KenFM-Veranstaltung vor dem Kanzleramt – Ein verschwörungsideologischer Selbstbedienungsladen

Polit-Aktivist Ken Jebsen greift auf einer Demonstration vor dem Kanzleramt die Institutionen der Bundesrepublik an. Dabei sind ihm auch Relativierungen des Nationalsozialismus und islamistischer Terroranschläge recht.

Unter dem Titel „Es reicht!“ mobilisierte der Aktivist und Redakteur des „alternativen“ Medienportals „KenFM“, Ken Jebsen, am 1. Oktober mehrere hundert Menschen zu einer Kundgebung vor das Bundeskanzleramt in Berlin. Die Demonstration richtete sich dem Aufruf zufolge gegen die „menschenverachtende Kriegstreiber-Politik der Bundesregierung“.
Wie diese Ankündigung bereits vermuten lässt, blieben die Ziele von Jebsens ausufernder Polemik – er selbst ergriff drei Mal das Wort – nur vage umrissen. Seine Reden setzten sich in weiten Teilen aus Andeutungen und Anspielungen zusammen.
Zum einen galten seine Angriffe den von ihm so bezeichneten „embedded“-Medien. Diese hätten beispielsweise in der Erfüllung ihrer Aufgabe versagt, als sie nicht der Frage nachgingen, was am 11. September 2001 mit Turm 7 des World Trade Centers geschehen sei. In Kreisen der 9/11-„Truther“ wird die Auffassung vertreten, der Einsturz dieses Gebäude sei längst als geplante Sprengung entlarvt worden. In einer den Nationalsozialismus relativierenden Redeweise verkündete Jebsen: „Es gab in Deutschland die Machtergreifung 33. Und es gab wieder eine Machtergreifung, das ist der 11. September! Das ist auch eine Machtergreifung, das ist eine mediale Machtergreifung.“
Zum anderen wandte er sich gegen Repräsentanten der Bundesrepublik, wobei er sich auch gegen das System der „repräsentativen Parteiendemokratie“ im Allgemeinen aussprach. So bezeichnete er Bundespräsident Joachim Gauck als „Gaukler“, „Vasall“ und „Scharfmacher“.
Darüber hinaus attackierte Jebsen das „Geldsystem“. Gemeint ist damit das System politisch formal unabhängiger Notenbanken wie der Europäischen Zentralbank oder der Federal Reserve der Vereinigten Staaten. Unter dem Schlagwort „Geldsystem“ wird dabei vor Allem versucht ein ideologisches Milieu von Antikapitalisten, Nationalisten und Antisemiten anzusprechen, oftmals mit dem Hinweis, die Notenbanken würden von prominenten Juden wie etwa der Familie Rothschild kontrolliert. Jebsen selbst ist sich dessen offenbar bewusst und verwahrt sich daher im gleichen Atemzug gegen Antisemitismusvorwürfe, die in diesem Zusammenhang unrechtmäßig erhoben würden.
Dass sich Jebsens Aktivismus jedoch in erster Linie aus antiwestlichem Ressentiment speist und nicht das Ergebnis eingehender Kritik ist, wurde im Laufe seines Vortrags deutlich. So erklärt er etwa, dass seine taktischen Vorstellungen am Vorbild al-Qaidas orientiert seien. Damit jedoch nicht genug, denn in diesem Zusammenhang formulierte Jebsen ausnahmsweise unmissverständlich: „Seid einzelne Zellen! Das lerne ich von al-Qaida. […] Das, was wir heute als Terrorismus bezeichnen, das war im 2. Weltkrieg noch Widerstand“. Wem Jebsen in dieser Konstellation der „Widerstandsgruppe“ al-Qaida gegenüber die Rolle der Nazis zudenkt, bleibt ein weiteres Mal der Phantasie des Zuhörers überlassen.
Jebsen benutzte außerdem die Metapher des Puppenspielers. Diese schließt an die verschwörungsideologische Vorstellung an, die politischen und religiösen Konflikte der ganzen Welt würden zum Zwecke der Herrschaft bewusst gesteuert.
Dass das Mittel der Anspielung bei Jebsen systematisch eingesetzt wird, lässt sich an der Dynamik der Veranstaltung als ganzer erkennen. Während Jebsen selbst Topoi wie die Anschläge vom 11. September lediglich streift, können weniger bekannte Redner ohne Zurückhaltung Theorien darüber verbreiten, dass islamistische Terroranschläge lediglich mediale Inszenierungen seien. Jebsen selbst verbleibt dabei in der Pose des kritischen Fragers, der sich auf keine Position festlegen lässt, während er gleichzeitig das verschwörungsideologische Potential für seine Veranstaltungen mobilisiert.

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