Djihadterrorismus als globale Bedrohung der Sicherheit – Am Beispiel al-Qaida vs. Islamischer Staat

von Berndt Georg Thamm

 

Vortrag auf der 3. Regionalkonferenz „DialogForum Sicherheitspolitik (DFS)“ zum Thema „Islamismus-Radikalismus-Terrorismus“ des Verbandes der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V. Landesgruppe Bayern, Nürnberg 31. Juli 2016

 

Prolog

Russland, 5. Juli:
Auf dem Flugfeld des Militärflughafens Tuschino, einem Stadtteil im Nordwesten Moskaus, hatten sich zum diesjährigen Rock-Festival „Krylja“ (Flügel) um die 40.000 Zuschauer eingefunden. Auf dem Open-Air-Konzert traten ausschließlich russische Gruppen auf. Am Nachmittag versuchten zwei junge Frauen auf das Gelände zu kommen. Da sie sich an den Eingängen nicht kontrollieren lassen wollten, wurden sie von den Sicherheitskräften nicht eingelassen. In der Folge sprengten sich die Frauen vor dem Konzertgelände in der Nähe der Kassen mit Sprengsätzen in die Luft. Einer davon war mit Metallsplittern, Schrauben und Nägeln präpariert. Die beiden 20-jährigen Frauen, tschetschenische Selbstmordattentäterinnen, rissen sich und 13 Konzertbesucher in den Tod und verletzten 48. Die meisten der Opfer waren zwischen 16 und 25 Jahre alt. Die Polizei und der FSB vermuteten als Drahtzieher den tschetschenischen Warlord Schamil Bassajew (1965 – 2006), dem ein ganzes Bataillon „schwarzer Witwen“ zur Verfügung gestanden haben soll.

Deutschland, dreizehn Jahre später:
Am 24, Juli 2016 war der letzte Tag des „Ansbach-Open“-Musikfestivals, zu dem über 2500 Besucher in die fränkische Stadt gekommen waren. Am Abend suchte ein junger Mann (27), auf das Gelände zu kommen. Da er keine Einlasskarte hatte, wurde er von der Security abgewiesen. In der Folge sprengte der Mann, ein abgelehnter Asylbewerber aus Syrien, eine in seinem Rucksack verbrachte Nagelbombe. Mit dem selbstgebauten Sprengsatz, in dem sich auch Metallteile befanden, tötete sich der mutmaßliche Djihadist selbst und verletzte 15 Menschen. Als Impulsgeber gilt der Islamische Staat (IS). Der Attentäter hatte einen „Treueeid“ auf dessen Führer Abu Bakr al-Baghdadi „erneuert“, ein Indiz für eine länger andauernde IS-Mitgliedschaft des Flüchtlings. Möglicherweise war der Mann vom IS als „Schläfer“ nach Deutschland geschickt worden.
Diese Tat in Ansbach (Bayern) stellt eine Zäsur dar, handelt es sich doch um den ersten „vollendeten“ Selbstmordanschlag mit islamistisch-djihadistischer Motivation in Deutschland.

Al-Qaida und ihre Transformationen

Diese Zäsur wurde rund sechs Wochen vor dem 15. Jahrestag des 9/11, der Terroranschläge der al-Qaida in den USA am 11. September 2001 geschlagen.
Eben der al-Qaida, die vor fast drei Jahrzehnten zum Ende des ersten großen Djihad der Moderne – dem Afghanistankrieg (1979 -1989) – 1988 von dem saudischen Wahhabiten Osama Bin Laden (1957 2011) gegründet wurde. Eben der al-Qaida, die im Laufe dreier Dekaden durch Transformationen viele Gesichter bekam, bis hin zu dem aus der al-Qaida im Irak (AQI) erwachsenen IS. Dieser neue IS konkurriert mit der „alten“ al-Qaida seit wenigen Jahren um die Leadership im globalen Djihad. Was unterscheidet nun die Terrorkonkurrenten?

  • Laut Qaida-Begründer Osama Bin Laden (OBL) soll eine sunnitisch-schiitische Einheitsfront gegen den Internationalen Unglauben (al-Kufre al-Alami) mit dem Ziel kämpfen, nach gewonnener Endschlacht (Armageddon) ein globales Kalifat zu errichten.
  • Laut IS-Vordenker Abu Mussab al-Zarqawi (1966 – 2006) kämpft eine rein sunnitische Einheitsfront gegen den Internationalen Unglauben & Glaubensabtrünnige (insbesondere Schiiten) und Glaubensverfälscher (z. B. Yesiden) vom nahöstlichen Territorium eines am 29. Juni 2004 proklamierten „neuen Kalifats für den neuen sunnitischen Menschen“ aus mit dem Ziel, dieses um territoriale Zugewinne in der Levante und weiteren Gebieten des Islam (dar al-Islam) zu vergrößern und auszubauen.

Was verbindet die Terrorkonkurrenten? Letztlich ihre Zielvorstellungen. Denn sowohl im zu gründenden Kalifat der al-Qaida als auch in der Territorialausweitung des gegründeten neuen Kalifats/IS ist die Existenz Israels nicht vorgesehen, wohl aber die der Heiligen Stadt Jerusalem (al-Quds) – diese natürlich „judenfrei“.

Globale Mordaufrufe der Terror-Konkurrenten

Beide Terror-Konkurrenten haben schon früh den Kampf gegen ihre Feinde (des Islam) globalisiert. Al-Qaida gründete dafür schon 1998 seine „Internationale Islamische Front für den Heiligen Krieg gegen Juden und Kreuzfahrer“. Im Manifest dieser Front hieß es u.a.: „… Folglich und entsprechend dem Befehl Gottes teilen wir allen Muslimen das folgende Urteil mit: Die Amerikaner zu töten, ob Zivilisten oder Soldaten, ist eine Pflicht für jeden Muslim, der es tun kann, in jedem Land, wo er sich befindet, bis die al-Aqsa-Moschee (in Jerusalem, A.d.V.) und die große Moschee in Mekka von ihnen befreit sind (…) Wir rufen die muslimische Ulema (Gelehrte, A.d.V.), ihre Anführer, ihre jungen Leute und ihre Soldaten auf, die amerikanischen Soldaten des Satans und ihre Verbündeten, Ausgeburten des Satans, anzugreifen und zu verjagen …“ Keine sechs Monate nach diesem Mordaufruf wurden am 7. August fast zeitgleich auf die US-Botschaften in Daressalam (Tansania) und Nairobi (Kenia) Bombenanschläge verübt. Durch den terroristischen Doppelanschlag in den rund 1000 Kilometer voneinander entfernten Hauptstädten wurden 257 Menschen getötet und mehr als 5000 verletzt.
Mit diesem Manifest wurde festgeschrieben, dass der Djihad territorial ungebunden, asymmetrisch und auch gegen „ungläubige“ Zivilisten zu führen ist. Die Transformationen der al-Qaida änderten an dieser Festschreibung nichts. Über 15 Jahre nach der Gründung der „Internationalen Islamischen Front“ war es nun der djihadterroristische IS, der den globalen Mordaufruf gegen „ungläubige“ Soldaten und Zivilisten quasi erneuerte und ins Netz stellte. Als Reaktion auf eine Unterstützerkonferenz in Paris am 15. September 2014, auf der sich 30 Staaten als internationale Koalition auf ein gemeinsames Vorgehen im Kampf gegen die IS-Terrormiliz einigten, rief der IS-Sprecher wenig später Anhänger und Unterstützer zur Tötung von Bürgern aller Staaten auf, die sich dieser Koalition angeschlossen hatten.
Eben darauf nahm fast zwei Jahre später die dem IS nahestehende Agentur „Amaq“ in ihren Breaking News zum Ansbach-Anschlag mit Deutschlandbezug Stellung, in denen es einen Tag später am 25. Juli hieß: “Insider source confirms to Amaq Agency that the individual who carried out the martyrdom operation in Ansbach, Germany was a soldier of the Islamic State who executed the operation in response to calls to target nations in the coalition fighting the Islamic State.”

Djihadterroristische Vorgehensweisen und ihre „Mentoren“

Die heute praktizierten terroristischen Vorgehensweisen wurden in der Nachkriegszeit des ersten Großen Djihad in Afghanistan von zwei arabischen Djihadisten geprägt.

  • Abu Mussab al-Suri und der globalisierte „Islamische Widerstand“
    Zum einen von dem 1958 geborenen Syrer mit dem Kampfnamen Abu Mussab al-Suri, der bis zum 11. September 2001 mehr ein Mann OBLs war. Da aus seiner Sicht mit dem 9/11-Anschlag Afghanistan „verloren ging“, distanzierte er sich von der Qaida-Führung und suchte nach neuen, übergreifenden Strategien des Djihad. Diese beschrieb er in einem rund 1600 Seiten starken Buch, einem Call to „Global Islamic Resistance“ (GIR) vor nunmehr zwölf Jahren 2004. Mit seinem voluminösen „Appell zum weltweiten islamischen Widerstand“ stellte er insbesondere auf einfache, niederschwellige Strategien im Djihad ab. Al-Suri wurde damit zum heute vielleicht wichtigsten Inspirator für „einsame Wölfe“ (lonely wolves), eben Einzeltäter. Seine Kampfschrift wendet sich an Sympathisanten in allen Ländern, in denen Muslime als Minderheit leben und von Nichtmuslimen „unterdrückt“ werden. l-Suris „Appell“ gab und gibt ungezählten Einzeltätern und Kleinstgruppen, daheimgebliebenen ISIS/IS-Sympathisanten und Syrien-Heimkehrern „djihadistische Orientierung“. Wohl auch den Attentätern von Paris 2015, so Frankreichs renommierter Islamwissenschaftler Gilles Keppel, die dem Aufruf des Vordenkers al-Suri folgten, „der zu einem ‘globalen Djihad’ aufgerufen hat und der eine Spaltung der Gesellschaft, einen regelrechten Bürgerkrieg zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen herbeiführen möchte.
    Elf Jahre später wurde von einem anonymen Autor des Djihad ein Handbuch für Glaubenskämpfer (A Mujahid Guide) 2015 ins Netz gestellt. Der Titel „How to survive in the west“ ist Programm, wendet es sich doch an Muslime, die in Ländern leben, in denen Nichtmuslime die Mehrheit stellen. Durch das Studium dieses nur 70 Seiten starken „Überlebens“-Werkes soll gelernt werden, wie man zur „Schläferzelle“ wird, die zur richtigen Zeit aktiviert wird, wenn die Muslimgemeinschaft dies braucht. Das Konzept der militanten Islamisten, durch djihadterroristische Aktionen „gewaltsame Gegenreaktionen der Mehrheitsgesellschaft zu provozieren“, zeigte im vergangenen Jahr nach den Pariser Anschlägen „Erfolge“.
  • Christliche Kirchen – „legitime Ziele“ für Dilhadisten
    Vor diesem Hintergrund sind Attacken auf Synagogen, Brandanschläge auf Moscheen und nicht zuletzt der Terror-Anschlag in einer katholischen Kirche in Saint-Etienne-du-Rouvray bei Rouen in Nordfrankreich vor fünf Tagen auch zu sehen. Hier hatten am 26. Juli zwei 19-jährige Gewalttäter dem 85-jährigen Priester während der Frühmesse die Kehle durchgeschnitten und in die Brust gestochen, dann weitere Gläubige als Geiseln genommen. Die Terrortat reklamierte der IS für sich, stellte durch sein Medium Amaq die Attentäter als „Soldaten des IS“ dar. In der Tradition, Gewaltanwendung religiös zu begründen, steht die al-Qaida, deren Bewegung den „Heiligen Krieg (Djihad) als Gipfel des Glaubens“ spirituell beeinflusst und die Gewalt gegen ihre Feinde (des Islam) zum „ultimativen Gottesdienst“ verklärt. Diese Tradition hat auch der aus der Qaida hervorgegangene IS übernommen. Schon dessen Vorläufer ISI (Islamischer Staat im Irak ab 2006) sah vor einem halben Jahrzehnt „Götzendiener als legitime Ziele“ terroristischer Anschläge.

    • So wurde am 30. Oktober 2010 in Bagdad in der katholischen Sayidad-al-Nebjab-Kathedrale ein schweres Massaker verübt. Ein ISI-Kommando hatte die Kirche in ihre Gewalt genommen und drohte mit der Tötung von 120 irakischen Christen, wenn nicht inhaftierte ISI-Kämpfer im Irak und in Ägypten freigelassen würden. Bei der folgenden Erstürmung der Kirche durch die Polizei wurden mindestens 58 Menschen, darunter 46 Gläubige und zwei Priester getötet. In einer folgenden „Botschaft“ im Internet stellte der ISI koptischen Bischöfen ein Ultimatum. Innerhalb von zwei Tagen sollten diese zwei angeblich zum Islam konvertierte Frauen freilassen. Ein Sprecher des koptischen Oberhaupts Shenouda III. wies diesen Schuldanwurf zurück.
    • Acht Wochen später waren in Ägypten in der Nacht zum 1. Januar 2011 in der koptischen Allerheiligen-Kirche St. Markus-Petri im Stadtteil Sidi Bechr von Alexandria rund 1000 Besucher zum Gottesdienst zusammengekommen. Nach dem priesterlichen Schlusssegen strömten die Gläubigen auf die Straße, wo ein Selbstmordattentäter auf sie wartete. Mit der Zündung seiner Autobombe riss er 23 Menschen in den Tod und verletzte fast 100. Noch nie zuvor hatte es in Ägypten einen derartigen Terroranschlag auf eine christliche Kirche gegeben.

    Nach dem Anschlag in Bagdad hatte der ISI eine Drohung ins Netz gestellt, in der es hieß, alle christlichen Kirchen und Einrichtungen, alle Kirchenführer und ihre Anhänger seien „legitime Ziele für heilige Krieger“.
    Acht Wochen zuvor hatte US-Präsident Barack Obama am 31. August 2010 die am 20. März 2003 begonnene Operation „Iraqi Freedom“ (OIF) für beendet erklärt. In diesem dritten Golfkrieg hatte die djihadterroristische Bewegung Zulauf bekommen. In mehr als 60 Staaten waren nunmehr Qaida-Djihadisten aktiv. Das ferne Qaida-Zentrum am Hindukusch hatte ob dieser Entwicklungen nur noch indirekt Einfluss auf – nach dem Franchising-Prinzip – globalisierte, lokale, aber auch autonome Führerschaften.

  • Abu Mussab al-Zaraawi – Kalifats-Visionär mit Masterplan
    Was OBL für die al-Qaida, war der palästinensische Jordanier mit dem Kampfnamen Abu Mussab al-Zarqawi für die aus der Qaida hervorgegangenen IS-Bewegung (AQI, ISI, ISIS, ISIL, IS). Wie al-Suri war auch er einst Gefolgsmann OBLs. Als er 1989 nach Afghanistan kam, war der große Djihad schon beendet. Wie OBL wurde auch al-Zarqawi von dem palästinensischen „Djihad-Imam“ Abdallah Yusuf Azzam (1941 – 1989) beeinflusst, insbesondere von dessen Vorstellungen von einer „Bewegung des islamischen Welt-Djihad“. Al-Zarqawi verinnerlichte die Lehre: Ablehnung der Moderne, Rückkehr zu den Wurzeln des (Frühzeit-)Islam, Ausrufung des Kalifats. Er wurde zu einem regelrechten „Kalifats-Visionär“, entwickelte in der Folge eine Art Masterplan zur Vision: Im Laufe zweier Dekaden (2001 bis 2020) sollte ein letztlich globaler Djihad (in sieben Zeitstufen) zur Errichtung eines Welt-Kalifats führen.
    Als nach den 9/11-Anschlägen der Qaida-Terroristen in den USA eine internationale (Operation Enduring Freedom) Koalition in Afghanistan gegen den Qaida-Gastgeber Taliban zog, kämpfte al-Zarqawi als Qaida-Mann auf Seiten der Taliban gegen die OEF-Truppen. Nachdem diese Anfang Dezember 2001 das Emirat Afghanistan, für die Taliban und ihren Führer Mohammed Omar (1950 – 2013) ein „Modell für die gesamte islamische Welt“, besiegt hatten, floh Abu Mussab al-Zarqawi in den Iran und von dort im April 2002 in den Irak. Seine Vision von einem „sunnitischen Kalifat vom Golf bis nach Syrien und letztlich Jerusalem“ war sozusagen der Gegenentwurf zu einem „schiitischen Superstaat, der sich vom Iran über den Irak und Syrien bis zum Libanon“ erstrecken könnte und dessen Errichtung es zu verhindern galt – mit allen Mitteln. Mit allen Mitteln werden bis zum heutigen Tage vom IS die Schriften als „Abtrünnige vom wahren Glauben“ bekämpft. Nicht zuletzt belegen dies schwere Anschläge, so

    • im Irak am 3. Juli 2016 in Bagdads schiitischen Stadtviertel Karrada, wo ein IS-Selbtmordattentäter sich mit einem mit Dynamit beladenen Kühlwagen in die Luft sprengte und über 300 Menschen damit den Tod brachte;
    • und drei Wochen später in Afghanistan, wo am 23. Juli in Kabul sich Tausende afghanischer Schiiten der Hasara-Ethnie zu einem Protestmarsch versammelt hatten. Kaum setzten sich die Demonstranten in Bewegung, zündete mindestens ein IS-Selbstmordattentäter eine Bombe. Mindestens 80 Menschen wurden getötet und über 200 weitere verletzt.
  • Die selbsternannte Schutzmacht der Sunniten – IS vs. Saudi-Arabien
    In der nahöstlichen Bürgerkriegsregion hat sich der IS zur „Schutzmacht“ der Sunniten selbst ernannt, sprach und spricht dem Königreich Saudi-Arabien selbige Schutzaufgabe ab. Mittlerweile hat der IS im Königreich, einst der „nahe Feind“ OBLs, zahlreiche Sympathisanten. Nach Angaben des saudischen Innenministeriums Anfang Juli sind momentan

    • mehr als 5000 Terrorverdächtige in Haft,
    • darunter 800 IS-Djihadisten.
    • Dem IS/Kalifat sollen sich 3000 Saudis angeschlossen haben,
    • von denen einige Hundert zurückgekehrt sind.
    • Schätzungen über die Anzahl der IS-Sympathisanten im Königreich gehen im Einzelfall bis in sechsstellige Bereiche.

    Anschläge nahe der Großen Moschee in Medina, in der Hafenstadt Jeddah nahe dem US-Konsulat sowie der östlichen Stadt Qatif unweit der schiitischen Al-Omran Moschee in der jüngsten Zeit machen die Bedrohung des IS auf der Arabischen Halbinsel mehr als deutlich. Auf drastisch-blutige Weise hat der IS, aber auch schon seine Vorgänger ab 2003/2004, den innerislamischen Konflikt – Sunniten vs. Schiiten – reanimiert. Vor diesem Hintergrund hat der Bürgerkrieg im Irak und Syrien auch religiöse Bezüge. Mit ausgelöst wurde der Krieg vor einem halben Jahrzehnt durch den „arabischen Frühling“ 2010/2011.

  • Der individuelle Diihad – Strategiewechsel der Terroristen
    Im zeitlichen Umfeld dieser „Arabellion“ liegen die Wurzeln der Strategiewechsel der Djihadterroristen – weg von großen und zeit-aufwändigen (von der Planung bis zur Tatbegehung) Terroranschlägen hin zur Strategie des mehr „individuellen Djihad“. Es wurde auf „do-it-yourself-Anschläge“ quasi für Jedermann abgestellt, weg von Anschlägen mit hohem Organisationsgrad hin zu „einfachen“ Mordtaten. Mitte September 2014 spezifizierte selbige der IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani in einer Internet-Botschaft:
    „Tötet sie, wie ihr wollt. Zertrümmert ihnen den Kopf, schlachtet sie mit dem Messer, überfahrt sie mit dem Auto, werft sie von einem hohen Gebäude, erwürgt oder vergiftet sie“.
    Die Botschaft vernahmen auch junge Palästinenser, die im darauffolgenden Monat anfingen, das „Auto als Waffe“ einzusetzen. Ab Oktober/November 2014 fuhren junge Attentäter in Jerusalem ihre Autos in Straßenbahnhaltestellen und töteten/verletzten Wartende und Fahrgäste. Die Botschaft wurde auch in Europa vernommen.

    • So fuhr in Frankreich am 14. Juli 2016 (Nationalfeiertag) ein 31-jähriger Tunesier in Nizza einen gemieteten 19-Tonnen-Lastwagen auf die für den Verkehr gesperrte Promenade des Anglais und tötete auf seiner zwei Kilometer langen Todesfahrt mindestens 84 Menschen, verletzte über 300, 26 davon schwer. Der IS reklamierte die Terrortat für sich, bezeichnete den Attentäter als „Soldaten des Kalifats“.

    Auch das vom IS als Mordwaffe „empfohlene“ Messer führte, wiederum zunächst in Israel, vermehrt zu derartigen Attacken. So stach am 21. Januar 2015 ein Palästinenser aus dem Westjordanland in Tel Aviv auf den Fahrer eines Busses und dessen Passagiere ein, verletzte insgesamt 13 Menschen, vier davon schwer.
    Derartige Attacken führten zum Begriff „Messer-Intifada“. Vor diesem Hintergrund rief der IS im Oktober 2015 zum globalen Mord an Juden auf. Seine „Anleitungen zu Messerattacken“ richtete der IS jedoch nicht nur an die Palästinenser in Nahost, sondern auch an die „einsamen Wölfe“ in den muslimischen Gemeinden weltweit, auch in Europa, auch in Deutschland.

    • Hier griff am 26. Februar 2016 eine 15-jährige deutsch-marokkanische Schülerin im Hauptbahnhof in Hannover einen Bundespolizisten während einer Kontrolle an und stach diesem ein Gemüsemesser in den Hals. Die danach ermittelnde Bundesanwaltschaft ging davon aus, dass sich die Schülerin spätestens im November 2015 das Gedankengut des IS zu eigen gemacht hätte.
    • Und am 18. Juli 2016 griff ein 17 Jahre alter mutmaßlich afghanischer Asylbewerber aus dem bayerischen Ochsenfurt in einem Regionalzug bei Würzburg mit einer Axt und einem Messer vier Bahnpassagiere an und verletzte sie schwer. Nach der Tat veröffentlichte die IS-nahe Agentur Amaq ein Video des Attentäters. Darin nennt sich dieser selbst „Soldat des Kalifats“ und kündigte einen Anschlag an. Die Bundesanwaltschaft ermittelt vor diesem Hintergrund, ob der Täter als Mitglied der IS-Terrormiliz gehandelt hatte.
  • Die ausländischen Kämpfer (Foreign Fighters) des IS
    Dem IS werden bis heute mehr als 120 Anschläge mit rund 2000 Opfern in fast 30 Ländern zugeordnet, die wenigsten bis dato in Europa und in den USA. Um generell am Djihad teilzunehmen, speziell das Kalifat mit weiter auf- und auszubauen, sind bisher aus allen fünf Kontinenten der Welt mit seinen rund 200 Staaten etwa 30.000 ausländische Kämpfer (Foreign Fighters) aus 115 Ländern in die nahöstliche Bürgerkriegsregion gekommen. Deren Ausreise zum IS nach Syrien und in den Irak. „Hidschra“ genannt nach der Auswanderung des Propheten Mohammed aus Mekka nach Medina, ist nicht immer leicht. Für den Trip ins Kalifat haben (möglicherweise britische) IS-Sympathisanten praktische Hinweise in einem 50-seitigen e-book mit dem Titel „Hijrah in the Islamic State – What to Packup, who to Contact, where to Go & more“ zusammengefasst und 2015 ins Netz gestellt. Trotz verbesserter türkischer Kontrollen an der syrischen Grenze sollen der Zeitung „New York Times“ zufolge, so hieß es Ende Juli 2016, nach wie vor bis zu 1000 Foreign Fighters pro Monat in das IS-Territorium gelangen.
  • IS-Terroreinsätze nach dem „Modell Mumbai“
    Nach der arabisch-islamischen Welt und Russland/Zentralasien stellt wohl Europa mit rund 6000 Freiwilligen das drittgrößte Kontingent an Foreign Fighters. Von diesen sollen, so Nachrichtendienste im Irak und in Europa, speziell Ausgebildete Europa ins Visier nehmen. In einem Bericht EUROPOLS hieß es im Januar 2016, dass der IS „neue, gefechtsartige Möglichkeiten“ entwickelt hätte, um weltweit eine Reihe „großangelegter Terroranschläge“ zu verüben. Dazu hätte der IS ein Kommando für Einsätze außerhalb seines Kalifats in Syrien und Irak gebildet, das „für Angriffe nach Vorbild von Spezialeinsatzkräften in einem internationalen Umfeld trainiert“.
    Diese IS-Kommandos sollen völlig frei in der Wahl der Orte und Ziele ihrer Anschläge sowie der Methoden und der Zeitabläufe sein. Ein mehrtägiger Anschlag vor fast acht Jahren in Indien diente wohl als „Modell für neue, gefechtsartige Möglichkeiten“.

    • Vom 26. bis 28. November 2008 war eine Terrorgruppe aus Pakistan in der indischen Küstenmetropole Mumbai (Bombay) im „Einsatz“ Von der Terrororganisation „Lashkar-i-Toiba“ (Armee der Reinen) ausgebildet, stürmten nach der Überfahrt 5 Zweier-Hit-Teams 5 zuvor ausgemachte Anschlagsorte: Hotel Oberoff, Touristencafé, Hotel Taj Mahal, Victoria Railway Station und das jüdische Nariman-House. In diesen drei Tagen töteten die mit Sturmgewehren, Handgranaten und Sprengsätzen ausgestatteten LiT-Terroristen insgesamt 166 Menschen (darunter 26 Aus-länder) und verletzten über 300.

    Nach diesem „Modell Mumbai“ erfolgten in den nächsten Jahren weitere Terroranschläge/Überfälle, so

    • vom 21. bis 24. September 2013 in Kenias Metropole Nairobi. Hier überfiel ein vielköpfiges Hit-Team somalischer Djihadisten der al-Shabaab den riesigen viergeschossigen Gebäudekomplex der Westgate Mall und nahm bewaffnet mit automatischen Waffen Besucher und Kunden als Geiseln. Nach Beendigung der Geiselnahme waren 72 Personen tot, über 200 verletzt.
    • Am 13. November 2015 attackierten in Frankreichs Hauptstadt drei Hit-Teams mit IS-Hintergrund drei Anschlagsziele: das Fußballstadion, Cafés und Restaurants der Bistroterrassen und eine Konzerthalle. Die mit Sturmgewehren und Sprengsätzen ausgestatteten Djihadterroristen töteten in Paris 130 Menschen und verletzten über 350. Aus 19 Staaten stammten die Opfer.
    • Am 22. März 2016 nahmen in Belgiens Hauptstadt zwei Hit-Teams mit IS-Hintergrund zwei Anschlagsziele ins Visier: den Flughafen Brüssel (Abfertigungshalle) und eine U-Bahn(Metro)-Station in der Stadt. Mit den Terroraktionen töteten sie mindestens 31 Menschen und verletzten rund 300. Aus 40 Staaten stammten die Opfer.

    Eine Terroraktion nach diesem Modell Mumbai, dass mit Sturmgewehren, Handgranaten und/oder Sprengsätzen (Sprengstoffwesten) ausgerüstete „Märtyrer“ als Hit-Teams fast zeitgleich mehrere „weiche Ziele“ (soft targets) attackieren, wäre in fast jeder Metropole Europas vorstellbar. Vor diesem Hintergrund konnten am 22. Juli die Strafverfolgungsbehörden in München zu Beginn einer unübersichtlichen Lage (Schüsse im/vor dem Olympia-Einkaufszentrum, mehrere Tote, bis zu drei Täter im Stadtgebiet) auch eine Terroraktion (in der Folge Ausruf einer akuten Terrorlage) nicht ausschließen, die sich später als Amok-Lauf eines 18-jährigen Deutsch-Iraners spezifizieren ließ. Keine vier Monate zuvor hatte der IS über Twitter am 30. März zu Anschlägen in Deutschland aufgerufen.

  • IS – das „digitale Kalifat“
    Im nunmehr dritten Jahr seines Bestehens, so der Begründer der Tageszeitung „Al-Quds Al-Arabi“ (London 1998) Abdel Bar Atwan, „hat der IS nicht nur die politische Landschaft des Nahen Ostens komplett auf den Kopf gestellt“ – er weitet „auch in der virtuellen Welt sein digitales Kalifat aus.” Sein Fazit: Das „digitale Kalifat ist territorial noch flexibel und würde ohne Land als virtueller Terror-Staat weiter existieren“.

Al-Qaida vs IS ? Oder al-Qaida & IS

Was wäre, wenn sich die Terror-Konkurrenten nicht mehr gegen-seitig bekämpfen, sondern im Kampf gegen den Internationalen Unglauben zusammenfinden würden?
Der Anschlag in Frankreich, wo drei Djihadisten im Großraum Paris vom 7. bis 9. Januar 2015 Mordanschläge auf französische Juden und „Kreuzfahrer“ verübten, insgesamt 17 Menschen (14 Zivilisten, darunter vier jüdische Bürger, und drei Polizisten) töteten, sollten uns zu denken geben. Zwei der Täter (die das Redaktionsgebäude der Zeitschrift „Charlie-Hebdo“ stürmten) hatten sich djihadistisch zur al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AQAH), ein Täter (der den jüdischen Supermarkt „Hyper Cacher“ überfiel) zum IS bekannt. Seine Aktion, so der letztere, wäre mit den Charlie Hebdo- Attentätern abgestimmt gewesen.

Derartige „Abstimmungen“ waren in der Bürgerkriegsregion Nahost zwischen den djihadistischen Kombattanten al-Nusra (der al-Qaida) und dem IS nicht auszumachen. Doch Ende Juli 2016 verkündete der Führer der al-Nusra-Front, Abu Mohammed al Dschaulani, in einem ins Internet gestellten Video, dass sich al-Nusra von al-Qaida getrennt hätte und sich in „Dschabhat Fatah al Sham“ (Front für die Eroberung Großsyriens) umbenannt hätte.
Sowohl der IS als auch die al-Nusra sind aus der al-Qaida hervorgegangen. Eine Annäherung von IS und Nusra-Front kann (und darf) nicht ausgeschlossen werden.

Epilog

Nicht nur, aber auch vor eben diesen Hintergründen halte ich die globale djihadterroristische Bedrohung für die größte sicherheitspolitische Herausforderung. Mit dieser Bedrohung werden wir nicht nur über die Zeiten einiger Wahlperioden, sondern über Dekaden, wenn nicht gar über mehrere Generationen zu tun haben. Vor diesem Hintergrund sollten, ja müssen wir lernen, mit dieser Langzeitbedrohung zu leben. Ein Land in der Welt hat diesen über ein halbes Jahrhundert erworbenen Erfahrungshintergrund. Von Israel könnten wir Europäer das eine oder andere im Umgang mit terroristischer Langzeitbedrohung lernen.

 

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Inhaltsübersicht

  • Prolog
  • Al-Qaida und ihre Transformationen
  • Globale Mordaufrufe der Terror-Konkurrenten
  • Djihadistische Vorgehensweisen und ihre „Mentoren“
    • Abu Mussab al-Suri und der globalisierte „islamische Widerstand“
    • Christliche Kirche – „legitimes Ziel“ für Djihadisten
    • Abu Mussab al-Zarqawi – Kalifats-Visionär mit Masterplan
    • Die selbsternannte Schutzmacht der Sunniten IS vs Saudi-Arabien
  • Der individuelle Djihad – Strategiewechsel der Terroristen
    • Die ausländischen Kämpfer (Foreign Fighters) des IS
    • IS-Terroreinsätze nach dem „Modell Mumbai“
    • Der IS – das „digitale Kalifat“
  • Al-Qaida vs IS ? Oder al-Qaida & IS
  • Epilog

 

© Berndt Georg Thamm, Berlin

 

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