Gedenkrede Prof. Dr. Margot Käßmanns zum Geburtstag von Elisabeth Schmitz

By James Steakley (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

Berlin, 17.12.2013

Die nachstehende Rede hielt Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann, Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, am 17. Dezember 2013 anlässlich des 120. Geburtstages der Widerstandkämpferin Elisabeth Schmitz. Elisabeth Schmitz engagierte sich ab 1934 in der Bekennenden Kirche. Besonders bekannt wurde sie durch ihre Gedenkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“, in der sie kirchliche Solidarität nicht nur für jüdischstämmige Konvertiten, sondern für alle verfolgten jüdischen Menschen in Deutschland forderte.
Das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus regt in seinem derzeitigen Modellprojekt
Bekennt Euch! Religiöse Selbstbehauptung während des Nationalsozialismus Berliner Schülerinnen und Schüler zur Auseinandersetzung mit dem Wirken der Bekennenden Kirche und auch mit dem Engagement Elisabeth Schmitz‘ an. 
 
 

Festrede von Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann:

Am 23. August 1893 wurde Elisabeth Schmitz geboren. Ich bin dankbar, dass André Schmitz und Manfred Gailus in diesem Jahr, 120 Jahre später die Initiative übernommen haben, sie heute Abend hier in Berlin zu würdigen und der Bischof dieser Landeskirche Markus Dröge ihr die Ehre gibt. Hier in Berlin lebte sie von 1915 bis 1943 und von 1933 an erfuhr sie hautnah, was die nationalsozialistische Ideologie zerstörte. Ihr wacher Geist ließ sie das bewusst wahrnehmen und anklagen, leise, aber unmissverständlich. 75 Jahre ist die Reichspogromnacht 2013 her. Elisabeth Schmitz hatte bereits vorher gesehen, welcher Ungeist wütete. Danach sah sie für sich keine Möglichkeit mehr, ohne den Verlust ihrer Integrität als Lehrerin zu unterrichten.

Die Würdigung heute Abend ist nicht selbstverständlich. Diese „protestierende Protestantin“, wie Manfred Gailus sie in seiner Biografie nennt, wurde bisher kaum, viel zu wenig rezipiert. Aber, so schreibt er auch: „Der neue deutsche Protestantismus des 21. Jahrhunderts wird der Erinnerung an diese Frau gewiss einen hohen Wert zumessen. Er wird sie, über kurz oder lang, in den‚ protestantischen Heiligenstand‘ erheben.“(1). Mit „Heiligen“ haben die Protestanten ja eher Probleme. Nicht Menschen sollen angebetet werden, sondern allein Gott. Die „Gemeinschaft der Heiligen“ ist für die Reformatoren die Gemeinschaft derer, die wissen, dass sie im Leben und im Sterben ganz und gar auf Gott angewiesen sind. Entsprechend heißt es im Augsburger Bekenntnis von 1530 im Artikel 21:

„Vom Dienst der Heiligen.
Vom Heiligendienst wird von den Unseren so gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist; außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf … Aus der Heiligen Schrift kann man aber nicht beweisen, dass man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen suchen soll. ‚Denn es ist immer nur ein einziger Versöhner und Mittler gesetzt zwischen Gott und Menschen, Jesus Christus.‘ (1. Timotheusbrief 2,5).“

Insofern hat Manfred Gailus doch Recht: an Elisabeth Schmitz und ihrem Einsatz für andere aus ihren Glaubensüberzeugungen heraus können wir uns ein Beispiel nehmen. Und es wird Zeit, dass wir wahrnehmen, was sie geleistet hat. Wenn von denen die Rede ist, die widerständig waren oder Widerstand geleistet haben im so genannten „Dritten Reich“, fallen schnell die Namen Dietrich Bonhoeffer, Alfred Delp, Hans von Dohnanyi. Frauen kommen meist als unterstützende Ehefrauen vor. Dabei gab es sie natürlich, die aktiven Frauen im Widerstand, und nicht nur in der Weißen Rose – Sophie Scholl – oder im Netzwerk der Roten Kapelle…

Eine von ihnen ist Elisabeth Schmitz. Sie stammte aus Hanau, wirkte hier in Berlin und schließlich wieder in Hanau, wo sie 1977 84jährig starb. Nur sieben Menschen folgten ihrem Sarg. Warum taucht der Name dieser Frau, warum taucht ihre Lebensleistung erst jetzt auf? Eine ihrer Schülerinnen war Dietgard Meyer, die später kurhessische Pfarrerin war. Ich selbst bin als Kurhessin 1985 ordiniert worden, habe Dietgard Meyer kennengelernt. Dr. Katharina Staritz war mir ein Begriff, die in Breslau 1938 eingesegnete so genannte „Stadtvikarin“, die wegen ihres Engagements im Widerstand inhaftiert war und deren Status in Kurhessen- Waldeck nach dem Krieg nicht anerkannt wurde. Von Elisabeth Schmitz aber hatte ich bis vor wenigen Jahren nicht gehört. Dabei besticht ihre klare und sehr frühe Sicht auf die untragbare Verletzung der Menschenwürde durch die Nationalsozialisten, die sie von Anfang an hatte.

In der Biografie von Manfred Gailus war mir bei der Lektüre sehr eindrücklich, in welchem Netzwerk von jungen, sehr gut gebildeten Frauen Elisabeth Schmitz verankert war. Da war die sie prägende Religionslehrerin Dr. Carola Barth. Im Studium war Elisabeth Schmitz eng verbunden mit Dr. Elisabet von Harnack, später besonders mit Dr. Martha Kassel, einer Ärztin, Protestantin jüdischer Herkunft. Guten Kontakt hatte sie mit Prof Dr. Elisabeth Schiemann und im Lehrerkollegium mit ihrer Kollegin Dr. Elisabeth Abegg sowie der Schulleiterin Margarete Behrens. So sehr darüber spekuliert werden kann, ob Elisabeth Schmitz nun Frauen oder Männer liebte, ob sie schlicht auch keine Beziehungen hatte: sie hatte dieses Netzwerk aus Frauen, die ungemein gebildet waren, eine neue Generation, die frei denken durfte und wollte. Das wird sie geprägt haben. Und das ist gewiss auch der Kontext des kritischen Blicks, der Fragen mit Blick auf die Entwicklungen in aller Freiheit und Unabhängigkeit ermöglicht. Hier entstanden Gesprächsräume, so scheint es, die widerständig machten gegen die Verführbarkeit der nationalsozialistischen Ideologie.

Schon 1933 erregt sich Elisabeth Schmitz über Unrecht und Grausamkeit, mit denen Menschen jüdischer Herkunft begegnet wird, während die Kirche ihre Feste feiert(2). Wie konnte es sein, dass sie, als andere noch hofften, vieles würde sich zum positiven wenden, so kritisch wahrgenommen hat, was geschah? Manfred Gailus schreibt: „Tagtägliches Mitverhaftetsein in die Ausgrenzungserfahrungen ihrer ‚nichtarischen‘ Freundin Martha Kassel, ihres Bruders und Rechtsanwaltes Heinrich Kassel und anderer Freunde und Bekannte, Zugehörigkeit zum jüdischen Intellektuellenzirkel um Julius Bab, frühe Lektüre Karl Barths und intensiver brieflicher Gedankenaustausch mit dem reformierten Theologen seit April 1933 – alles dies waren wesentliche Koordinaten, die Denken und Handeln von Schmitz seit 1933 bestimmten.“(3) Sie verkehrte im Gerhard-Jacobi-Kreis der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und unterschrieb 1934 die „Rote Karte“ und gehörte somit zur Gruppe der Mitglieder der Bekennenden Kirche an der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche.

1935 (!) verfasste sie ein Memorandum, in dem sie ihre Kirche aufforderte, sich für die entrechteten Jüdinnen und Juden einzusetzen. Sie schrieb: „Vor nunmehr bald 2 1/2 Jahren ist eine schwere Verfolgung hereingebrochen über einen Teil unseres Volkes um seiner Abstammung willen, auch über einen Teil unserer Gemeindeglieder. Die unsagbare äußere und wohl noch größere innere Not, die diese Verfolgung über die Betroffenen bringt, ist weithin unbekannt und damit auch die Größe der Schuld, die das deutsche Volk auf sich lädt.“(4)

Elisabeth Schmitz hatte Geschichte, Germanistik und Theologie mit dem Ziel „höheres Lehramt“ studiert. 1920 wurde sie in Berlin bei Friedrich Meinecke im Fach Geschichte promoviert – ein damals für eine Frau außergewöhnlicher Lebensweg. In Hanau als jüngste von drei Schwestern geboren wurde sie Lehrerin, ab April 1929 war sie Studienrätin in Berlin Mitte. Eine ihrer Schülerinnen beschreibt sie: „leise auftretend, persönlich zurückgenommen, konzentriert auf den Unterrichtsstoff, sachlich und anspruchsvoll in ihren Anforderungen an uns. Und in ihrem ‚Outfit‘ – ach, so schlicht und bescheiden: grauer Faltenrock und hochgeschlossene Bluse, meist mit einem ‚Seelenwärmer‘, einer wollenen Weste, darüber; das
Haar in der Mitte gescheitelt und mit einem Kamm hinten hochgesteckt. Alles ein wenig altertümlich und nicht dazu angetan, uns spontan für ihre Person zu begeistern. Dennoch ist es Elisabeth Schmitz gelungen, sich Anerkennung zu verschaffen. Ihre absolut lautlose Autorität machte uns sprachlos.“(5)

Die Schülerinnen wissen nichts über ihre außerschulischen Aktivitäten. Sie war Mitglied in Helmut Gollwitzers „Dogmatischer Arbeitsgemeinschaft“. Zwischen 1933 und 1966 schrieb sie Briefe, Postkarten und Grüße an Karl Barth in der Hoffnung, ihn zu einer öffentlichen Stellungnahme mit Blick auf die Lage von Jüdinnen und Juden zu bewegen. Sie erhielt 1933/34 zwei Antworten. Sah Elisabeth Schmitz die Verfolgung der Juden und den nicht erfolgten Aufschrei der Kirche als eine Anfrage an das „esse“, das Sein der Kirche selbst, so verstand Karl Barth die ‚Judenfrage‘ als, Teilfrage‘(6).

Das scheint mir die tiefe Differenz zu anderen Menschen, die aus christlicher Überzeugung in der Bekennenden Kirche aktiv waren: geht es um die Kirche um der Kirche willen? Geht es um den Schutz von getauften Juden? Oder versagt die Kirche in ihrer ureigensten Aufgabe, weil sie sich dem Grauen, der Menschenverachtung, dem Verrat an jedweder Form von Menschenwürde nicht vehement entgegen stellt?

Beim Nachlesen vieler Dokumente (7) schien mir interessant, dass Edith Stein, die zum römischen Katholizismus konvertierte Jüdin, das ähnlich erlebte mit ihrem Brief an Papst Pius XI. im April 1933. Sie erhielt ebenso wenig Antwort wie Elisabeth Schmitz mit ihrem Memorandum über die Lage der Juden im nationalsozialistischen Deutschland. Sie legte es, so wird berichtet, der Synode der Bekennenden Kirche, die vom 23. bis 26. September 1935 in Berlin– Steglitz vor ohne eine Reaktion zu erhalten. Allerdings gibt es bis heute keinen Beleg dafür, mahnt der Kirchenhistoriker Hartmut Ludwig an(8). Und Manfred Gailus fragt zu Recht, ob sie das überhaupt gekonnt hätte. Bestenfalls, so meint er, war der Inhalt Gesprächsthema am Rande der Synode, nicht aber offizieller Beratungsgegenstand.

Interessant auch, dass die Schrift lange Zeit Marga Meusel zugeschrieben wurde. Erst 1999 wurde Elisabeth Schmitz als Verfasserin bekannt und erst durch einen Zufallsfund 2004 in Hanau ein großer Teil von Originaldokumenten aus ihrem Leben gefunden.(9) Der „Finder“ ist der pensionierte Richter Gerhard Lüdecke aus Hanau, der – soweit ich weiß – heute auch anwesend ist. Er hat viel für die Erinnerung an Elisabeth Schmitz in Hanau getan. Wenn wir nachher noch Zeit haben, würde ich gern fragen: Warum wohl hat sie selbst nicht dafür Sorge getragen, dass das Memorandum ihr zugeschrieben wurde?

Das genannte Memorandum ist ein beeindruckendes Dokument einer Frau, die hellwach beobachtet und erkennt, wie der nationalsozialistisch Ungeist um sich greift. So beschreibt Elisabeth Schmitz „Die Lage der Kinder“: „Aber wenigstens die Kinder haben doch i.a. im ganz elementaren Empfinden der Menschen einen Anspruch auf Schutz. Und hier? In großen Städten gehen die jüdischen Kinder vielfach jetzt in jüdische Schulen. Oder die Eltern schicken sie in katholische Schulen, in denen nach allgemeiner Ansicht sie sehr viel besser geschützt sind als in evangelischen. Und die nichtarischen evangelischen Kinder? Und die jüdischen Kinder in kleinen Städten, wo es keine jüdischen Schulen gibt, und auf dem Lande? In einer kleinen Stadt werden den jüdischen Kindern von den anderen immer wieder die Hefte zerrissen, wird ihnen das Frühstücksbrot weggenommen und in den Schmutz getreten! Es sind christliche Kinder, die das tun, und christliche Eltern, Lehrer und Pfarrer, die es geschehen lassen!”(10)

Das Memorandum zeigt im Jahr 1935 einen glasklaren Blick auf die Lage der Juden, auf das Verbrechen, das an ihnen begangen wurde und auf das Versagen der evangelischen Kirche. Elisabeth Schmitz sah das Unrecht, es konnte gesehen werden, das berührt mich an ihrem Text besonders. Sie schrieb ihr Memorandum drei Jahre vor der Reichspogromnacht!

Was sind die Gründe für die ausbleibende Resonanz auf das Memorandum? Lag es daran, dass es auch der Bekennenden Kirche mehr um die Rettung Kirche ging als um die Rettung der Juden? Oder weil vermutet wurde, eine Frau, Marga Meusel, sei die Autorin und nicht ein „richtiger ordinierter Theologe“?

Elisabeth Schmitz wurde denunziert, weil sie Martha Kassel, die bereits genannte Christin jüdischer Herkunft, in ihrer Wohnung aufgenommen hatte. An der Schule in Lankwitz hatte sie seit 1935 Probleme, weil sie den Vorgaben nicht entsprechen wollte, Kinder zu „nationalsozialistischen Menschen“ zu erziehen. So bat sie nach der Reichspogromnacht um Versetzung in den Ruhestand. Sie sah sich nicht in der Lage, so zu unterrichten, wie es der nationalsozialistische Staat von ihr forderte.

1943 aus Berlin evakuiert kehrte Elisabeth Schmitz nach Hanau in ihr Elternhaus zurück. Ab 1946 unterrichtete sie dort wieder bis 1958. Offenbar hatte sie weiterhin engen Kontakt zu Freundinnen und ehemaligen Schülerinnen, aber das Memorandum, ihre Verfasserschaft, all das hat sie wohl nicht thematisiert.

Mich bewegt diese Geschichte. Zum einen, weil sie zeigt, wie früh das Unrecht sichtbar wurde, „man“ wissen konnte, was geschah. Elisabeth Schmitz fragt schon 1935 deutlich: „Warum muß man sich immer sagen lassen aus den Reihen der nicht-arischen Christen, daß sie sich von Kirche und Ökumene verlassen fühlen? … Warum sucht Bodelschwingh in den Ärzteblättern einen ‚arischen‘ Medizinalpraktikanten? … Warum tut die Kirche nichts? Warum läßt sie das bodenlose Unrecht geschehen?“(11)

Bedeutsam ist die ekklesiologische Frage, die Elisabeth Schmitz stellt. Es geht ihr nicht allein um die Freiheit der Kirche wie etwa Karl Barth, oder um getaufte Juden wie etwa Marga Meusel. Ihr ging es um ein Versagen der Kirche als Kirche, wenn sie nicht für die Menschen eintritt, die entrechtet werden vor ihren Augen, ja mit ihrer Beteiligung.

Zum anderen ist unverständlich, dass die Denkschrift seit 1945 nicht rezipiert wurde, dass es hier ein Vergessen gibt, das wenige selektiv als ‚Helden‘ hervorhebt, andere aber ignoriert.

Und schließlich wird die ganze Spannung für heute ersichtlich. In Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum 2017 hat die Evangelische Kirche in Deutschland ein Themenjahr „Reformation und Politik“ ausgerufen. Wie verhalten sich beide zueinander, die evangelische Kirche und die Politik? Allzu gern wird erklärt, die Kirche solle sich auf „das Eigentliche“ konzentrieren. Aber was ist „das Eigentliche“?

Der Apostel Paulus schreibt im Römerbrief: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet.“ (13, 1) Das hat viele Christinnen und Christen davon abgehalten, Widerstand zu leisten. In der Apostelgeschichte aber heißt es: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (5,29) – das wiederum hat viele Christinnen und Christen ermutigt, Widerstand zu leisten.

Sicher, der Apostel Paulus schrieb keine grundsätzliche Abhandlung über das Verhältnis der Christen zur Macht bzw. zu den Grenzen der Macht. Er diskutierte nicht die Fragen von Machtmissbrauch und staatlich geduldetem oder gar gefördertem Unrecht(12), sondern wehrte sich gegen einen Enthusiasmus, der sich so himmlisch entrückt sah, dass ihn Kirche und Welt samt ihren Ordnungen nicht interessierten. Dagegen plädiert er für eine Anerkennung staatlicher Gewalt, die dem Leben in Frieden und Gemeinschaft dient.

Martin Luther war in Anlehnung an Paulus überzeugt: Es muss zwischen weltlichem und kirchlichem Regiment unterschieden werden. Das ist in vielem nachvollziehbar, hat aber die Kirche, die sich nach ihm benannt hat, manches Mal dazu verführt, unkritisch zu bleiben angesichts ungerechter Verhältnisse. Die so genannte „Zwei-Reiche“ oder auch „Zwei- Regimenter“–Lehre erschien manchem lutherischen Theologen und manchem Kirchenführer als Legitimation die absoluten Verbrechen von 1933-1945 nicht beim Namen zu nennen – auch nach 1945 nicht…

Mutige wie Elisabeth Schmitz blieben die Ausnahme, waren Einzelkämpferin in einer an die Obrigkeit angepasste Kirche. Heute sind wir dankbar, um solche hellsichtigen Menschen zu wissen. Wenn Paulus schreibt: „Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes“ kann das auch auf Irrwege führen. Diese Balance zwischen notwendigem Respekt vor der „Obrigkeit“ – in solchen Kategorien dachten Protestanten noch lange, auch als es längst einen demokratischen Staat gab – und notwendigem, oft unbequemem Ungehorsam, bleibt eine Herausforderung auch heute.

Natürlich ist die Situation heute nicht vergleichbar mit den Herausforderungen zur Zeit der Nazi-Diktatur. Aber denken wir nur 25 Jahre zurück. Da lag dieses Rote Rathaus im Osten Berlins. Damals kritische Anfragen zu stellen, die Kirchenräume zu öffnen für Menschen mit offenen Fragen an die Regierung mit Blick auf Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung, durch Reden, Manuskripte und Demonstrationen: o ja, da war eine Elisabeth Schmitz Vorbild im Sinne der protestantischen Wahrnehmung von Heiligen.

Und freies Denken und Widerständigkeit sind – wenn auch auf andere und wesentlich ungefährdetere Weise – auch heute mitten im demokratischen Wohlstandsdeutschland gefragt. Wo Menschen anfragen, was es bedeutet, dass jedes sechste Kind in Armut aufwächst! Wo Menschen sich auflehnen gegen eine Flüchtlingspolitik, die Menschen für Jahre verbannt in Lager ohne ihnen Möglichkeiten zu geben, ihr kreatives Potential zu entfalten, die Sprache dieses Landes zu lernen, sich zu integrieren. Und wer begehrt auf gegen die rassistischen Slogans einer Partei, die mit Steuergeldern finanziert wird. Endlich kommt ein Verbotsverfahren in Gang, aber nicht mit Unterstützung des deutschen Bundestages. Wer heute Kriege wie in Afghanistan und Waffenexporte, bei denen Deutschland auf den unrühmlichen dritten Platz weltweit aufgerückt ist, anprangert, wird verächtlich gemacht, an den Rand gedrängt.

Nein, das ist nicht vergleichbar mit dem, was Menschen wagten in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Wenn sie uns aber Vorbild sind, dann heißt das: Hinschauen, hellwach sein, in Worte fassen, was geschieht, nicht zu blinden Mitläufern werden. Da musst du nicht gleich öffentlicher Held sein, auch dafür ist Elisabeth Schmitz Vorbild. Sie wird eher als zurückhaltend beschrieben und deshalb ist der Untertitel der Biografie von Manfred Gailus auch sehr passend: Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz. Aber sind diese leisen Töne von weniger Gewicht als die lauten? Sie hatte ja gehofft, dass diejenigen, die öffentlich gehört werden wie etwa Karl Barth, ihre Erkenntnisse weiter geben würden…..

Wir brauchen auch heute hellwache Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die nicht einfach mit dem Strom schwimmen, sondern kritisch sehen, was geschieht, sich zu Wort melden, sich einmischen, auch wo das für sie selbst und andere unbequem ist. Und wir brauchen eine Kirche, die sich nicht zurück drängen lässt in das privat-religiöse, sondern mitten in der Gesellschaft ihre Stimme erhebt, wo immer Menschen entrechtet und an den Rand gedrängt werden.

Diese Kirche muss auch in der Lage sein, selbstkritisch mit ihrer eigenen Geschichte umzugehen. Im Rahmen der Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 gibt es derzeit eine Debatte darüber, inwiefern Luthers Antijudaismus auch Wegbereiter für den Antisemitismus der Nationalsozialisten war. Ich finde irritierend, wie sehr einige das leugnen. Luthers Antijudaismus ist nicht einfach mit „Zeitgeist“ zu entschuldigen. Er hat der Kirche, die sich aus seiner Lehre heraus entwickelte, ein fatales Erbe hinterlassen. Dabei finden sich in seiner 1523 veröffentlichten Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ für die damalige Zeit bemerkenswerte Ansichten: Stereotype Vorwürfe gegen die Juden, darunter den des Wucherzinses, weist der Reformator entschieden zurück. Dies seien alles „Lügendinge“. Es sei vielmehr das lieblose Verhalten der Christen gewesen, dass die Juden bisher abgehalten habe, sich zu bekehren, wofür Luther durchaus Verständnis hat: „Wir haben sie behandelt, als wären es Hunde“, schreibt er und unterstreicht in dem ihm eigenen drastischen Sprachduktus, auch er wäre an ihrer Stelle „eher eine Sau denn ein Christ geworden“. Durch jene Schrift Luthers entstand in jüdischen Kreisen die Hoffnung, es könne zu einem Neuanfang im Verhältnis zwischen Juden und Christen kommen.

Doch zwanzig Jahre später, 1543, erschien ein im Duktus völlig anderer Text Luthers. Schon der Titel „Von den Juden und ihren Lügen“ verrät, dass es sich um eine Schmähschrift handelt. Luther schlägt darin der Obrigkeit vor, dass sie jüdische Synagogen und Schulen „mit Feuer anstecken“, ihre Häuser „zerbrechen“ und die Juden „wie die Zigeuner in einen Stall tun“ solle. Zudem sollten ihnen ihre Gebetbücher genommen werden, worin „Abgötterei“ gelehrt werde, ihren Rabbinern solle verboten werden, zu unterrichten. Furchtbar. Unerträglich. Diese so unfassbaren Äußerungen, die ich nur ungern zitiere, können nicht mit seiner Verbitterung, dass Juden nicht zur Kirche der Reformation übertraten, erklärt oder durch den „Zeitgeist“ gerechtfertigt werden. Sie werfen auf ihn und die Reformation insgesamt einen Schatten und sollten die Kirche, die sich nach ihm benannte, auf einen entsetzlichen Irrweg führen.

Die Schmähschrift von 1543 diente allzu oft der Rechtfertigung für Diskriminierung, Ausgrenzung und Mord. Luthers Pamphlet wurde in der NS-Zeit häufig nachgedruckt, zum Beispiel unter dem Titel „Martin Luther und die Juden – weg mit ihnen!“ Vor dem Nürnberger Gerichtshof bezog sich der NS-Hetzer Julius Streicher auf sie, um dann zu sagen: „Dr. Martin Luther säße sicher heute an meiner Stelle auf der Anklagebank….“ Aus Luthers Spätschrift hatte Streicher für sein Hetzblatt „Der Stürmer“ den in der NS-Zeit sprichwörtlich gewordenen Satz „Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud‘ bei seinem Eid“ entnommen.

Bis auf wenige Einzelne wie Elisabeth Schmitz versagte die evangelische Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus, weil sie Menschen jüdischen Glaubens nicht schützte, sich dem Holocaust nicht vehement entgegenstellte. Erst nach 1945 begann sie – langsam –, den verhängnisvollen Weg des Antijudaismus zu verlassen, eine Lerngeschichte setzte ein. Der jüdisch-christliche Dialog hat neu entdecken lassen, was der Apostel Paulus über das Verhältnis von Christen und Juden schreibt: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“ (Römer, 11.18) Das war für die evangelische Kirche ein Prozess, der Erschrecken über eigene Irrwege zutage treten ließ, Befangenheit auslöste. Mein Eindruck aber ist, dass immer öfter freie Begegnung möglich wird, die um das Vergangene, um Schuld ebenso wie um Opfererfahrung weiß, aber nicht dort verhaftet bleibt, sondern Wege ins Offene, in die Zukunft eines Dialogs auf Augenhöhe sucht.

2011 anerkannte die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem Schmitz als „Gerechte unter den Völkern“. In einer würdigen Feier übergab im April 2013 der Gesandte der Botschafter des Staates Israel Emmanuel Nahshon Urkunde und Ehrenmedaille an den Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky. Heute ehren wir hier im Berliner Rathaus die Hanauerin, die zugleich Berlinerin war. Eine Frau, die mutig war, die früh warnte, welche zerstörerische Kraft die nationalsozialistische Ideologie entfaltete und ihre Kirche mahnte, sich dem zu widersetzen. Am Ende richtete sich die zerstörerische Kraft auch gegen die Deutschen selbst, Berlin weiß viele Geschichten davon zu erzählen.

 

Aber dies soll keine Trauerfeier sein. Wie bei der Trauerfeier für Nelson Mandela am vergangenen Dienstag können wir das Leben von Elisabeth Schmitz feiern. Dankbar für ihr mutiges Zeugnis. Froh darüber, dass wir es endlich bewusst wahrnehmen. Und ermutigt, selbst diese Lerngeschichte fortzuschreiben, die unsere Kirche – Gott sei Dank – gegangen ist. Eine Lerngeschichte aber, die niemals zu den Akten gelegt werden kann, sondern stets neu und aktuell werden muss im Kontext ihrer Zeit. So kann Elisabeth Schmitz dann im protestantischen Sinne „Heilige“ werden, deren Leben und Zeugnis uns heute für die Zukunft mahnt und ermutigt.

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1 Manfred Gailus, Mir aber zerriss es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz, Göttingen 2011 (2. Auflage), S. 17.
2 Vgl. Gailus, aaO., S. 84.
3 Ebd. S. 85.
4 Zur Lage der deutschen Nichtarier, in: Manfred Gailus (Hg.), Elisabeth Schmitz und ihre Denkschrift gegen die Judenverfolgung,. Konturen einer vergessenen Biografie (1893.1977), Berlin 2008, S. 192ff.; S. 193.
5 Diegard Meyer, „Mutter Elisabeth“,, in Elisabeth Schmitz und ihre Denkschrift gegen die Judenverfolgung, aaO., S. 1ff.;, S. 13.
6 Vgl. Marlies Flesch-Thebesius, Ein Gefühl der Fremdheit. Briefwechsel zwischen Elisabeth Schmitz und Karl Barth, in: ebd. S. 83ff.; S. 83.
7 Vgl. Margot Käßmann (Hg.), Gott will Taten sehen, München 2013.
8 Vgl. Hartmut Ludwig, Die Denkschrift von Elisabeth Schmitz „Zur Lage der deutschen Nichtarier“, in: Elisabeth Schmitz und ihre Denkschrift gegen die Judenverfolgung, aaO., S. 93ff.; S. 94.
9 Vgl. Gerhard Lüdecke, Ein sensationeller Fund in Hanau 2004, in: ebd. S. 20ff.
10 Elisabeth Schmitz, Zur Lage der deutschen Nichtarier, aaO.; S. 199f
11 Elisabeth Schmitz, Zur Lage der deutschen Nichtarier, aaO., S. 210.
12 Vgl. Walter Klaiber, Der Römerbrief, Neukirchen 2009, S. 223.

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