PM: 24h Jerusalem: Zusammenarbeit und doch aneinander vorbei?

14.04.2014

ARTE hat mit dem BR eine Gemeinschaftsproduktion über Jerusalem von Samstag bis Sonntag 24 Stunden lang ausgestrahlt: „24h Jerusalem“. Mit 70 Kamerateams, darunter 20 israelischen und 20 palästinensischen, wurden mit einem 2,4 Millionen Euro Budget insgesamt 90 Juden, Araber und Europäer interviewt und gefilmt.

Die Idee war großartig. Jerusalem ist eine Stadt mit 3.000-jähriger Geschichte, heiligen Stätten wie an keinem anderen Ort in der Welt und emotionaler Bedeutung für die halbe Menschheit. Gleichzeitig ist Jerusalem eine Stadt, in der etwa 800.000 Menschen unterschiedlichster Zugehörigkeit (überwiegend jüdische Menschen) letztlich und trotz allem ein völlig normales Leben führen. Und natürlich gibt es an einem solchen Brennpunkt auch viele Verrückte, Fanatiker, Hetzer und politische Aktivisten. Leider haben ARTE und die weiteren Produzenten dieses Mammutprogramms dann doch den Boykottdrohungen von palästinensischen Akteuren nachgegeben: „Wir haben die Explosivkraft dieses Projektes und dessen politische Bedeutung in der Stadt trotz für gut empfundener Planung unterschätzt und sind offen in den Boykott gerannt, der den Dreh im Spätsommer 2012 zum Scheitern brachte“, so der Produzent Thomas Kufus im Interview. Im Ergebnis verpasste man der riesigen Ansammlung von Szenen eine problematische Tendenz. Während die deutschen Produzenten eigentlich das „normale“ Leben in der Stadt zeigen wollten, mussten sie sich schließlich dem Willen palästinensischer Aktivisten beugen, jegliche „Normalisierung“ auszublenden. So wurde der politische Konflikt in den Vordergrund gestellt, während die zahllosen Kontakte, Berührungspunkte und Freundschaften zwischen Juden, Moslems und Christen, Palästinensern und Israelis aus Prinzip ausgeblendet worden sind. Ausgerechnet Respekt, Toleranz und Kooperation gemäß der Devise „Leben und leben lassen“ ist in Jerusalem ausgeprägter als das, was am Ende mit Hilfe einer fragwürdigen Auswahl von Protagonisten zusammengestellt worden ist. „24hJerusalem“ war eine sehr gute Idee, ein tolles Projekt und eine echte Chance, tiefere Einblicke in das komplizierte Geflecht auch der menschlichen Beziehungen in dieser komplizierten und am Ende doch erstaunlich friedlichen Stadt zu dokumentieren. Um das Filmprojekt doch noch zu einem Abschluss zu bringen wurde beschlossen, dass israelische Teams keine Palästinenser ansprechen und umgekehrt. So entstand eine Kluft, die den Eindruck erweckt, dass Hass den Alltag in Jerusalem dominiert. Sicher gibt es auch radikale Siedler und Palästinenser sowie christliche Pilger, die teilweise dem „Jerusalem-Syndrom“ verfallen sind. Doch wenn ausgerechnet Menschen, die extreme Positionen vertreten, in den Mittelpunkt gestellt werden und dazu auf der jüdischen Seite mehrheitlich Holocaust-Überlebende und Fromme gezeigt werden, während auf der palästinensischen Seite die Checkpoints und die Sperrmauer dominieren, wird der Anschein erweckt, dass diese faszinierende und vor Leben pulsierende Stadt ein Hort von Hass und Zwist ist. So hat dieses großartige Projekt die Chance verpasst, eine Stadt der Kontraste, in der Moderne und Antike, jung und alt sowie Menschen vieler Religionen und Nationen in der Regel friedlich aufeinander treffen, realitätsnah zu porträtieren.

 

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