Workshop „Vorsicht Verschwörung!“ an der Marcel-Breuer-Schule am 7.11.2016

An der Marcel Breuer-Schule in Berlin Weißensee fand am 7. November 2016 der erste Schulworkshop im Rahmen des Projekts „Vorsicht Verschwörung! Neurechte Bewegungen und ihre Weltanschauungen“ des JFDA statt. Ca. 25 Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Jahrgangsstufen, der seit dem Jahr 2014 als „Schule ohne Rassismus“ ausgezeichneten Bildungseinrichtung, hatten sich für die Veranstaltung zusammengefunden.

Das Team des JFDA bestand an diesem Tag aus Levi Salomon, dem Sprecher des Vereins, Ilker Duyan, dem Sprecher des Türkischen Bunds Berlin-Brandenburg, sowie Florian Eisheuer, dem Koordinator des Projekts „Vorsicht Verschwörung!“, unterstützt von den Projektmitarbeitern Max und Michael.

Zum Einstieg in den Workshop versuchte das Team bewusst, eine skeptische Irritation bei den Schüler_innen dadurch auszulösen, dass das Team das Jüdische Forum im Stile bekannter Verschwörungsideologien als elitären Zirkel politischer und wirtschaftlicher Strippenzieher vorstellte. So präsentierte Vereinssprecher Levi Salomon eine fiktive Familiengeschichte, nach der die Salomons als Inhaber einer amerikanischen Privatbank Einfluss auf die Tagespolitik der Vereinigten Staaten ausübten. Ilker Duyan gab vor, im Sinne des Vereins als Agent innerhalb der türkischen Gemeinde in Deutschland zu fungieren.

Die zugrundeliegende Idee, die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler auf diese Weise von der Ebene des Phänomens einer Verschwörungserzählung, mit der sie im Alltag konfrontiert werden, auf die strukturelle Funktionsweise von Verschwörungsideologien zu lenken, bildete den Zusammenhang des gesamten Workshops. Dass es durch diesen Einstieg gelang, das Interesse der Schüler_innen zu wecken, zeigte deren Reaktionen. Die Anspannung, die sich bei ihnen wegen des provokativen Auftritts des Teams während der Vorstellungsrunde gezeigt hatte, löste sich in Schmunzeln auf, als Projektleiter Florian darüber aufklärte, dass es sich bei dem angeblichen Einfluss des JFDA um eine Erfindung gehandelt hatte.

Die Teilnehmenden wurden anschließend direkt aktiv in den Workshop eingebunden. Zu diesem Zweck wurden die Schüler_innen gebeten, sich auf einer imaginären Skala der Verschwörungsgläubigkeit, von „Es gibt keine Verschwörungen“ bis „Alles ist eine Verschwörung“, anzuordnen. Im Ergebnis nahmen viele eine mittige Position ein, wobei sich auch einige als überdurchschnittlich verschwörungsgläubig einschätzten.

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Florian und Michael berichten über neurechte Netzwerke (Foto: JFDA)

Zur Einführung in das Thema neurechte Bewegungen wurden die Schüler_innen gefragt, welche Gruppen, Personen oder auch Webseiten ihnen aus dem besagten Spektrum bekannt sind. Unter den genannten waren beispielsweise die AfD, Pegida, die Identitäre Bewegung und Pro-Deutschland, aber auch klassisch rechtsextremistische Gruppen, was von Projektleiter Florian zum Anlass genommen wurde, die Unterschiede zwischen neurechten und rechtsextremen Bewegungen zu erläutern und dadurch den Begriff der neurechten Bewegungen genauer zu definieren. Mit einigen Ergänzungen wurden die gesammelten Namen als Netzwerk grafisch festgehalten, wobei vor allem die Zersplitterung der einzelnen Gruppierungen hervortrat. Diese Heterogenität wurde dann anhand von Videomaterial des JFDA noch einmal vorgeführt und die Funktion verschwörungsideologischer Vorstellungen als Bindeglied neurechter Gruppen untereinander dargestellt.

Im zweiten Block zeigten die Schüler_innen, welche Verschwörungstheorien ihnen bereits bekannt waren und ordneten diese anschließend in einem Koordinatensystem nach den Parametern „Plausibilität“ und „Bekanntheit“ an. Hierbei fiel auf, dass zumindest einige der Schüler_innen manchen bekannten Verschwörungstheorien im Zweifelsfall eher mehr als weniger Plausibilität zusprachen. Auf Nachfrage ließ sich dann erkennen, dass zumindest teilweise noch nicht deutlich unterschieden wurde, ob eine Theorie plausibel oder einfach nur im Bereich des Möglichen oder nicht eindeutig widerlegbar war. Darüber hinaus nannten die Schüler_innen eine unerwartete Vielfalt sowohl politischer Verschwörungstheorien als auch skurriler Internetmythen. Unter den ersteren auch solche von elitären Zirkeln politischer und wirtschaftlicher Entscheidungsträgern, die strukturell dem antisemitischen Mythos der „Weisen von Zion“ ähneln.

Anhand des gesammelten Materials erläuterte Projektleiter Florian Eisheuer die grundlegenden Funktionsweisen von Verschwörungsideologien für diejenigen, die sie teilen. Im Fokus standen dabei die identitätsstiftenden, entlastenden und rechtfertigenden Aspekte [genauer nach Folie]. Auch dieser Block wurde mit Video- und Bildmaterial aus der Mediathek des JFDA veranschaulicht. Unter anderem wurden die im verschwörungsideologischen Spektrum beliebten Pyramidendarstellungen der Gesellschaft – ein konspirativer Zirkel an der Spitze, die unterdrückte Masse ganz unten – und Aufrufe zum „Widerstand“ gegen die Verschwörer vorgeführt und erläutert.

An dieser Stelle konnte dann der Zusammenhang von Verschwörungsideologie und Antisemitismus aufgegriffen werden. Der verschwörungsideologische Charakter des Antisemitismus wurde den Schüler_innen zuerst anhand des satirischen Chansons „An allem sind die Juden schuld!“ von Friedrich Holländer präsentiert. Die im Text des Liedes ins Absurde übertriebene Vorstellung, ein imaginiertes Weltjudentum stünde hinter sämtlichen gesellschaftlichen Übeln, wie sie sich in den sogenannten „Protokollen der Weisen von Zion“ manifestieren und die der Ideologie des Nationalsozialismus zugrunde lag, wurde dabei als die fundamentale Differenz von mittelalterlichem Judenhass und modernem Antisemitismus herausgestellt. Es wurde anhand von im Internet gesammeltem Material verdeutlicht, dass sich manifest antisemitische von „normalen“ Verschwörungserzählungen oft nur dadurch unterscheiden, dass jüdischen Personen explizit die Rolle der Verschworenen zugewiesen werden, oder aber die Verschworenen als vermeintliche Krypto-Juden „entlarvt“ werden.

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Videomaterial des JFDA wird gezeigt (Foto: JFDA)

Der dritte Teil des Workshops wurde in Gruppen von den Schüler_innen selbst erarbeitet. Anhand einiger vorbereiteter Stichworte sollten sie ihre eigene humoristische Verschwörungstheorie entwickeln, möglichst ohne dabei an bereits bekannte Erzählungen anzuschließen. Dabei gelang es jeder der fünf Gruppen eine Verschwörungserzählung zu erfinden, die die zuvor erläuterten Strukturmerkmale aufwies, sodass ein unterstützendes Eingreifen seitens des Teams nicht notwendig war. Anschließend wählten die Schüler_innen die „beste“ Theorie aus, woraufhin der entsprechenden Gruppe die Aufgabe zufiel als „Eingeweihte“ die übrigen Schüler, die die Gruppe der „Skeptiker“ bildeten, von ihrer Theorie zu überzeugen.

Das Ziel dieses Vorgehens bestand darin die Schülerinnen und Schüler für die typische Argumentationsweise von Verschwörungsideologen zu sensibilisieren. Wie erhofft zeigten die Schüler_innen besonderen Ehrgeiz darin die Erzählung – Betriebsfahrten der BVG werden von Geheimdiensten als geheime Drogentransporte genutzt – zu widerlegen, bzw. verteidigen. Anschließend schilderten die Schüler_innen wie sie den Verlauf der Diskussion wahrgenommen haben.

So meinte eine Schülerin aus der Gruppe der Skeptiker, sie hätte das Gefühl gehabt die vermeintliche Verschwörung irgendwann vollständig widerlegen zu können, wenn man über die „Fakten“ vollständig informiert wäre. Ein anderer Schüler hingegen empfand die Widerlegungsversuche nach einer gewissen Zeit als ermüdend. Die Gruppe der „Eingeweihten“ hätte für jeden Beleg, der gegen die Theorie erhoben wurde ein „Ausrede“ gefunden.

Beide Eindrücke verweise auf unterschiedliche Weise auf die Problematik Verschwörungsideologien als rationalen Erklärungsversuchen realer Ereignisse zu begegnen, das heißt als, wenn auch falsche, Ergebnisse einer intellektuellen Anstrengung sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Dagegen betonte Levi Salomon noch einmal, dass die spezifische Unansprechbarkeit der Verschwörungsideologen daraus zu erklären ist, dass ihre Behauptungen einem emotionalen Bedürfnis entspringen, dass es sich deshalb eher um einen Glauben als um eine Theorie handelt. Ilker Duyan kam in diesem Zusammenhang noch auf das Problem des „Mitlaufens“ zu sprechen. Da die Bedürfnisse, an die Verschwörungsideologien anschließen, bei den meisten Menschen – mehr oder weniger stark ausgeprägt – vorhanden seien, sei es leicht durch Vermischung allgemein anerkannter Tatsachen mit falschen Behauptungen, die in die Verschwörungserzählung hineinpassen, auch diejenigen Personen für ihre Ideologie zu gewinnen, die sich vielleicht zunächst nur dafür interessieren alle Meinungen im jeweiligen Diskurs zu hören.

Kreativität ist gefragt (Foto: JFDA)

Kreativität ist gefragt (Foto: JFDA)

Zum Abschluss fasste Projektleiter Florian die Ergebnisse des Workshops zusammen, um dann schließlich darauf zu sprechen zu kommen, wie man Vertreter_innen von Verschwörungsideologien im Umgang begegnen könne. Entsprechend der Funktionen von Verschwörungsideologien, sollte man die Beweggründe derer zu verstehen versuchen, die sie vertreten. Das heißt, ihnen eher mit Empathie als mit Versuchen, durch Tatsachen zu widerlegen, begegnen. Offensichtlich falschen Behauptungen sollte dabei selbstverständlich widersprochen werden, ohne sich jedoch in Diskussion über Details verwickeln zu lassen, die von der Erzählung als ganzer wegführen, da nur die Erzählung die jeweilige Intention erkennen lässt. Wichtig für das eigene emotionale Gleichgewicht ist dabei eine gewisse Distanz gegenüber denjenigen einzuhalten die sich schlichtweg nicht von ihrer Theorie abbringen lassen wollen. In Fällen, in denen Verschwörungsideologien manifeste antisemitische oder anders menschenfeindliche Gestalt annehmen, muss jedoch klargemacht werden, dass sich deren Vertreter_innen außerhalb des demokratischen Diskurses bewegen und somit kein Recht haben sollten Gehör zu finden.

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