„Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse…“

Meinung

Gedanken zum nachbarschaftlichen Aktionismus im Björnsonweg.

Von Melanie Hermann

Die Elbvororte gehören zu den noblen Vorzeigestadtteilen Hamburgs, die sich sowohl durch ihre malerische Lage als auch durch ihre wunderschöne Architektur auszeichnen. Blankenese ist, spätestens seit seiner musikalischen Verarbeitung durch Gottlieb Wendehals, der wohl bekannteste Stadtteil an der Elbe.

Seit dem 05. April ist das Hamburger Viertel der Besserverdienenden zum überregionalen Gesprächsthema avanciert. Grund für die mediale Aufmerksamkeit, war der zivile Ungehorsam einiger Anwohner_innen. Im Björnsonweg, einem Teil Blankeneses, der in den letzten Jahren zunehmend mit hochkarätigen Immobilien bestückt worden ist, soll eine Lichtung gerodet und mit Pavillons für insgesamt 200 geflüchtete Menschen versehen werden. Dieser Plan erregte den Unmut einiger Blankeneser_innen so sehr, dass sie ihre PKW als Schutzwall vor die zu fällende Baumgruppe positionierten. Schon einen Tag zuvor war die zuständige Biologin tatkräftig am Markieren der 42 betroffenen Bäume gehindert worden, indem ihr die benötigte Sprühdose entrissen wurde, um anschließend wahllos 200 Bäume fälschlich zu kennzeichnen.
Der durch beide Aktionen verursachte Aufschub des Rodungsvorhabens, in Kombination mit dem Eilantrag eines Bewohners beim Verwaltungsgericht, erwirkte letztendlich einen vorläufigen Baustopp, gegen den die Stadt derzeit mit einer Beschwerde gerichtlich vorgeht.

Als eine der ersten kritischen Stimmen diesbezüglich trat die Interventionistische Linke (IL) mit ihrem „Blankenese Chainsaw Massacre“ auf den Plan. Wenn auch die Idee, die Rodung der Bäume unkonventionell zu gestalten, durchaus hätte effektiv sein können – stattgefunden hat sie ja schließlich aus Sicherheitsgründen nur symbolisch – driftet ihre Kritik ins Ressentiment. Denn das Problem, dass sich aus dem Engagement der „besorgten Bürger_innen“ ergibt, wird von der IL auf eine vulgärmarxistische Kritik an „Pfeffersäcken“, „Schampusgesellschaft“ und „Reichen“ wie „Schönen“ reduziert.
Ebenso vorbei an einer fundierten Analyse der Verhältnisse diskutiert Klaus Schürman, der Herausgeber des Blankeneser Magazins „Hamburger Klönschnack“ die Situation in einem Interview mit Focus online vom 11. April. Dort kritisiert er das Verhalten seiner Nachbar_innen als „peinlich“, um insbesondere zu betonen, dass Blankenese nicht „das kleine Sachsen von Hamburg“ sei, sondern weltoffen und tolerant. Vor allem fremdenfeindlich sei Blankenese mitnichten, in solcher Abwehr manifestiere sich lediglich die Angst vor dem Fremden.
Dabei hat doch das vergangene Jahr so eindringlich gezeigt, welch unheilvolle Liason zwischen Angst und Feindschaft in Deutschland besteht.
Nun kann zu Recht angemerkt werden, dass keiner der Blockierenden sich in irgendeiner Form fremdenfeindlich bzw. rassistisch geäußert hat. Jedenfalls gibt es diesbezüglich bisher keine Überlieferungen. Um zu erörtern, ob sich in diesem zivilen Ungehorsams nichts desto trotz rassistisches Ressentiment Bahn bricht, ist es schließlich doch nötig, die Klassenfrage zu diskutieren.
Es ist eine traurige Tatsache, aber die Verhinderung geplanter Unterkünfte sowie der Angriff auf bereits bewohnte, ist in Deutschland beinahe ein alltägliches Phänomen geworden. Die Argumente, welche diese Proteste umspielen, kommen in unterschiedlicher Couleur daher. Von offensivem Rassismus bis hin zu logistischen oder humanitären Bedenken, findet sich die volle Bandbreite argumentativer Finesse im Diskurs um die Unterbringung Geflüchteter. Bei näherer Betrachtung der jeweiligen Diskutant_innen lassen sich gewisse Muster in der Strategie ihrer Argumentationslinien bzw. in der von ihnen gewählten Form des Protestes erkennen. Dies liegt zum einen an der Position, aus der sie sich zu Wort melden, zum anderen an dem Maß an gesellschaftlicher Selbstreflexion, über das sie verfügen und das wiederum ihre Identitätskonstruktion bestimmt.
Vereinfacht dargestellt heißt das, wenn ich gebildet bin, über einen renommierten Beruf verfüge und gesellschaftliches Ansehen genieße, gehen damit auch subtilere Formen sozialen Kapitals bzw. normativer Ich-Konstruktion einher. Es ist in diesem Fall überaus wahrscheinlich, dass ich gelernt habe, mir gesellschaftlich Gehör zu verschaffen, mir über meine Rechte und die Möglichkeiten, diese durchzusetzen im Klaren bin und über die finanziellen Mittel verfüge, dies auch umzusetzen. Durch dieses gesellschaftliche Standing ist es zudem wahrscheinlich, dass ich mit den humanistisch-bürgerlichen Prinzipien moderner Vergesellschaftung vertraut bin und diese als persönliche Werte internalisiert habe.

Auf rechtspopulistischen Demonstrationen und Kundgebungen des vergangenen Jahres kamen häufig Menschen zu Wort, die zunächst großen Wert darauf legten, dass sie weder Rassisten noch Nazis seien, um sich im selben Atemzug gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ und die „Überfremdung“ der deutschen Kultur auszusprechen. Denn das Label des Rassisten kommt einem Stigma gleich, mit dem sich in der Regel nur überzeugte Rechtsextremisten schmücken wollen. Dennoch wäre es polemisch und politisch irreführend, zu konstatieren, dass eine Abgrenzung zum Rassismus stets aus opportunen Beweggründen geschieht. Nur so viel kann gesagt werden: Nicht alle Menschen sind, abhängig von ihrem Bildungsgrad, gleich gut dazu in der Lage, Ressentiments in ihrer Rhetorik zu erkennen und zu vermeiden. Ob es sich im jeweiligen Fall um die Vermeidung eines Tabus oder die tatsächliche reflexive Abkehr von Ressentiments handelt, muss jedoch im Kontext diskutiert werden. Es soll lediglich angemerkt werden, dass gesellschaftlich internalisierter Rassismus an der Stelle, an der er sich einer plumpen Performance oder Rhetorik bedient, leicht zu erkennen ist und die Möglichkeit bietet, sich deutlich abzugrenzen. Doch gerade jene Strukturen, Aktionen und Positionen, die diese Klarheit vermeiden, sind ebenfalls Teil des aktuellen Diskurses um Geflüchtete in Deutschland und beeinflussen ihn auf ihre Weise.

Jene Menschen, die in Blankenese ihre Sorge um Bäume, Grünfläche und Infrastruktur zum Ausdruck brachten, verfügten nicht nur über Autos, sondern auch über die Selbstsicherheit, über ihre Siedlung entscheiden zu dürfen, das Know How und ggf. auch Kapital, rechtliche Schritte einzuleiten, und letztlich auch über die Besonnenheit, ihre Sorgen in politisch korrekte Gewänder zu kleiden.
Für 90 Flüchtlinge, so hieß es von Seiten der Anwohner_innen noch im letzten Sommer, sei man bereit „Integrationshilfe“ zu leisten, aber 200 Menschen seien für die ruhige Gegend einfach zu viel.

Abgesehen davon, dass es sich hierbei um ein Rechenspiel handelt, das verkennt, mit welchem Unterbringungsschlüssel andere Stadtteile umzugehen haben, die teilweise ohnehin schon dichter besiedelt sind, zeigt sich hier, welches Bild von Geflüchteten in diesem Diskurs kolportiert wird.

Es wird das Bild einer friedlichen Straße mit baumbestandener Lichtung gezeichnet, die nun von einer 200-Menschen-starken Meute heimgesucht werden soll, die dort mitnichten einfach wohnen kann, sondern unter hohem Aufwand integriert werden muss.

Früher hat auf der selben Wiese ein Studierendenwohnheim gestanden und bis Ende 2008 Wohnunterkünfte für Geflüchtete. Augenscheinlich ohne größere Beschädigung der Nachbarschaft. Seitdem sind einige neue Häuser im Björnsonweg gebaut worden und dadurch die Nähe zu besagter Lichtung verringert. Sollte es etwa so sein, dass die Solidarität mit Geflüchteten dort aufhört, wo sie dem eigenen Gartenzaun zu nah kommen?

Es scheint, als handele es sich bei der konformistischen Revolte der Anwohner_innen um, zumindest unbewusst, transportierte rassistische Vorbehalte. Ob dieser Anschein der Wahrheit entspricht oder trügt, vermag dieser Artikel nicht zu klären.

Was jedoch konstatiert werden kann, ist, dass in der öffentlichen Debatte die Betroffenen der Aktion völlig in den Hintergrund treten. Menschen, die vor Leid und Elend geflohen sind, von denen viele Traumatisierungen erfahren haben und die Schutz und Hilfe in Deutschland suchen. Selbst wenn die protestierenden Anwohner_innen frei von fremdenfeindlichem Denken sein sollten, so bleibt das Resultat ihrer Haltung doch, diesen Menschen einen Ort verwehrt zu haben, an dem sie sich erholen, an dem sie sich sicher fühlen können. Mehr noch bleibt für jene Menschen die Lehre, die sie aus solcherlei Protestaktionen, ähnlich der unzähligen anderen Akte der Abwehr gegen Geflüchtete, ziehen können, dass ein Großteil der deutschen Gesellschaft bereit ist, sie mit allen Ihr zur Verfügung stehenden Mitteln fern zu halten, mal juristisch, mal kreativ, mal mit roher Gewalt.

 

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