Antisemitismus im fundamentalistischen Islam – Eine Einführung

Einführungsvortrag zum Fachgespräch „Antisemitismus im fundamentalistischen Islam – Was können, müssen wir tun?“ der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Reichstagsgebäude Berlin, am 4. Juli 2016

von Berndt Georg Thamm

Nach den Terror-Anschlägen im Jüdischen Museum in Brüssel im Mai 2014 und im jüdischen Supermarkt in Paris im Januar 2015 baten mich meine Freunde im Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) um Gefahreneinschätzungen zur Bedrohungssituation der Jewish Community, der ich mit zwei Expertisen ** gerne nachkam. Jüdisches Leben ist bis heute bedroht, was nicht zuletzt die Al-Quds-Demonstration wieder deutlich machte, die vor wenigen Tagen wieder in Berlin stattfand, nunmehr schon seit 20 Jahren.
Im heutigen Fachgespräch „Antisemitismus im fundamentalistischen Islam“ möchte ich, ob der begrenzten Zeit in komprimierter Form darstellen, daß fundamentalistische Muslime – schiitische „Märtyrer“ und sunnitische „Gotteskrieger“ – ihren sog. Heiligen Krieg (Djihad) in nur wenigen Jahrzehnten zu einem „Holy“ World War haben werden lassen. Bis zum heutigen Tage ist die Speerspitze dieses Djihad-Terrorismus antisemitisch.
In gut zwei Monaten steht uns am 11. September bereits der 15. Jahrestag des 9/11 ins Haus – der Terror-Anschläge in und gegen die USA, die von selbstmörderischen Kommandos der al-Qaida begangen wurden. Eben der al-Qaida, die vor fast drei Jahrzehnten (1988) gegründet wurde und die durch Transformationen viele Gesichter bekam, bis hin zu dem aus der al-Qaida im Irak (AQI) erwachsenen Islamischen Staat (IS). Dieser neue IS und die alte Qaida konkurrieren seit wenigen Jahren um die Leadership im globalen Djihad.

Was unterscheidet nun diese Terror-Konkurrenten?

  • Laut Qaida-Begründer Osama Bin Laden (OBL) soll eine sunnitisch-schiitische Einheitsfront gegen den Internationalen Unglauben (al-Kufre al-Alami) mit dem Ziel kämpfen, nach gewonnener Endschlacht (Armageddon) ein globales Kalifat zu errichten.
  • Laut IS-Vordenker Abu Mussab al-Zarqawi kämpft eine sunnitische Einheitsfront gegen den Internationalen Unglauben & Glaubensabtrünnige (insbesondere Schiiten) und Glaubensverfälscher (z.B. Yesiden) vom nahöstlichen Territorium eines am 29. Juni 2014 proklamierten neuen Kalifats (für den neuen sunnitischen Menschen) mit dem Ziel, dieses um territoriale Zugewinne der Levante und weitere Gebiete des Islam (dar al-Islam) zu erweitern und auszubauen.

Was verbindet diese Terror-Konkurrenten?

Letztlich ihre Zielstellungen. Sowohl im zu gründenden globalen Kalifat der al-Qaida als auch in der Territorialerweiterung des gegründeten IS-Kalifats ist die Existenz Israels nicht vorgesehen, wohl aber die der Heiligen Stadt Jerusalem (al Quds) – natürlich „judenfrei“.
Sowohl der Qaida-Begründer als auch der IS-Führer machten dies in Worten und Taten deutlich.

Wortzitate der Führer des Djihad-Terrorismus:

  • OBL im Dezember 1994 (noch vom Exil im Sudan aus): „Der jüdische Feind ist der Aggressor, der Verderber der Religion und der Welt. So ist es unsere gesetzliche Pflicht, im Namen Gottes Djihad zu führen … damit Palästina vollständig befreit und wieder unter islamischer Souveränität leben kann“.
  • Abu Bakr al-Baghdadi alias Kalif Ibrahim im Dezember 2015: „Wir haben Palästina keine Sekunde lang vergessen“. Der neue Kalif kündigte Angriffe an: man werde Palästina zu einem „Grab für die Israelis“ machen.

Gewaltandrohung/ausübung durch die Terror-Konkurrenten:

  • OBL begründete 1998 die „Internationale Front für den Heiligen Krieg gegen Juden und Kreuzfahrer“, die in der Folge einen territorial ungebundenen (Guerilla) Krieg führte, auch gegen Zivilisten. Beispiele antisemitischer Terror-Taten:
    • Anschlagsplanungen auf jüdische Einrichtungen in Deutschland 2001/2002,
    • Anschlag auf die Al-Ghriba-Synagoge in Tunesien 2002,
    • Doppelanschlag aif israelische Touristen in Kenia 2002,
    • Doppelanschlag auf die Neve-Schalom-Synagoge und die Beth-Israel-Synagoge in der Türkei 2003,
    • Anschlag auf ein jüdisches Zentrum in Indien 2008.
  • Der IS rief im Oktober 2015 vor dem Hintergrund der palästinensischen sog. Messer-Intifada gegen Israelis zum globalen Mord an Juden auf. Unter anderen stellte er „empfindliche Stellen, geeignet zum Niederstechen von Juden“, bildhaft ins Netz. Das „Hauptzielpublikum“ der Kampagne sind die Palästinenser, doch die Inhalte dürften auch ein anderes breiteres Publikum erreichen, das sich mit dem IS identifiziert oder sich von ihm inspirieren lässt, sowohl in den Ländern des Nahen Ostens als auch in den muslimischen Gemeinden weltweit. *** Beispielsweise in Deutschland:
    • Hier griff Ende Februar eine 15-jährige deutsch-marokkanische Schülerin im Hauptbahnhof in Hannover einen Bundespolizisten an und stach diesem bei einer Kontrolle ein Gemüsemesser in den Hals.
    • Jüngstes Opfer derartiger Angriffe war Ende Juni ein 13-jähriges Mädchen im Westjordanland, das von einem palästinensischen Attentäter mitten im Schlaf mit dem Messer getötet wurde.

Der diese jungen Attentäter inspirierende IS bekämpft als sog. „Schutzmacht der Sunniten“ gnadenlos die „glaubensabtrünnigen“ Schiiten. Diese hatten schon 1979 im Iran nach Rückkehr des Ayatollah Khomeini am 1. April die Islamische Republik als Theokratie (Gottesstaat) ausgerufen, die nach Ansicht des obersten Rechtsgelehrten nun ein „Ausgangspunkt für eine globale Ausbreitung der islamischen Staatsidee“ war – natürlich ohne Israel.
„Seit über 20 Jahren warne ich vor der israelischen Gefahr. Wir müssen uns alle erheben, den Staat Israel auflösen und das Volk Palästinas an seine Stelle setzen“, so Khomeini im Februar 1980.
Um diese – für den Iran bis heute gültige – Botschaft in die Welt zu tragen, hatte Ayatollah Khomeini ein halbes Jahr zuvor am 7. August 1979 (zum Ende des Fastenmonats Ramadan) den internationalen „Al-Quds-Tag“ proklamiert.

  • An diesem sollten zum einen alle Muslime ihre Solidarität mit dem palästinensischen Volk bekunden und für „die Befreiung der Muslime unter dem zionistischen Regime“ demonstrieren.
  • Und zum anderen sollte mit diesem Tag daran erinnert werden, daß al-Quds (Jerusalem), die sich „Israel widerrechtlich angeeignet“ hatte, für alle Muslime die drittheiligste Stadt nach Mekka (Muhammads Geburtsstadt) und Medina (hier lebte
    und herrschte der Prophet) war.

So unversöhnlich sich im langen und blutigen innerislamischen Konflikt schiitische und sunnitische Kombattanten gegenüberstehen, zur Erinnerung sei der gegenwärtige Stellvertreterkrieg im Jemen genannt, so gegenstandslos wird diese Unversöhnlichkeit, wenn es um Judenfeindschaft und erst recht gegen den verhassten Feind Israel geht.

Erst Vorgestern (2. Juli) wurde dies auf der nunmehr schon 20. Demonstration des al-Quds-Tages in Berlin (seit 1996) deutlich, auf der Exil-Schiiten (nicht zuletzt Hizbollah-Sympathisanten) und sunnitische Palästinenser (auch Hamas-Sympathisanten) gemeinsam gegen Israel für ein „freies Gaza“ demonstrierten – dem Operationsgebiet der Hamas, des Islamischen Djihad und mittlerweile auch des IS – deren Anliegen nicht zuletzt die Vernichtung Israels ist.

„Wenn und wo Juden bedroht sind“, so der Historiker Michael Wolffsohn im Januar 2015 nach den Terror-Anschlägen in Paris, „ist die offene Gesellschaft bedroht“. Und ich füge hinzu: auch unsere Gesellschaft in Deutschland.

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1. Terroranschlag in Brüssel – Vorbote eines Tsunami djihadistisch-antisemitischer Gewalt, Analyse für das JFDA Juni 2014, veröffentlicht in der Zschr. „Die Mahnung“, Hrsg. BVN Berlin, 61. Jg. Nr7/Juli 2014, S. 2 – 5.
2. Terroranschläge in Paris gegen Juden und „Kreuzfahrer – Der antisemitische Djihad als „Holy World War“, Studie für das JFDA März 2015, veröffentlicht als JFDA-Studie (Deutsch) Sept./Okt. 2015, Englisch Januar 2016.

*** IS-Hetzkampagne ruft vor dem Hintergrund der palästinensischen Terrorwelle zum Mord an Juden auf, in: Das Meir Amit Informationszentrum über Geheimdienste und Terrorismus im israelischen Zentrum für Nachrichtendienst, Kulturerbe und Gedenke, 21. Oktober 2015, S.2.

 

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