Podiumsdiskussion „Das ‚deutsche Volk‘ als Opfer – Verschwörungsideologie und Selbstviktimisierung“, Bericht vom 09.12.2016

Zur ersten Veranstaltung des JFDA im Rahmen des  vom Land Berlin geförderten Projekts „Vorsicht Verschwörung! Neurechte Bewegungen und ihre Ideologien“,  versammelten sich am Freitag, dem 9. Dezember 2016  zahlreiche Zuhörer*innen in den Räumlichkeiten des Otto Suhr-Institutes für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Die Podiumsdiskussion mit dem Titel „Das ‚deutsche Volk‘  als Opfer – Verschwörungsideologie und Selbstviktimisierung“ wurde in Zusammenarbeit mit der Fachschaftsinitiative für Politikwissenschaft des Otto Suhr-Instituts organisiert. Die Moderation der Veranstaltung übernahm die Redakteurin der Berliner „taz“ Donata Künßberg.

Thema der Veranstaltung war die in (neu)rechten Kreisen prävalente Vorstellung dem „deutschen Volk“ solle es in der ein oder anderen Form an den Kragen gehen. Im Hintergrund agierende Mächte, die nicht selten als jüdisch und/oder US-amerikanisch markiert werden, hätten sich schon seit Langem gegen die Deutschen verschworen, ihr Vorhaben sei allerdings stets am Widerstandswillen der Opfer gescheitert. Der neueste Versuch der globalen Elite sei es nun, das „deutsche Volk“ mit Hilfe gezielt herbeigeführter und ebenso gezielt nach Deutschland gelenkter „Flüchtlingsströme“ zu destabilisieren. Deutsche Politikerinnen und Politiker seien Teil dieser Verschwörung und arbeiteten bewusst gegen die Interessen des „deutschen Volkes“.

Auch wenn unterschiedliche Varianten dieser Verschwörungstheorie existieren, verbindet sie der Grundgedanke, Deutschland sei das Ziel einer globalen Verschwörung und stehe unmittelbar vor der großen Katastrophe. Diese Form der Selbstviktimisierung ermöglicht es den Akteur*innen, aus der selbst zugeschriebenen Opferrolle eine Legitimationsbasis für ihre eigenen, teils gewaltvollen Handlungen zu konstruieren. Getreu dem Motto: Wer angegriffen wird (mit dem Ziel der Vernichtung), wird sich doch wohl wehren dürfen?

Als Leiter des Projekts „Vorsicht Verschwörung!“ begann Florian Eisheuer  mit einem Beitrag, in dem er vor allem auf die  verschiedenen Mechanismen einging, nach denen verschwörungsideologische „Argumentationen“ typischerweise funktionieren: Er unterschied dabei zwischen Selbstviktimisierung, Selbstheroisierung und Selbstlegitimierung.

Das Prinzip der Selbstviktimisierung bestehe darin, sich als Opfer darzustellen, also in gewisser Weise als rein und unschuldig zu geben, aber gleichzeitig auch als ohnmächtig und gegenüber fremden Mächten ausgeliefert. Diese Ohnmacht ist eine Grundkonstante im Glauben an Verschwörungsnarrative und bietet zugleich einen Einstieg in kollektive Einteilungen eines vermeintlichen „Wir“ gegen „Die da oben“. Diese vereinfachte Darstellung von bestimmten Gruppen sei vor allem in Deutschland immer wieder für antisemitische Argumentationen anschlussfähig.

Selbstheroisierung knüpfe an Selbstviktimisierung dadurch an, dass sich die imaginierten Opfer ihrer Vorstellung nach allen Widrigkeiten zum Trotz gegen die feindlichen Mächte zur Wehr setzten. Dabei gehe es zumeist nicht um das eigene Wohl, sondern um die Zukunft des meist ethnisch verstandenen „deutschen Volkes“.

Zugleich kann durch die eigene Darstellung als Opfer auch das eigene Handeln legitimiert werden. Die von außen wahrgenommene Bedrohung dient dabei auch als Rechtfertigung für Gewalt. Diese wird dementsprechend als „Notwehr“ oder „Widerstand“ umgedeutet und diene lediglich dazu die freiheitlich demokratische Grundordnung zu „verteidigen“.

In dieser Form der Verschwörungsideologie ist nach Eisheuers Einschätzung folglich ein doppeltes Identitätsangebot für etwaige Anhänger enthalten: Opfer und Held zugleich, was somit auch eine Legitimationsbasis für gewalttätiges Handeln bietet und somit eine ernst zu nehmende politische Gefahr darstellt.

Daran knüpfte  der Soziologe und freie Journalist Jonas Fedders an, um anschließend genauer auf Verschwörungsideologie im Allgemeinen einzugehen und seine Thesen mit zwei einschlägigen Beispielen zu verdeutlichen.

Zunächst unterschied Fedders zwischen unproblematischen Verschwörungstheorien, wie beispielsweise der Theorie, dass Bielefeld gar nicht existieren würde, da diese lediglich scherzhaft seien und dadurch eher einen Aufklärungscharakter hätten.

Diesen eher harmlosen Verschwörungstheorien stehen allerdings relativ ernste Verschwörungstheorien gegenüber. Die Anhänger*innen ebenjener glauben über einen bestimmten Wissensvorsprung gegenüber Anderen zu verfügen und dadurch erkannt zu haben, dass Alles von bestimmten Personen oder Gruppen gelenkt wird. Komplexe Zusammenhänge werden mit teils real existierenden oder erfundenen Elementen erklärt und stichhaltige Gegenbeweise werden abgelehnt bzw. problemlos in den eigenen Verschwörungsglauben integriert. Das Ergebnis solcher Verschwörungstheorien steht bereits von vornherein fest, da alles unter einem einfachen Gut- Böse Schema (wahlweise auch „Wir-gegen-Die“- Schema) betrachtet und eingeordnet wird. Häufig wird dabei auf die pseudoinvestigative Frage „Cui bono?“, also „wer profitiert?“, verwiesen.

Da die allgemeine Struktur jeder Verschwörungserzählung meist auf einen vermeintlichen Plan der Mächtigen zu Ungunsten der ohnmächtigen Opfer (gegebenenfalls einzelne Personen, das Volk oder gleich die ganze Menschheit) hinausläuft, trägt Verschwörungsideologie auch immer Elemente des Antisemitismus in sich. Die Macht der Mächtigen ist dabei un(an)greifbar und führt zu einer bestimmten Ohnmacht bei den Betroffenen, ist also auch für ein vereinfachtes Täter- Opfer Denken bzw. Freund- Feind Denken anfällig.

Als Beispiel führt Jonas Fedders ein Zitat von Jürgen Elsässer, Chefredakteur der Zeitschrift „Compact“ an, der behauptet, die Migrationsbewegung würde von einer global denkenden Elite gelenkt, um eine „Durchmischung der Völker“ herbeizuführen. Fedders weist darauf hin, dass hierbei nicht die flüchtenden Menschen als Opfer dargestellt werden, sondern die europäischen Völker, insbesondere das deutsche. Daran könne man zudem den Größenwahn erkennen, die mit diesem Denken einherginge.

In einem zweiten Zitat, das häufig auf einschlägigen Internetblogs auftaucht, wird der Feminismus als die Menschheit bedrohend und gleichzeitig als von jüdischen Mächten inszeniert dargestellt. Dadurch könnten sich die Antifeministen laut Fedders in ihrer eigenen Logik in eine Art Opferrolle zurückziehen und gleichzeitig ihre eigene „Schwäche“ dadurch rechtfertigen, dass Juden für den Feminismus verantwortlich seien und dieser keine genuin emanzipatorische Entwicklung darstelle.

Somit macht auch Fedders darauf aufmerksam, dass Verschwörungstheorien ernst genommen werden sollten, weil sie antidemokratische und antiemanzipatorische Positionen vertreten.

Carsten Koschmieder, Politikwissenschaftler der Freien Universität Berlin, sprach schließlich über den Umgang mit Antisemitismus innerhalb der AfD. Dass das deutsche Volk explizit als Opfer einer jüdischen Verschwörung dargestellt würde, käme seitens der Parteimitglieder eher selten vor und führe dann zu öffentlichen Distanzierungen. Zur Veranschaulichung dieser These zieht der Koschmieder dann zwei ausführliche Beispiele heran.

In einer Rede am 30.09.2015 in Erfurt geht der Vorsitzende der thüringischen AfD-Landtagsfraktion Björn Höcke unter anderem darauf ein, dass Deutschland abgeschafft würde, da es zu viele Migranten aufnehmen würde und somit das Ende der Selbstbestimmung der „Deutschen“ im eigenen Land verursacht würde. So hätte beispielsweise der Senegalese noch seinen Senegal, in den er zurückkehren könne, aber der Deutsche hätte kein anderes Land, in das er ausweichen könne. Laut Koschmieder zeigt sich an dieser Stelle bereits, dass Höcke eine zutiefst völkische Vorstellung von Nation hat, was unter anderem nach Stöss eine Voraussetzung für ein geschlossen rechtsextremes Weltbild ist. In der Rede geht Höcke dann darauf ein, dass Deutschland seit dem 8.Mai (1945) gar nicht mehr souverän sei, verknüpft dies allerdings gleichzeitig mit der Nachricht, dass sich ein Volk seine Souveränität auch zurückholen könne. Koschmieder weist darauf hin, dass eigentlich klar ist, was Höcke meint, er es jedoch selbst nicht konkret ausspricht, sondern Interpretationsspielraum lässt. Dies ermögliche Höcke sich auf eine Art Unschuldsposition zurückzuziehen.

Als zweites Beispiel für das Verhältnis von AfD und Antisemitismus legt Koschmieder den Fall von Wolfgang Gedeon dar. Dafür zitiert der Politikwissenschaftler zunächst einige Passagen aus Gedeons Buch, das er bereits vor seinem Eintritt in die AfD veröffentlicht hat. Dort ist unter vielem Anderen zum Beispiel von einem „US Globalismus“ die Rede, der ideologisch ein freimaurerischer und zionistischer sei und zudem als bedrohlich eingestuft werden müsse. Die zionistische Ideologie würde sich dabei vor allem über das Holocaustgedenken definieren.  Koschmieder analysiert, dass dieses antisemitische Werk Gedeon nicht daran gehindert hätte über die Liste der AfD in den Landtag Baden-Württembergs einzuziehen und Björn Höcke dessen Buch noch vor der Landtagswahl 2015 auf Facebook lobte und empfahl. Als der Fall schließlich in den Medien skandalisiert wurde und Gedeon bereits im Landtag saß, konnte sich die AfD-Fraktion nicht mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit dazu entschließen, Gedeon aus der Fraktion auszuschließen (auch weil sich Parteisprecherin Frauke Petry sich gegen einen Ausschluss Gedeons stellte).

In der daran anschließenden Diskussion ging es zunächst um die Frage, inwieweit es eine spezifisch deutsche Variante des Opfermythos in verschwörungsideologischen Kreisen gäbe. Von den Podiumsteilnehmern wurde dabei insbesondere auf die deutsche Geschichte und das Verhältnis (neu)rechter Bewegungen zu dieser Geschichte verwiesen. Außerdem diskutiert wurde die innere Logik von Verschwörungstheorien bzw. die Funktion dieser Logik für die einzelnen Personen, die diesen anhängen. Daraus ergab sich in der Folge auch die Frage, wie mit Anhängern von Verschwörungsideologie umgegangen werden soll. Die Experten waren sich einig darin, dass zunächst der Austausch gesucht werden sollte, indes nicht innerhalb der Verschwörungstheorie argumentiert werden sollte. Falls sich auch über persönliche Kontakte kein Zugang zu den Anhängern finden lasse, bliebe nichts anderes übrig, als solche Positionen klar zu isolieren und ihnen innerhalb der demokratischen Auseinandersetzung keinen Raum zu bieten.

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