Gedanken zu Antisemitismus im Stadion

Berlin, 17.09.2013

Während des Fußballspiels Eintracht Frankfurt U 23 gegen Offenbacher Kickers in Frankfurt am Main am 14.09.2013 ist es zu antisemitischen Äußerungen und Beleidigungen gekommen. Betroffen davon war auch Eintrachts Finanz-Vorstand Axel Hellmann: „Was mich noch mehr irritiert ist, dass sich offenbar eine rechte Szene bei den Kickers gebildet hat. Ich bin selber mit antisemitischen Äußerungen beschimpft worden“, wie er der Bild-Zeitung berichtete. Außerdem wurden antisemitische Aufkleber im Stadion geklebt. Auf Youtube ist ein Video zu sehen, das viele Fans beim Skandieren antisemitischer Beleidigungen dokumentiert.

„Solange solche antisemitischen Vorfälle auf und neben dem Fußballplatz vorkommen, muss konsequent gegen diese vorgegangen werden. Keine Wettkämpfe oder Konkurrenzsituationen rechtfertigen ein solches Verhalten“, betont Lala Süsskind, Vorsitzende des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus.

„Bis in die Gegenwart bleibt der Fußball nicht von Rassismus und Antisemitismus verschont. Teils rassistisch motiviert, teils aus Dummheit und Geschichtslosigkeit, wird die Eintracht aus Frankfurt bis heute als „Judenklub“ bezeichnet, da sich das jüdische Sponsorentum für diesen Verein in den 1920er Jahren im Bewusstsein sogenannter Fans erhalten hat. Jugendspieler werden zuweilen als „Judebubben“ beschimpft, oder bei Derbys wird unmissverständlich gerufen: „Zyklon B für SGE!“, schreibt die Jüdische Zeitung.

Die Stadionordnungen der Vereine verbieten „gewaltverherrlichende, rassistische, fremdenfeindliche, antisemitische sowie recht- oder linksradikale Parolen zu äußern oder zu verbreiten, sowie Bevölkerungsgruppen durch Äußerungen, Gesten oder sonstiges Verhalten zu diskriminieren“ (Haus- und Benutzerordnung (Stadionordnung) des Sparda-Bank-Hessen-Stadions am Bierberer Berg in Offenbach am Main und fast wortgleich auch die Stadionordnung des Frankfurter Volksbank Stadions). Die Hausordnung bietet also die Chance konsequent bei rassistischen oder antisemitischen Vorfällen einzuschreiten.

Welche Konsequenzen werden jetzt nach den konkreten Vorfällen gezogen?

Auf Anfrage antwortet die Polizei Frankfurt, dass sie in Folge des Spiels ermittle.

Der Verein der Offenbacher Kickers will nach eigenen Angaben umfassend reagieren. Nach einer Nachbesprechung mit der Polizei und Fanvertretern wird nach dem Platzsturm Stadionverbot für die Beteiligten verhängt. Die antisemitischen Äußerungen und Parolen ließen sich nicht mehr einzelnen Personen zuordnen, man werde aber eine Kampagne gegen Rassismus und Antisemitismus starten. Auch im Stadionmagazin soll im Vorwort Position bezogen werden. Sämtliche Vereinsfunktionäre haben sich bereits deutlich von den Äußerungen und Vorkommnissen distanziert.

Wie ist das bei den Fans? Auf der Homepage des Fanprojektes Offenbach steht: “Deshalb richtet sich unsere Arbeit auch gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie sowie die vielen anderen nicht nur im Stadion spürbaren Diskriminierungen.“ Alle scheinen engagiert, auch nicht erst seit heute. Also woran liegt es und was kann man ändern?

Laut des Expertenberichts des Deutschen Bundestages sind 20 Prozent der Deutschen latent antisemitisch. Wenn wir davon ausgehen, dass Fußball-Fans Teil der deutschen Gesellschaft sind, dann sind wohl auch im Stadion antisemitische Einstellungen vorzufinden. Antisemitismus existiert nicht nur in der Rechten oder Linken oder der Fußballszene, sondern in allen gesellschaftlichen Schichten. Es muss also nicht nur im Stadion reagiert werden, auch wenn dies absolut notwendig und richtig ist, sondern es muss vor allem eine gesamtgesellschaftliche konstruktive Debatte über antisemitische Stereotype und Vorurteile geführt werden. Es muss früh in der Schule über jüdisches Leben gesprochen werden. Initiativen gegen Antisemitismus müssen unterstützt und es muss immer wieder von allen auf alltägliche latente, verbale Antisemitismen reagiert werden.

 

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