Florian lenkte jedoch die Aufmerksamkeit der Schüler_innen auch auf diejenigen Gruppen, die zurückhaltender auftreten, beispielsweise auch unter Verwendung von Symbolik und Rhetorik von Friedensinitiativen. Trotz ihres Erscheinungsbildes versuchen auch diese Gruppen vor allem mittels verschwörungsideologischer Inhalte eine Politik zu machen, die im Bereich der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit verortet werden kann und muss.

Auf das Phänomen der Verschwörungsideologie wurde dann im zweiten Teil des Workshops das Hauptaugenmerk gelegt. Zu Beginn dieses Abschnitts versuchte das Team erneut das Vorwissen der Schüler_innen festzustellen, indem diese gebeten wurden ihnen bekannte Verschwörungserzählungen zu nennen und die Bekanntheit und Plausibilität der jeweiligen „Theorie“ einzuschätzen. Unter den genannten Verschwörungserzählen waren Dezimierung der Weltbevölkerung durch sogenannte Chemtrails, die Verantwortung der US-Geheimdienste für die Anschläge vom 11. September 2001, die in der sogenannten Reichsbürgerbewegung verbreitete Vorstellung, dass die BRD aufgrund eines fehlenden Friedensvertrags mit den Siegermächten des zweiten Weltkriegs im Krieg sei, sowie die Steuerung der Weltpolitik durch Geheimbünde wie Illuminaten, Freimaurer oder die Familien Rothschild und Rockefeller.

Die Schüler_innen schätzten die meisten dieser „Theorien“ als eher unplausibel ein, worin sie sich von der Klasse im ersten Workshop unterschied. Als eher plausibel schätzten einige die Vorstellung ein, dass internationale Konzerne wirtschaftlichen und politischen Einfluss ausübten. Tatsächlich berührten die Schüler_innen hier einen wesentlichen Punkt, nämlich dass Verschwörungsideologien oftmals an tatsächlichen Missständen wie sozialer Ungerechtigkeit oder politischer Intransparenz ansetzten. Kritik an diesen Missständen unterscheidet sich jedoch von Verschwörungsideologie dadurch, dass Kritik sachorientiert und für Revision zugänglich ist, während Verschwörungsideologen allein von dem Ziel getrieben werden die jeweils präferierte Gruppe vermeintlicher Verschwörer für diese Missstände verantwortlich zu machen.

Auch zum Thema Verschwörungsideologien wurde den Schüler_innen ein Videobeitrag über einschlägige Demonstrationsveranstaltungen vorgeführt. Dabei fiel ihnen zuvorderst die Emotionalität vieler der Redner auf, die die von ihnen angenommenen Verschwörungen in der Öffentlichkeit zu „entlarven“ bemüht sind. Viele der Redner_innen würden im Verlauf ihres Vortrags zunehmend lauter und sich teils bis zum „Geschrei“ steigern. Außerdem bemerkten die Schülerinnen und Schüler, dass viele der Redner_innen entweder zu rhetorischen Fragen neigten oder von ihnen vorgetragene Fragen selbst beantworteten. Dieser Stil verweist auf die charakteristische Dynamik verschwörungsideologischer Gruppierungen, die nicht wesentlich darin besteht Argumente auszutauschen, sondern sich gegenseitig der immer bereits vorausgesetzten Übereinstimmung zu vergewissern. Wie es denjenigen ergeht, die diese Übereinstimmung in Frage stellen, erkannten wiederum die Schüler_innen: Sie bemerkten, dass im Videobeitrag ein Redner, der anmerkte, man könne über das Vorgetragene unterschiedlicher Meinung sein, von den Zuhörenden ausgebuht wurde.

Allgemein stellte sich bei den Schüler_innen der Eindruck ein, dass sich Protagonisten verschwörungsideologischer Gruppierungen selbst vor allem in der Rolle des Opfers wähnen. Dass Vertreter_innen von Verschwörungsideologien die Welt als Kampf illegitimer Aggressoren gegen eine unbedarfte Bevölkerung sich vorstellen, macht bereits den Zusammenhang von Verschwörungsideologie und Antisemitismus sichtbar. Um diesen Nexus zu verdeutlichen, präsentierte Teamleiter Florian Eisheuer den satirischen Text „An allem sind die Juden Schuld“ von Friedrich Hollaender, vertont nach der Arie „Habanera“ aus „Carmen“. Der Text, in dem noch die banalsten Unannehmlichkeiten des Alltags „den Juden“ angelastet werden, übertreibt die buchstäblich todernste Wahnvorstellung, die Katastrophen der Moderne seien verursacht durch eine Verschwörung des sogenannten Weltjudentums, ins Absurde. Gleichzeitig verdeutlicht er, dass der Antisemitismus der Prototyp von Verschwörungsideologie ist.

Historische Wirkmächtigkeit erhielt der Mythos der jüdischen Weltverschwörung vor allem in Form des gefälschten Pamphlets „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Um die Bedeutung dieses vermeintlichen Dokuments für den modernen Antisemitismus hervorzuheben, zeichnete Levi Salomon die Geschichte seiner Verbreitung von der Erfindung durch den zaristischen Geheimdienst, über die Adaption in Hitlers „Mein Kampf“, bis hin zur Verwendung als Kriegspropaganda arabischer Staaten gegen Israel nach.

Nach den eher theoretischen Erläuterungen zur Einführung in den Zusammenhang von Verschwörungsideologie und Antisemitismus, gestaltete sich der dritte und letzte Teil des Workshops erneut interaktiv. Die Schüler_innen bildeten vier Arbeitsgruppen mit dem Auftrag anhand vorgeschlagener Stichworte ihre eigenen Verschwörungserzählungen zu entwickeln. Nach dem Vorbild der sogenannten „Bielefeld-Verschwörung“ sollten diese jedoch ausdrücklich in satirisch-humoristischer Art entworfen sein. Die Aufgabe wurde von den Schüler_innen außerordentlich gut angenommen. So entstanden in den Arbeitsgruppen umgehend interessierte Diskussionen, die über den gesamten vorgegebenen Zeitraum aufrechterhalten wurden und in jeder Gruppe eine Erzählung mit den Strukturmerkmalen von Verschwörungsideologie zum Ergebnis hatten. Für die anschließende Präsentation wählten die Schüler_innen die „Theorie“, dass Möbel der Firma IKEA Teil eines geheimen außerirdischen Invasionsplans seien.

Nachdem die Gruppe der „Aufgeklärten“ in der folgenden Diskussion mehr oder weniger erfolgreich jeden Versuch der Skeptiker die Plausibilität ihrer „Theorie“ zu untergraben hatten abprallen lassen, stellte sich bei den Schülern sehr schnell der Eindruck ein, dass es wenig aussichtsreich sei, Vertretern von Verschwörungsnarrativen auf rational argumentierende Weise zu begegnen. So könnten die Vertreter solcher „Theorien“ jedem Argument und jedem Verweis auf Tatsachen stets dadurch ausweichen, dass der Kreis der Verschwörung beliebig aufgebläht würde. Das erkannte auch ein Schüler aus der Gruppe der aufgeklärten: Die Möglichkeit Argumenten auszuweichen seien „endlos“, man müsse nur der Gruppe der Verschwörer „übermenschliche“ Eigenschaften zuschreiben und könnte so alles durch deren Manipulationen erklären. Dass Verschwörungsideologie auch immer im Zusammenhang mit der Selbstwahrnehmung ihrer Vertreter steht, bemerkten auch die Schüler_innen der „aufgeklärten“ Gruppe. Sie bemerkten wie überlegen man sich dabei fühlt den „Schlafenden“ ihre Gegenargumente aus der Hand schlagen zu können.

 

30.12.2016

Facebook

Newsletter