Podiumsdiskussion „Reif für die Anstalt? – Zur Psychologie des Verschwörungsglaubens“, Veranstaltungsbericht vom 19.12.2016

Zur zweiten Veranstaltung im Rahmen des Projekts „Vorsicht, Verschwörung! Neurechte Bewegungen und ihre Ideologien“, gefördert vom Land Berlin, lud das JFDA am 19.12.2016 unter dem Titel „Reif für die Anstalt? – Zur Psychologie des Verschwörungsglaubens“ ein. Die Veranstaltung konnte mit freundlicher Unterstützung der Humboldt-Universität Berlin in deren Räumlichkeiten durchgeführt werden.

Auf dem Podium saßen Experten zum Thema Verschwörungsideologie aus dem akademischen und zivilgesellschaftlichen Bereich, sowie den Strafverfolgungsbehörden. Entsprechend der Ankündigung näherten sie sich aus unterschiedlichen Perspektiven den Fragen: Wie viel Wahn steckt eigentlich in Verschwörungsideologien und ab welchem Punkt wird aus der Vorstellung, eine kleine Elite beherrsche uns, eine pathologische Paranoia? Welche sozial- und individualpsychologischen Bedürfnisse bedient der Glaube an Verschwörungserzählungen? Florian Eisheuer, Koordinator des Projekts „Vorsicht, Verschwörung!“, leitete in das Thema ein und moderierte die anschließende Diskussion.

Herr Prof. Dr. Thomas Kliche, Professor für Bildungsmanagement an der Hochschule Magdeburg-Stendal und Experte für Politik- und Gesellschaftspsychologie, entwickelte seinen Vortrag anhand der Unterscheidung „klinischer“ und „politischer Ängste“, die seinen Angaben zufolge seit den 1990er Jahren zunehmend schwieriger zu erkennen sei. Grundsätzliche könne man beide einerseits anhand der „sozialen Plausibilität des Objekts“ der jeweiligen Ängste, andererseits ihrer handlungseinschränkenden oder handlungsleitenden Effekte erkennen. Jedoch würden „Mischformen“ von beiden stetig zunehmen, so dass die Unterscheidung von außen zunehmend schwerfalle. Der Betroffene selbst halte sich dabei, auch aufgrund des nicht vorhandenen Leidensdrucks nicht für krank, sondern halte sich aufgrund seiner politischen „Einsicht“ für den Anderen überlegen.

Insgesamt steige seit Jahrzehnten die Bereitschaft an Verschwörungstheorien zu glauben, auch jeweils der politischen Verortung von „links“ oder „rechts“. Der subjektive Gewinn der typischen Verschwörungstheorie sei, so Kliche, ein dreifacher. Zum einen empfinde sich der Verschwörungsideologe als bedeutsam, da er als einer der Wenigen die Machenschaften der Mächtigen durchschaue und auch dem entsprechend der Verfolgung durch diese ausgesetzt sei. Zum anderen fühle er sich vor der Komplexität und Unberechenbarkeit der Welt geschützt, da in seinem Weltbild alles auf die unmittelbare Verursachung durch einen Kreis von Verschwörern zurückzuführen ist. Schließlich rechtfertige die vermeintliche Verschwörung gegebenenfalls das persönliche Scheitern des Verschwörungsideologen. Schließlich stehe er übermächtigen Gegnern gegenüber.

Diplom-Psychologe Jan-Gerrit Keil bot aus der Perspektive des Landeskriminalamtes Brandenburg eine Phänomenologie des typischen Anhängers der Reichsbürgerideologie. Dieser sei mehrheitlich männlich, durchschnittlich um die 50 Jahre alt und aufgrund von (Früh-)Verrentung oder Arbeitslosigkeit eher unterbeschäftigt. Dementsprechend unterscheide sich der typische Reichsbürger von anderen Rechtsextremisten, die sonst mehrheitlich eher im Bereich der allgemeinen Jugenddelinquenz angesiedelt seien. Dementsprechend hätten jedoch Reichsbürger eine deutlich schlechtere Aussicht darauf in der weiteren Lebensentwicklung einen Ausstieg aus der ideologischen Szene zu schaffen.

Die Gruppe der Reichsbürgerideolog*innen sei, so Keil, nicht homogen. Obwohl ein sogenannter Reichsbürger zuletzt in Georgensgmünd mit einer massiven Gewalttat auf sich aufmerksam machte, vermutet Keil, dass die überwältigende Mehrheit derselben lediglich „verbalaggressive“ Querulanten seien. Seiner Einschätzung zufolge könne man davon ausgehen, dass bei etwa einem Fünftel der sogenannten Reichsbürger tatsächlich eine psychische Erkrankung vorliege, wobei es sich nicht notwendigerweise in allen Fällen um psychotische Wahnvorstellungen handle. In anderen Fällen sei der Glaube an die Reichsideologie auch die Folge einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Keil unterscheidet unter den sogenannten Reichsbürgern vier Typen. Neben den im rechtsextremen Milieu bereits seit den 1970er und 80er Jahren bekannten Reichsbürgern wie etwa Horst Mahler, die sich unumwunden zum Dritten Reich bekennen, gebe es außerdem die „Selbstverwalter“, die in erster Linie ihre Steuerzahlungen an die vermeintliche „BRD GmbH“ einstellen wollten. Darüber hinaus ließen sich die teils megalomanen selbsternannten „Herrscher“ ihres je eigenen fantastischen „Reichs“ und deren Anhänger, sowie „unternehmerisch orientierte Milieumanager“ unterscheiden. Letzteren käme es bei ihrer Reichsideologie in erster Linie darauf an, den daran glaubenden Menschen angebliche „Reichs“-Devotionalien wie Ausweise oder Fantasiewährungen für teils horrende Summen zu verkaufen.

Giulia Silberberger, Gründerin des „Goldenen Aluhuts“, berichtete zunächst über den Werdegang des gleichnamigen Blogs. Auf ihrer Facebook-Seite habe sie zu Beginn zum Spaß Screenshots der verrücktesten Verschwörungstheorien des Internets gepostet. Mit zunehmender Bekanntheit hätten jedoch immer mehr Leser*innen nach Rat im Umgang mit Bekannten, die sich Verschwörungsideologien zu eigen gemacht hatten, gefragt. Dementsprechend entwickelte sich der „Goldene Aluhut“ schließlich zu einer Plattform, die auch Aufklärung und Prävention im Bereich der Verschwörungsideologie anbietet, darunter rechtliche und medizinische Beratung, sowie Informationsbroschüren zu den Hintergründen prominenter Verschwörungsideologien. Silberberger selbst ist Aussteigerin bei den Zeugen Jehovas und sieht anhand ihrer eigenen Erfahrungen Parallelen zwischen Verschwörungsideologie und Sektenglauben. Beide bedienten ähnliche emotionale Bedürfnisse und funktionierten nach den gleichen psychischen Mechanismen. Silberberger plädierte in ihrem Vortrag für mehr Betreuungs- und Therapieangebote für Aussteiger aus diesen Szenen.

 

30.12.2016

Facebook

Newsletter