Veranstaltungsberichte

Bericht zur Veranstaltung „Judenfeindschaft im 21.Jahrhundert“ im Lichthof der Technischen Universität Berlin am 10.06.2013

Die Veranstaltung wurde durch Grußworte des Präsidenten der Technischen Universität (TU), Prof. Steinbach, Lala Süsskind, der Vorsitzenden des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus und Tal Gat, dem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Israelischen Botschaft, eröffnet.
Herr Professor Dr. Steinbach verwies in seiner Begrüßungsrede auf das Themenjahr 2013 „Zerstörte Vielfalt“, in dem sich die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zum 80.Mal und die Reichspogromnacht zum 75.Mal jähre. Die TU freue sich, mit dieser Veranstaltung einen weiteren Beitrag zu leisten. Er stellte die Verantwortung einer Institution wie der TU heraus, deren organisierte Studentenschaft während des Nationalsozialismus auf die Entlassung der jüdischen Lehrenden hingewirkt hatte. Es müsse ein Weg nach Vorne aufgezeigt werden, wie ein besseres Miteinander möglich sei. Er verwies auf die hervorragende Arbeit von Frau Professor Schwarz-Friesel, die als Leiterin des Fachgebiets Allgemeine Linguistik weit über die an sie gestellten Erwartungen hinaus gehe.
Frau Süsskind erläuterte, dass Antisemitismus kein Randgruppenphänomen, sondern in der Mitte der Gesellschaft verankert ist. Offensichtlich wurde dies spätestens 2011 mit dem Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus des Bundestages, demzufolge jeder fünfte Mensch in Deutschland ein latent antisemitisches Weltbild hat, wie Frau Süsskind herausstellte. Sie verwies darauf, dass jüdisches Leben in Deutschland noch immer nicht ohne weiteres möglich ist. Aber nicht nur durch Gewalttaten zeigt sich die Judenfeindschaft in Deutschland, sondern vor allem durch die Verbreitung von Vorurteilen und antisemitischen Stereotypen. Dies passiert in den Medien und auch im politischen Alltag. Zunehmend wird heute im Zuge eines solchen sprachlichen Handelns der Staat Israel als Projektionsfläche genutzt. Daher stelle sie mit Beunruhigung fest, dass auch die Grüne Bundestagspartei eine Kennzeichnung von Produkten aus dem Westjordanland fordert. Diese Kennzeichnung ist der erste Schritt auf dem Weg hin zu einem Boykott.
Herr Tal Gat, der seine Grußworte im Namen des Botschafters entrichtete, bedankte sich vor allem bei der Referentin Frau Prof Schwarz-Friesel, die systematisch die Emails an die Botschaft ausgewertet und somit wissenschaftlich nachweisbar die obsessive Kritik analysiert hat. An den Staat Israel wird nicht nur ein doppelter Standard, sondern ein auf das Land maßgeschneiderter Standard gelegt. In der Formel „warum darf man Israel nicht kritisieren“ ist impliziert man dürfe dies nicht, dabei wird kein anderer Staat auf der Welt, unterdrücke er seine Bevölkerung auch noch so brutal, so oft und so harsch kritisiert. Kritik ist erlaubt und soll auch geäußert werden, die Frage ist nur wie dies geschieht.
Die Frage nach dem Wie, welche antisemitischen Stereotype trotz aller Aufklärungsbemühungen auch nach der Shoah dabei bedient werden, beantwortete Frau Prof. Schwarz-Friesel in ihrem Vortrag „Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert: Antisemitismus als kommunikatives Alltagsphänomen“. Laut des Expertenberichtes des Deutschen Bundestages von 2012 sind 20% aller Deutschen latent antisemitisch. Rechtsradikale Sprachgebrauchsmuster sind dabei vermehrt in der Mitte der Gesellschaft anzutreffen. Dabei ist zu beobachten, dass Judenfeindschaft zunehmend geleugnet, relativiert und verharmlost wird. Frau Prof. Schwarz-Friesel betonte, dass Antisemitismus eine Mischung aus Weltanschauung und Leidenschaft ist, wie Jean-Paul Sartre schrieb, also auf negativen Gefühlen beruht. Antisemitismus ist dabei eine Konstruktion, die ohne Realitätsbezug auskommt und als System, das den Juden als den ultimativen Anderen, Schlechten konstruiert. Juden werden als Kollektivgemeinschaft mit unabänderlichen Eigenschaften konstruiert. Die damit einhergehende absolute Entwertung spiegelt sich auch in der Sprache wieder.
Dies ließ sich anhand der Emails und Foreneinträgen, die sie mit ihrem Team ausgewertet hatte, nachvollziehen. Sie hatten authentische, natürlich erhobene Daten, Korpora ausgewertet. Darunter ca. 15.00 Emails an den Zentralrat der Juden in Deutschland und an die Israelische Botschaft in Deutschland und zum Vergleich ca. 2000 Email an die Israelischen Botschaften anderer europäischer Staaten, sowie ca. 50.000 Texte aus dem Internet (Foren, Chats, Weblogs, sozialen Netzwerken, Kommentaren) und ca. 100.000 Texte zu Israel und dem Nahostkonflikt aus Print- und Onlinezeitungen.
Antisemitismus ist kein Randgruppenphänomen, sondern in der gebildeten Mitte der Gesellschaft, verankert, wie sich anhand der Emails auch nachweisen ließ. 30 % der Schreiber waren Akademiker. Sie verurteilten zwar meist den historischen Vernichtungsantisemitismus, artikulierten aber dennoch Antisemitismen. Dabei sinkt die Tabuisierungsschwelle. Von Über 1.000 ausgewerteten Leserbriefe zum Nahostkonflikt in SZ, FAZ, FR, Welt und regionalen Zeitungen zwischen 2002 und 2004 enthielten 9,2% antisemitische Äußerungen; 2002 bis 2012 waren es schon 37%. Dabei zeigt sich auch, dass Anti-Israelismus die dominante Manifestationsform des Antisemitismus der aktuellen Judenfeindschaft ist. Dabei wird der Staat, der das deutlichste Symbol des jüdischen Überlebens und Lebens ist, durchweg dämonisiert, delegitimiert und negativ bewertet. Die Politik des Staates wird mit dem Nationalsozialismus verglichen („KZ-Politik“), Pejorativlexik genutzt („Verbrecher-/Apartheidsstaat“), de-realisierend übertrieben („die größte Gefahr für den Weltfrieden“), Verschwörungstheorien verbreitet („wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen“- J. Augstein) und sogar auf alte judeophobe Stereotype zurückgegriffen wie „Sie folgen dem Gesetz der Rache“ (Jakob Augstein).
Die Verbreitung der Dämonisierung Israels gerade auch durch die als objektiv und seriös wahrgenommenen Medien führt wiederum zu einer Verstärkung der antisemitischen Einstellungen.
Dabei wird ritualisierend ein Kritikverbot an dem Staat Israel phantasiert. Dies ist eine typische judeophobe De-Realisierung, denn das Gegenteil ist der Fall. Kein anderes Land der Welt wird so oft und so harsch kritisiert. Dabei legitimieren, rechtfertigen sich die Kritiker stets zuerst selbst und relativieren dann, deuten um und erteilen aus ihrer scheinbar moralisch überlegenen Position heraus Moralapelle und gute Ratschläge nach dem Motto: „wir Deutsche haben aus unseren Fehlern gelernt, Sie [die Juden/ israelische Regierung] begehen diese jetzt“.
Die Reaktionen auf die Ergebnisse der Antisemitismusforschung und des Expertenberichts des Bundestages sind eindeutig: sie werden geleugnet, abgewehrt, relativiert und umgedeutet.
In ihrem Fazit machte Frau Schwarz-Friesel deutlich, dass Antisemitismus kein Randphänomen, sondern tief in der gesamten Gesellschaft verankert ist. Die Ablehnung des historischen Antisemitismus hat nicht zu einer Überwindung von Stereotypen geführt. Antisemitismus wurde nur dann verfolgt und angeprangert, wenn er aus dem Rechtsradikalen Spektrum kam, der indirekte, subtilere, im Sprachgebrauch verankerte Verbal-Antisemitismus aber ist normal geworden. In den letzten 5 Jahren haben sich Habitualisierungs- und Normalisierungseffekte gezeigt und Antisemitismus im kollektiven Bewusstsein und kommunikativen Gedächtnis verankert. Gerade auch die „Gras- und Augstein-Debatte“ haben Stereotype verfestigt und Abwehrreflexe verstärkt, da sich bei den selbsterklärten Anti-Antisemiten judeophobe und israelfeindliche Äußerungen und Muster wiederfanden und ihnen gesellschaftlicher Rückenwind zu Teil wurde. Das Schweigen der Mehrheitsgesellschaft und der sozial relevanten Institutionen wird als Zustimmung gewertet und verstärkt damit die Tendenz, israelfeindliche und antisemitische Stereotypen öffentlich zu äußern.

Diesem Vortrag schloss sich eine kurze Podiumsrunde an. Vertreten waren Mitglieder des Bundestages aus allen Fraktionen: Petra Pau (die LINKE), Marieluise Beck (Bündnis90/die Grünen), Dieter Wiefelspütz (SPD), Gitta Connemann (CDU) und Florian Bernscheider (FDP). Die Frage des Moderators Jochen Feilcke (Deutsch-Israelische Gesellschaft) wie die Politik darauf reagieren sollte, beantworteten einige Podiumsteilnehmer: mit Bildungs- und Erinnungsarbeit. Dr. Wiefelspütz ergänzte, dass man nur durch permanente Aufklärung hier einwirken. Dabei sei Jede/r in der Pflicht auch im Alltag sofort einzuschreiten und die (verbalen) Grenzüberschreitungen aufzuzeigen. Politiker hätten zwar Vorbildfunktion seien aber eben auch nur Spiegelbild der Gesellschaft. Selbstkritisch merkte Petra Pau an, dass daher auch in allen Fraktionen eine Auseinandersetzung zu dem Thema Antisemitismus geführt werden müsse; auch hier gäbe es durchaus Probleme mit dieser Thematik. Marieluise Beck reflektierte selbstkritisch über den selbstgerechten Anti-Israelismus innerhalb des linken Milieus der Friedensaktivisten. Ihr Pazifismus, der die Lehre aus der schrecklichen deutschen Geschichte sei, verführe manche, sich über Israel und seine Armee zu erheben.
Herr Florian Bernschneider sah einen wichtigen Punkt zur Bekämpfung der judeophoben Stereotype darin, Antisemitismus und jüdisches Leben nicht nur als abgeschlossene historische Einheit im Fach Geschichte in den Schulen zu unterrichten, sondern dies Thema auch darüber hinaus zu behandeln.
Angesichts der begrenzten Zeit, konnten auf dem Podium keine Konzeptvorschläge mehr diskutiert werden, vor allem wie auf den Antisemitismus im akademischen Milieu eingewirkt werden könne, da hier eben Bildung offensichtlich nicht das Patentrezept ist. Die Diskussion konnte beim anschließenden Empfang in persönlichen Gesprächen nachgeholt werden.

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