Mahnwache für Menschenrechte – gegen religiösen Fanatismus

FÜR MENSCHENRECHTE – GEGEN RELIGIÖSEN FANATISMUS

Die sechste Mahnwache vor dem Brandenburger Tormahnwache-banner

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Es sind vier Frauen, die unterschiedlichen Glaubensrichtungen angehören: Lala Süsskind als Jüdin, Ulrike Trautwein als Christin, Seyran Ates als Muslimin und Düzen Tekkal als Jesidin. Alle vier standen am 6. September vor dem Brandenburger Tor in Berlin und „zeigten Gesicht“ gegen religiösen Fanatismus und für die Menschenrechte.

Zu den Vieren gesellten sich weitere Frauen und Männer. Sie hielten Schilder in den Händen. Darauf stand zum Beispiel: „Ich bin Alevitin …“, aber auch „Ich bin Atheistin …“ oder „Ich bin homosexuell …“. Und hinter jedem Selbstbekenntnis konnte man dieselben zwei Sätze lesen: „Ich will leben und nicht Leben nehmen.“ Und dann: „Kein Morden im Namen Gottes!“

Es waren Menschen gekommen, die die Einladung zur Teilnahme an der etwas kurzfristig bekannt gewordenen Mahnwache angenommen hatten. Andere Besucher waren an diesem Dienstagabend eher zufällig auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor unterwegs. Manche fragten sich, wofür man denn hier demonstrieren würde. Andere erwarteten so was wie eine Kundgebung mit Reden für ein bestimmtes Anliegen.

Es war aber eine stille Mahnwache ohne Reden. Dafür hatten sich die beteiligten Frauen und als Veranstalter das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. schon vor einigen Jahren vor der ersten Mahnwache entschieden.

So stand man in kleinen Gruppen zusammen und unterhielt sich darüber, was jedem Menschen zustehen sollte, um würdig und für sich selbst entscheidend leben zu können. Andere brachten Menschen ins Gespräch, die sich heute in Deutschland und anderswo religiös oder politisch radikalisieren lassen. Und man nahm die immer größer werdende Zahl von Menschen in den Blick, die religiösem Fanatismus auch gegenwärtig zum Opfer fallen.

„Kein Morden im Namen Gottes!“ Dem konnten alle Teilnehmer wohl zustimmen. Und man möchte hinzufügen: „Keine Unterdrückung von Minderheiten im Namen Gottes!“ Natürlich sollte jedes Morden und jede Art von Unterdrückung gebrandmarkt werden. Aber in aller Deutlichkeit wurde hier jedem Menschen und jeder Gemeinschaft widersprochen, die in welcher Sprache und in welcher Religion auch immer sich auf den Namen Gottes berufen, um Menschen zu entwerten oder gar zu töten.

Es wurden auch Handzettel verteilt, die über die Mahnwache und ihr Anliegen informieren sollten. Darin fand sich der Satz, dem man einfach nicht widersprechen kann: „Gott will das nicht!“ Dazu muss man nicht mal gottgläubig sein.

Wer nun denkt, das war aber eine traurige Veranstaltung, der liegt falsch. Nicht nur, dass man sich über die Grenzen so vieler Richtungen von Religionen und Weltanschauungen in den Grundzielen einig war. Es war auch eine Abendstunde, die Mut machen konnte und deshalb auch fröhlich war.

Der Spätsommerabend erinnerte manchen an ein jüdisches Wort, das etwa so lautet: „Erzähl mir was Trauriges, damit ich wieder lachen kann.“ Und so erklang mitten in der stillen Mahnwache auf einmal das jiddische Lied von dem Kälbchen, das sich nicht dagegen wehren kann, zur Schlachtbank geführt zu werden. Die Schwalbe hingegen bestimmt ihr Schicksal selbst. Sie symbolisiert Eigenständigkeit und Selbstverantwortung.

„Wer’s hot Fligl, flit arojf tsu, is bei kejnem nischt kejn Knecht. (Wer Flügel hat, fliegt aufwärts, macht sich bei keinem zum Knecht!)“

Und auf das Hoffnungsbild antwortet der Lieddichter: „Lacht der Wind in Korn, lacht un lacht un lacht – lacht er op a Tog a gantsn un a halbe Nacht. Donna, donna, donna, donna …“

Das heute weltweit bekannte Lied ist 1940 in der Zeit des Dritten Reiches entstanden und will dem massenhaften Morden zum Trotz seine Hoffnung auf Freiheit und Selbstbestimmung nicht aufgeben.

(Text: Aaron Zeitlin, jüd. Schriftsteller, geb. 1889 in Weißrussland, 1939 nach New York emigriert, 1973 gest.; Melodie: Sholom Secunda, jüd. Komponist, geb. 1894 in der Ukraine, 1907 nach New York emigriert, 1974 gest.)

Der Abend ging so still zu Ende, wie er begonnen hatte. Aber die Melodie und die Schönheit des hoffnungsvollen Liedes aus finsterster Zeit begleitete viele Teilnehmer der stillen Mahnwache auf ihrem Weg nachhause.

Peter-M. Utasch

 

 

 

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