Einigkeit und Recht und „Volksgemeinschaft“ – Überlegungen zur konformistischen Revolte in Deutschland

von Melanie Hermann

 

„Konformismus“, so informiert uns Wikipedia, wird von seinen Kritiker_innen als Haltung verstanden, „die sich im Lebensvollzug und in der Entscheidungsfindung überdurchschnittlich stark, unter Aufgabe eigener Individualität an den Normen und Meinungen der Mehrheit der Gesellschaft beziehungsweise der Bezugsgruppe orientiert.“ Eine Revolte dagegen findet laut Duden dann statt, wenn sich eine Gruppe gegen die bestehenden Verhältnisse auflehnt.

Beide Konzepte erscheinen ihren Definitionen folgend zunächst vollkommen unvereinbar. Konformist_innen und Revolutionär_innen verbindet selten mehr als Antipathie und politische Gegnerschaft. Ein Antagonismus, der ebenso widerspruchsfrei zu sein scheint wie die Einteilung politischer Lager in Linke, Rechte und die, zunehmend zur Disposition stehende, bürgerliche Mitte.

Die Beobachtungen der letzten Jahre lassen jedoch Zweifel daran aufkommen, ob diese Grenzziehungen nach wie vor so klar verlaufen bzw. ob sie es überhaupt je taten. Vor allem stellt sich die Frage, ob eine Einstufung politischer Diskurse, Bewegungen und Prozesse in links oder rechts als vordergründiges Kriterium ihrer inhaltlichen Verortung zielführend ist.

Zunehmend fällt der Begriff der Querfront, um eine mögliche Erklärung für die sich häufenden inhaltlichen wie personellen Überschneidungen zwischen diversen politischen Strömungen zu finden. Insbesondere all jene Gruppen, Parteien und Bewegungen, die als neu-rechts oder rechtspopulistisch gehandelt werden, werfen diesbezüglich Ungereimtheiten auf.

In ihrer inhaltlichen Ausrichtung, beispielsweise in ihrer Bewertung von Migrationsbewegungen nach Deutschland, ihrer Position zur Emanzipation von Frauen oder der Rechte von LGBTI (LesbianGayBisexualTranssexual/TransgenderIntersexual), bedienen sowohl Bewegungen wie Pegida (und Ableger) als auch die AfD Argumentationsstrukturen, die eine große Schnittmenge mit bzw. Offenheit für extrem-rechte Weltsichten aufweisen.

Das, was die meisten neu-rechten bzw. rechtspopulistischen Bewegungen von dezidiert rechtsextremen Parteien und Kameradschaften unterscheidet, ist, dass sie partout keine Nazis sein wollen, sich bisweilen sogar als postmoderne Antifaschist_innen begreifen.

Indem sie sich selbst zu Freiheitskämpfern des „Das-wird-man-doch-wohl-sagen-Dürfens“ stilisieren, die sich gegen Nazis von heute – wie beispielsweise die Antifa, „grünversiffte Gutmenschen“ oder die „Kanzlerdiktatorin“ – auflehnen, präsentieren sie sich als die moralischen Sieger der deutschen Gegenwart und Geschichte.

Insbesondere die AfD als demokratisch wählbare Partei, aber auch Pegida, Montagsmahnwachen und Friedensbewegte grenzen sich nicht nur überwiegend dezidiert von der deutschen Vergangenheit ab, sie sehen sich sogar in der Verantwortung, ein Wiederholen derselben zu vermeiden. Nur, dass aus ihrer Sicht sie heute die Opfer sind, die sich gegen ihre Unterdrücker zur Wehr setzen müssen.  Diese sich gleichsam als Notwehr und als rebellischer Akt gerierende Täter-Opfer-Umkehr berechtigt, ja verpflichtet sie ihrer regressiven Logik zufolge sogar zu einer Bandbreite an vermeintlichen Abwehrhandlungen.

Doch bevor wir uns dem rebellischen Anteil der konformistischen Revolte zuwenden, lohnt es sich, zunächst einen Blick auf die gekränkten Anteile dieser Vergemeinschaftung zu werfen.

Es sei zunächst vorweg genommen, dass die Partizipation an modernen Gesellschaften allen Individuen einiges abverlangt. Die Teilhabe an der bürgerlichen Gesellschaft wird niemandem geschenkt, für einige ist sie lediglich in weiterer Ferne als für andere. Weiß, männlich, heterosexuell, etc. zu sein, ist bereits ein großer Schritt in die gewünschte Richtung. Unter dem Druck, seines eigenen Glückes Schmied sein zu müssen, befinden sich die bürgerlichen Subjekte in einem permanenten Konkurrenzkampf zueinander. Nur durch unentwegte Selbstbeherrschung ist es ihnen möglich, ihre Triebe, Affekte und unerfüllbaren Wünsche zugunsten ihres zweckgerichteten Charakters zu kontrollieren. Dieser schmerzhafte Prozess führt nicht selten zu einer unbewussten Projektion des Unbehagens auf ein konstruiertes „Anderes“, das es auf keinen Fall besser haben sollte als man selbst, also als der „kleine Mann“ oder die „besorgte Bürgerin“. Zudem macht diese Fremdprojektion das eigene Unbehagen nicht nur greifbar, sondern auch bekämpfbar, wenn es im Außen personifiziert werden kann.

Die Intention der vorangestellten Aufschlüsselung des individuellen und kollektivierten Leidensdruckes ist es mitnichten, die regressiven Handlungsmuster, die Rechtspopulist_innen entwickeln, zu relativieren. Im Gegenteil. Ihr Handeln erscheint umso unentschuldbarer, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie groß die Fülle an progressiven Formen individueller wie kollektivierter Strategien ist, mit den Widrigkeiten moderner Vergesellschaftung umzugehen. Der neu-rechte oder rechtspopulistische Protest sucht jedoch gar nicht nach differenzierten Erklärungsansätzen für komplexe gesellschaftliche Probleme. Gerade diese Komplexität verursacht Angst, verstärkt das Bedürfnis nach klaren Grenzen – sowohl zwischen Nationen als auch zwischen Identitäten.

Für die Kolporteure der konformistischen Revolte ist die wichtigste Grenze jene, zwischen ihrer Volksgemeinschaft und allen, die nicht dazu gehören. Volk wird von ihnen verstanden als vor-diskursive, „natürliche“ und vor allem homogene Schicksalsgemeinschaft, in der die geschundenen Individuen endlich zu ihrem Recht und Frieden kommen sollen. Ein zentraler Bestandteil dieses regressiven Glücksversprechens ist die Sehnsucht nach Einfachheit. Weg mit der abstrakten  „Zinsknechtschaft“, weg mit dem „Genderwahn“, weg mit allen Errungenschaften der Aufklärung, zugunsten eines vermeintlichen Naturzustandes. Hier manifestiert sich das antiaufklärerische, antimoderne Moment der konformistischen Revolte. Die Subjekte sehnen sich danach, in einer eindeutigen, widerspruchsfreien Identität und Gemeinschaft aufzugehen. Die völkische Ideologie projiziert kollektiv die Widersprüche moderner Vergesellschaftung in ein außen gelagertes „Anderes“, um sie dort anzugreifen und letztlich zu vernichten. Nur durch die Vernichtung des äußeren Feindes kann die innere „Zersetzung der Volksgemeinschaft“ aufgehalten und ihr Glücksversprechen endlich erfüllt werden, so die wahnhafte Vorstellung.

Das Narrativ von einer kleinen verschworenen Gruppe, die im Geheimen die Strippen zieht und über „uns alle“ herrscht, taucht zumindest strukturell in den unterschiedlichsten politischen Kontexten auf. Die Simplifizierung abstrakter Herrschaftsverhältnisse und komplexer sozio-politischer Prozesse zu einem banalen Gut-Böse-Schema ist ein zentrales Element der meisten Verschwörungsideologien und wenn nicht explizit, so doch implizit antisemitisch.

Der moderne Antisemitismus geriert sich als Abwehrkampf gegen die Nebenwirkungen moderner Vergesellschaftung, die in dem Konstrukt „des Juden“ gebündelt werden und sich entweder unmittelbar auf Jüdinnen und Juden oder mittelbar bzw. codiert auf Israel oder „die Rothschilds“ etc. entladen. Der deutsche Antisemitismus ging nicht etwa mit dem „III. Reich“ unter, er wurde lediglich modifiziert, in eine Sprache übersetzt also, die nach der Shoah antisemitische Ressentiments auch für nicht-bekennende Nazis sagbar machte.

Jene Verschwörungsideologien, die das Bild der heimtückischen Strippenzieher bedienen, weisen daher in der Regel antisemitische Strukturen auf. Wer sie dechiffriert, gelangt in den meisten Fällen schneller als ihm lieb ist zum Bild „des Juden“ als Ursprung allen Übels, zum Phantasma der jüdischen Weltverschwörung also.

Gegen die bösen Strippenzieher, in welches Gewandt auch immer sie von den neu-rechten Verschwörungsideologen gekleidet wurden, gilt es, sich zur Wehr zu setzen, zu revoltieren.

Zentral für das Moment der Revolte ist der positive Bezug auf „die Volksgemeinschaft“, die ausgebeutet, unterjocht, „überfremdet“ oder sogar existenziell bedroht wird. Die wahnhafte Weltsicht der konformistischen Rebellen bringt sie in die verantwortungsvolle Position, zu den Wenigen zu gehören, die verstanden zu haben glauben, was schief läuft in Deutschland und der Welt. Und nicht nur das. Außer ihnen scheint niemand die große Gefahr zu erkennen, in der das „deutsche Volk“ schwebt. Also ist es an ihnen, die verblendete Gesellschaft über die Verhältnisse aufzuklären und gegen die imaginierten Feindbilder in Stellung zu bringen. Ihr Rebellentum basiert auf der Annahme, sie würden Tabus brechen, in dem sie sich gegen das „Meinungsdiktat“ der Bundesregierung auflehnen und sagen, was angeblich nicht gesagt werden darf. Insbesondere Freiheit und Demokratie seien ihnen wichtig, da sind sich AfD, Pegida, Friedensbewegte und sogar die Identitäre Bewegung einig. Dabei geht es jedoch nicht um die individuelle Freiheit oder politische Teilhabe unterschiedlicher Einzelner mit diversen widersprüchlichen Interessen, sondern um das politische Agieren eines naturalisierten Volkskörpers.

„In dieser »identitären« oder »organischen Demokratie« erfolgt die politische Willensbildung nicht mehr als individueller Akt von Gleichen, sondern als kollektiver Akt von Identischen. Diese »Demokratie« ist nicht mehr »auf vermeintlich unveräußerliche Rechte des jeder Zugehörigkeit entrissenen Individuums« gegründet, sondern auf die »Zugehörigkeit zu einem Volk« und auf »die politische Form, in der sich das Volk zu entfalten sucht« (Benoist zit. nach Schiedel, 2011).“

Die Freiheit, nach der die konformistische Revolte sich sehnt, meint nicht das Privileg, frei zu sein von Herrschaft, Zwang oder Leid, sondern die Freiheit, Ressentiments nicht nur uncodiert öffentlich äußern zu dürfen, sondern die Möglichkeit, sie zum common sense zu erklären.

Dies sei in der BRD nicht möglich. Bei dieser handle es sich ohnehin um einen schwachen, weil nicht souveränen Staat, der ausschließlich im Sinne fremder Mächte und zu Ungunsten der deutschen „Volksgemeinschaft“ handle. Alle innenpolitischen Schwierigkeiten und Hemmnisse laufen in dieser herbeiphantasierten Fremdherrschaft zusammen. Dem Gefühl der eigenen Schwäche wollen die konformistischen Rebellen beikommen, indem sie den von ihnen als schwach  empfundenen Staat kritisieren und sich eine autoritäre Alternative wünschen (vgl. Schiedel, S. 20). Der autoritäre Staat im neu-rechten oder rechtspopulistischen Sinne braucht nicht unbedingt einen charismatischen Führer, sondern basiert auf der Diktatur der „Volksgemeinschaft“, verbunden durch „Blut und Boden“. Wenn also die konformistische Revolte unterschiedlicher Couleur heute lauthals nach direkter Demokratie verlangt, sei an die Worte Theodor W. Adornos erinnert:

„Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.“

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