Mit Musik Grenzen überwinden

Die Direktorin und Gründerin des Diplomatic Choir of Berlin Barbara Leifer wählt einen anderen Weg um Flüchtlingen zu helfen: Sie veranstaltete ein Gemeinschaftskonzert mit einem aus syrischen Flüchtlingen bestehenden Orchester, dem Syrian Expat Philharmonic Orchestra. Musik ist das bindende Element in dem Projekt und schafft es kulturelle Grenzen zu durchbrechen, Vorurteile abzubauen und Flüchtlinge in die Gesellschaft zu integrieren.

Anstatt ein weiteres Benefizkonzert für Flüchtlinge zu veranstalten, wählte Barbara Leifer einen anderen Weg. Sie suchte nach talentierten Musikern, die als Flüchtlinge nach Europa kamen, um mit ihnen gemeinsam ein Konzert zu veranstalten. Die Suche erwies sich als relativ schwierig, da die Menschen in den Flüchtlingsunterkünften ganz andere Sorgen hatten und schon froh waren überhaupt ein Bett zum Schlafen zu finden. Durch Zufall hörte Leifer von dem Syrian Expat Philharmonic Orchestra und besuchte ein Konzert von ihnen in Berlin. Sie war so begeistert von der Musik, dass sie ihnen sofort ein Gemeinschaftskonzert anbot und dafür gewinnen konnte.

Das Orchester besteht aus syrischen Flüchtlingen und ist damit einzigartig in Europa. Die Flüchtlinge sind hochtalentierte Musiker, denen es nicht mehr möglich war in ihrer Heimat Musik zu machen. Einige von Ihnen sind über ein Visum für ein Gastspiel nach Europa gekommen und konnten danach nicht mehr in ihre Heimat zurück. Andere haben eine teils jahrelange Flucht hinter sich. Gegründet wurde das Orchester von dem jungen Kontrabassisten Raed Jazbeh, der vor zwei Jahren aus Damaskus nach Deutschland floh. Er nahm von hier aus Kontakt zu anderen syrischen Orchestermusikern auf, die mittlerweile im Exil lebten. Über 30 Musiker konnte er über die Zeit gewinnen.

Das Projekt bietet den syrischen Flüchtlingen nicht nur einen Raum zum Musizieren, sondern integriert diese auch mit ihrer Arbeit in die Gesellschaft. Leifer ist froh einen Beitrag dazu leisten zu können: „Um so mehr Menschen nach Deutschland kommen und sich durch Arbeit integrieren, umso weniger Probleme gibt es. Mit diesem Gemeinschaftskonzert können wir das in einem sehr kleinen Rahmen tun“.

Integration über den Arbeitsmarkt schafft nicht nur den Flüchtlingen die Chance sich nützlich und erwerbstätig einzubringen, sondern auch ihren eigenen Unterhalt zu bestreiten und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dabei zeigt sich, dass die Flüchtlinge die nach Deutschland kommen hoch motiviert sind, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren, egal ob Handwerker, Akademikerin oder Menschen mit fehlender Schulbildung. In Deutschland wird es Geflüchteten jedoch durch rechtliche Restriktionen hinsichtlich des Arbeitsmarktzuganges erschwert eine Beschäftigung aufzunehmen. Erst langsam zeigt sich ein Wechsel von Beschäftigungsverbot hin zu Beschäftigungserleichterung. Nicht zuletzt, weil die Integration von Flüchtlingen auch einen ökonomischen Vorteil für das Land bietet und es in vielen Wirtschaftsbereichen an nötigen Arbeitskräften fehlt.

Das von Leifer organisierte „Konzert ohne Grenzen“ vermittelt nicht nur ein positives Bild von Flüchtlingen, sondern eröffnet dem Zuschauer auch die Möglichkeit einen anderen Blickwinkel auf Syrien zu erlangen. Jazbeh in einem Interview mit Radio Bremen dazu:

„Wir würden gerne ein schönes Bild von Syrien zeichnen. – Statt all der Blut- und Kriegsbilder, denn alle Medien und das Fernsehen sprechen nur vom Krieg in Syrien.“

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Foto: Barbara Leifer

Das Besondere an der Zusammenarbeit von dem Diplomatic Choir of Berlin mit dem Syrian Expat Philharmonic Orchestra sind nicht nur die syrischen Flüchtlinge, sondern das Zusammentreffen von Menschen aus verschiedenen Religionen und Kulturen. Den Diplomatic Choir of Berlin beschreibt Leifer als „Melting Pot of people and religion“. Die Sänger_innen kommen unter anderem aus Russland, Libyen, Japan, China, Spanien, England, Amerika und Estland und sind dabei jüdisch, muslimisch oder christlich. Sie selbst ist eine Jüdin aus New York. Auf die Frage, ob das nicht zu Spannungen führen kann, antwortet Leifer, dass es immer Probleme und Spannungen gibt, wenn viele Menschen so nah zusammenarbeiten. Dabei sei jedoch Religion und Herkunft egal. Es gibt auch Menschen, die mögen sich nicht, auch wenn sie die gleiche Religion ausüben.

Die Musik ist das verbindende und zentrale Element und eine gute Zusammenarbeit ist hier sehr wichtig. Es ist egal wo du herkommst. Es ist nur wichtig, dass du deine Musik gut spielst. Wenn du nicht gut spielen kannst, mag dich keiner„, so Leifer. Auch antisemitische oder rassistische Vorfälle konnte Leifer nicht verzeichnen – Musik sei der einzige Fokus, über Politik wird nicht geredet.

Auf dem „Konzert ohne Grenzen“ wurden unter anderem Stücke von Vivaldi, Händel und Mozart mit syrischer Musik kombiniert. Hier wurden neben „Cultural Borders“ auch „Musical Borders“ aufgebrochen, beschreibt Leifer das Konzert. Nach dem erfolgreichen ersten gemeinsamen Konzert im April in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin sollen noch weitere Konzerte folgen. Um allen Menschen die Teilnahme zu ermöglichen, ist der Eintritt spendenbasiert. Um die syrischen Musiker_innen angemessen zu entlohnen, müssen die finanziellen Mittel erst erworben werden – eine Grundvoraussetzung für Leifer.

Der integrative Umgang mit Flüchtlingen wie Leifer es zeigt, ist ein wichtiger Schritt gegen Rassismus. Ein talentierter syrischer Musiker, der Mozart spielt, räumt mit gängigen Vorurteilen auf und schafft neue Blickwinkel.

(4. Mai 2016)

Titelfoto: Probe in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Berlin (Barbara Leifer)

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