Workshop am Barnim-Gymnasium in Berlin Hohenschönhausen, Bericht vom 20.12.2016

Der dritte und letzte Workshop im Rahmen des Projekts „Vorsicht, Verschwörung!“ am Barnim-Gymnasium in Hohenschönhausen fand am 20. Dezember 2016 unter dem Eindruck des mutmaßlichen Anschlags auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz tags zuvor statt. Lehrerin Frau Krohn richtete deshalb zunächst einige Worte an ihre Klasse, in denen Sie versuchte ihre eigenen Gedanken zu diesem letztlich unfassbaren Ereignis auszudrücken und den Schülerinnen und Schülern den eigenen Umgang damit zu erleichtern.

Projektleiter Florian Eisheuer schloss mit einigen persönlichen Reflexionen über die Ereignisse des Tages zuvor daran an und kündigte an, dass das Team des JFDA den Workshop nichtsdestotrotz in seinem gewohnten Ablauf durchführen werde. Neben Projektleiter Florian Eisheuer bestand das Team an diesem Tag aus Ilker Duyan und den Projektmitarbeitern Max und Michael. Levi Salomon nahm am ersten Block des Workshops teil.

Wie gewohnt wurden in der Vorstellungsrunde die tatsächliche Darstellung der Arbeit des JFDA um einige verschwörungsideologische Versatzstücke ergänzt. Noch vor der Auflösung durch das Team bemerkte Frau Krohn, sie hätte als Reaktion auf die „politisch inkorrekten Witze“ bei einigen Schülern ein Schmunzeln festgestellt, und fragte dann selbst in die Runde der Schüler_innen, ob diese es auch als Satire erkannt hätten. Florian Eisheuer erläuterte anschließend, dass mit dieser Vorstellung eben das Ziel verfolgt werde, deutlich zu machen, dass Verschwörungsideologien in den „Grauzonen“ zwischen der Interpretation von Tatsachen und Fiktionen ansetzten und deshalb oftmals nicht auf den ersten Blick zu erkennen seien.

Bei der Aufstellung auf einer Achse der Verschwörungsgläubigkeit von „Alles ist Verschwörung“ bis „Es gibt keine Verschwörung“, sammelten sich die sechzehn Schüler_innen an diesem Tag ausnahmslos in der Mitte.

Die politische Brisanz von Verschwörungsideologie ergibt sich vor allem aus dem Gebrauch, den die sogenannten neurechten Bewegungen von ihr machen. Auf die Frage welche neurechten Gruppen ihnen bereits bekannt seien, reagierten die Schüler_innen zurückhaltend. Pegida, die AfD und die „Identitäre Bewegung“ wurden schließlich genannt, auf Nachfrage war auch einigen die Seite „Anonymous.Kollektiv“ auf Facebook begegnet. Einige der bekannteren Gruppen und Plattformen, die allgemein als neurechte Bewegungen zusammengefasst werden, ergänzte des Team im Hinblick auf die folgende Vorführung dieser Gruppen anhand des Videomaterials des JFDA.

Auf die Nachfrage, wen die jeweiligen Gruppen in dem gezeigten Video ansprächen, bemerkte eine Schülerin passend, dass verbal zwar oft „das Volk“ adressiert, aber „im Endeffekt nur die Anhänger“ der jeweiligen Gruppe erreicht würden. Eine weitere Schülerin empfand die Reden als mit „Elan“ vorgetragen, deshalb jedoch „sehr manipulativ“. Andere bemerkten die exzessive Verwendung von Schlagwörtern wie „Volk“, „Lügenpresse“ oder „Krieg“ und allgemein „einfach“ gehaltener Sprache. Es sollten in erster Linie „Gefühle vermittelt“ werden.

Zu Beginn des zweiten Blocks zeigten die Schüler_innen dass ihnen das Phänomen der Verschwörungsideologie bereits deutlich bekannter war, als zuvor die neurechten Bewegungen. Die Schüler_innen nannten die „Chemtrail“-Verschwörung, den Angriff vom 11. September 2001 auf das World Trade Center, Theorien um den Putschversuch gegen die türkische Regierung, die vermeintliche Fälschung der Mondlandung, der angebliche Mord an Prinzessin Diana, die Existenz sogenannter „Reichsflugscheiben“, sowie die „Theorie“, dass die Bundesrepublik tatsächlich kein Staat, sondern eine GmbH sei.

Einige dieser Verschwörungserzählungen waren im anschließend gezeigten Video von verschwörungsideologischen Demonstrationen enthalten. Einer Schülerin fiel vor allem die häufige Verwendung der Metapher des „Puppenspielers“ auf, die sie so interpretierte, dass damit die Vorstellung kommuniziert werden solle, dass die Menschen insgeheim nicht ihren eigenen Motiven entsprechend handeln, sondern von nicht näher bekannten Personen gesteuert würden. Ein Schüler fragte nach den im Video genannten Namen Hooton, Kaufman und Morgenthau. Zum sogenannten Morgenthau-Plan konnte ein Mitschüler erläutern, dass dahinter die Idee der Deindustrialisierung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg stehe. Wie dieser sind auch die anderen genannten, historisch noch bedeutungsloseren „Pläne“ nie umgesetzt worden.

Dass Verschwörungsideologen hinter diesen nach Juden benannten „Plänen“ jedoch geheime Operationen gegen das „deutsche Volk“ vermuten, weist auf den Zusammenhang von Verschwörungsideologie und Antisemitismus hin. So existieren von den meisten kursierenden Verschwörungsideologien stets Versionen, in denen Juden den Kreis der Verschwörer bilden. Umgekehrt ist der moderne Antisemitismus selbst verschwörungsideologisch konstruiert. Prototypisch manifestiert sich dieser Antisemitismus in den vermutlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts gefälschten „Protokollen der Weisen von Zion“.

Die besagten „Protokolle“ waren den Schüler_innen noch gänzlich unbekannt, während hingegen einem Schüler Friedrich Holländers Satire auf den Glauben an die jüdische Weltverschwörung „An allem sind die Juden Schuld“ bekannt war. Wie Teamleiter Florian daran anknüpfend erläuterte habe die Vorstellung, dass jedes Ereignis in der Welt auf den Plan einer angeblichen Weltverschwörung zurückzuführen sei vor allem die Funktion die Komplexität der Welt für den Gläubigen auf eine einfache Formel zu reduzieren. Das Gefühl mittels dieser Formel die Welt für sich beherrschbar gemacht zu haben, kommt dabei vor allem auch den narzisstischen Bedürfnissen des Verschwörungsgläubigen entgegen.

Auch im letzten Workshop dieser Reihe bildete eine praktische Übung dessen letzten Teil. Wie in den Workshops zuvor bekamen die Schüler_innen die Aufgabe eine eigene Verschwörungstheorie zu entwerfen. Die Schülerinnen und Schüler arbeiteten in Gruppen von je vieren konzentriert und selbstständig an ihren Verschwörungserzählungen. Zur Diskussion gestellt wurde dann schließlich die „Theorie“, dass das Mittelmeer tatsächlich kein natürliches Meer sei, sondern von den EU-Eliten in Zusammenarbeit mit dem Konzern Nestlé zu dem Zwecke geflutet wurde, um Einwanderer aus Afrika von der Einreise nach Europa abzuhalten.

Die Gruppe der Verschwörungsgläubigen wehrte in der folgenden Diskussion jeden vorgebrachten Einwand gegen ihre Theorie „erfolgreich“ mit der Behauptung ab, diese würden auf Informationen beruhen, die eben von denselben Verschwörern manipuliert seien und nur Teil der „offiziellen“ Geschichte seien. Demgegenüber hätten sie selbstverständlich Zugriff auf alternative Quellen, die jedoch naturgemäß nicht benannt werden könnten, da sie anschließend den verschworenen EU-Eliten ausgeliefert wären.

Den Schüler_innen fiel dabei schnell auf, dass auf diese Weise der Realitätsbezug schnell eine sekundäre Rolle einnimmt, sobald Belege beliebig für gültig oder ungültig erklärt werden können. Eine Schülerin bemerkte treffend, „man argumentier[e] gegen eine Wand“. Ein Schüler, der sich offenbar von der Theorie hatte „überzeugen“ lassen, erklärte, dass es der Gruppe der „Entschwörer“ auch dadurch gelungen sei ihre Theorie „schlüssig“ erscheinen zu lassen, dass sie die „Mittäterschaft“ des Lebensmittelkonzerns Nestlé unterstellten, dessen Geschäftspraktiken auch im „Mainstream“ der politischen Diskussion zum Teil kontrovers diskutiert werden. Hier wurde deutlich, dass Verschwörungsideologien oft gerade dadurch erfolgreich sind, dass sie an tatsächliche Missstände anknüpfen, diese jedoch nicht zum Anlass für Kritik auf dem gesellschaftlich erreichten theoretischen Niveau, sondern für simple Schuldzuweisungen nimmt.

 

30.12.2016

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